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Kratzen & Beißen

Gegen Konzertquatschen

Unsere Autorin war gestern bei The National im Tempodrom in Berlin und wollte das hier noch mal loswerden: »Lieber Peter: Nichts, aber auch wirklich gar nichts von dem, was du gestern in der ersten Reihe bei The National in Berlin erzählt hast, ist interessanter als das, was auf der Bühne passierte.« Heißt übersetzt ungefähr: »Einfach mal die Fresse halten!« Über ein Phänomen, das einfach nicht aussterben will: Konzertquatschern


Geschrieben am
Ich weiß, ich weiß: Jeder Rant, den man schreibt, läuft Gefahr, einem den Anstrich einer cholerischen Rentnerin anzupinseln. Sowas passiert beim Meckern scheinbar schnell – egal ob man sich über falsch ausgerichtete Gartenzwerge ärgert, oder über Konzertbesuche. Aber ich bin keine Gestrige, ich liebe mein Smartphone und auch dieses Internet. Find ich klasse. Auch wenn ich bei Konzerten mittlerweile sehr gerne in der ersten Reihe stehe, um die Band zu sehen und keine Wand aus Handybildschirmen. Aber nun gut, sich über Handyaufnahmen aufzuregen, die hinterher wackelig und mit beschissenem Sound auf Youtube landen, ist in etwa so spannend, wie sich über die katholische Kirche zu ärgern.

Ich möchte mich über etwas anderes aufregen dürfen, etwas viel Trivialeres, mit viel längerer Tradition: penetrante Gespräche während eines Konzerts. Mir ist das Ätzende daran zwar schon immer aufgefallen, gestern war ich aber das erste Mal alleine auf einem Konzert, was diesen Eindruck noch verstärkt hat. Und wenn man da so alleine rumsteht, sich an seinem Bier festhält und auf so viele Einzelheiten achten kann (ist jemandem aufgefallen, dass die beiden Zusatzmusiker im Hintergrund sehr stylische, russische Gangster in einem Guy Richie Film verkörpern könnten?), dann dringen einem die Unterhaltungen noch viel unausweichlicher ans Ohr. Sie sind da und kämpfen darum, gehört zu werden, während ich mich eigentlich in »Born To Beg« verlieren möchte.

Ich verstehe es nicht! Kein bisschen. Ich kann nicht nachvollziehen, wie man sich in die erste Reihe eines Konzerts stellen und dann lautstark darüber debattieren kann, ob es jetzt ok ist, dass Peter seit Tagen in Embryonalstellung im Bett liegt vor lauter Kummer. Peter hat nämlich auf der WG-Party letzte Woche seinen Lieblingspulli verloren und ist nun schrecklich betrübt. Schlimm für Peter, gleichgültig für sonst so ziemlich jede Person, unverständlich für mich, warum dies vor meiner Nase auf einem The National Konzert diskutiert wird.

Oder der Typ links von mir, Jens, der seiner Begleitung versichert, dass das jetzt sein Lieblingslied von The National ist. Neee, doch nicht, dass jetzt, das andere, das ist sein Lieblingslied. Oder doch nicht? Also eigentlich mag er ja die alten Songs lieber. Am besten findet er übrigens Depeche Mode. Gehen die nicht bald wieder auf Tour? Jens hat übrigens auch so eine Gitarre wie der Bryce. Nur in rot, oder doch nicht? Er weiß es nicht mehr genau und schaut das erstmal nach. Nee, seine Gitarre ist grün! Toll oder?

Dabei gibt es hier so vieles zu sehen und zu tun: typisch deutsch gegen den Takt klatschen zum Beispiel, gemeinsam mit Berninger tanzen, der die Aura und Dancemoves eines Mathelehrers hat, dem seine Schüler das erste Mal gezeigt haben wie man Tequila trinkt, die möglichen Liter an Wein zählen, die Berninger mit seinen plötzlichen Weißweinweitwurf-Ambitionen ins Tempodrom und gegen seine Mitmusiker zimmert oder sich über Bryan Devendorfs Sportoutfit freuen, dass er definitiv Michael Cera geklaut haben muss. Es ist doch so viel schöner, sich gemeinsam in den Lyrics von »I Need My Girl« zergehen zu lassen oder den Dessner-Boys beim Rumnerden an den Instrumenten zuzuschauen. Warum zur Hölle muss man sich hier und jetzt über Peters verkackten Pulli unterhalten?

Ich möchte hingehen zu der Gruppe von Menschen, deren Verbindung zu Peters Pullover oder die Farbe von Jens Gitarre offenbar wichtiger ist als dieses grandiose Konzert, und möchte diesen Menschen fünf Euro in die Hand drücken, möchte ihnen charmant, unfreundlich und bestimmt sagen, dass sie mit dem Geld doch bitte draußen die Bekanntschaft einer Parkuhr machen und diese mit Peters Trauer zuschwallern sollen. Hier sind wir wieder bei den Vorteilen daran, alleine auf dieses Konzert gegangen zu sein: Mich, die cholerische, verbitterte Alte, kann halt niemand davon abhalten, genau das zu tun.


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