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Ein Sprachwissenschaftler im Gespräch

Das Jugendwort des Jahres

Wir haben den Sprachwissenschaftler Dr. Nils Bahlo gefragt, warum ausgerechnet »I bims« zum Jugendwort 2017 geworden ist und wo der Zusammenhang zwischen Popkultur und Jugendsprache besteht.
Geschrieben am

Interview:
Miriam Fendt

Herr Dr. Bahlo, was sagt es über den Sprachgebrauch von Jugendlichen aus, dass »I bims« das Rennen gemacht hat?
Die Wahl betrifft eine Konstruktion, die ihren Ursprung in der sogenannten »vong«-Sprache hat und damit der stilisierten Jugendsprache im Netz zuzuschreiben ist. Als junges virales Phänomen hat sie ihren Einzug in die jugendliche Mündlichkeit gefunden. Im Gegensatz zu anderen Wörtern ist hier die Wahl auf eine prominente Konstruktion gefallen, die sicherlich viele Jugendliche – aber natürlich nicht alle – erreicht hat. Über den Sprachgebrauch sagt dies erst mal nur aus, dass Jugendliche Medien rezipieren und prominente Variationen situativ übernehmen. Genau wie Erwachsene.  

Für welches Wort hätten sie gestimmt?

Schwierige Frage. Ich stehe den Wortsammlungen recht kritisch gegenüber, da sie den Kontext aussparen und teilweise einfach ausgedacht sind. Viele der Worte haben die Jugendlichen niemals erreicht. Aber: »vong« hätte es schon verdient, obwohl es sich dabei um stilisierte Jugendsprache handelt. Kreativ, lustig und in seiner offen-vulgären Art recht jugendlich anmutend ist das »tacken«. Da musste ich selber schmunzeln.
Welches popkulturelle Medium hat Ihrer Meinung nach den größten Einfluss auf die Jugendsprache? 
Das kommt ganz auf das Milieu und die Vorlieben der Jugendlichen an. Jugendsprache ist ja keine einheitliche Spielart der Sprache. Eigentlich hat jede Gruppe Gleichaltriger einen oder mehrere eigene Stile. Jugendliche sind besonders medienaffin und bedienen sich aus verschiedenen Medien. Besonders auffällig mag sicherlich die Musik Einzug in den jugendlichen Wortschatz halten, belastbare Studien gibt es dazu aber nicht. Interessant ist vielleicht, dass sich Jugendliche nicht einfach aus den Medien bedienen. Sie reichern die Medien durch ihren kreativen Sprachgebrauch auch an.   

Die Netzkultur bringt immer mehr Anglizismen in den Sprachgebrauch – würden Sie diese Entwicklung ausschließlich negativ bewerten? 
Nein, überhaupt nicht. Zeichen jeder aktiven Sprache ist, dass sie sich ändert. Neue Kommunikationsformen und neue Kommunikationssituationen erfordern ganz einfach ein Anpassen. Da gibt es mehre Möglichkeiten. Man könnte zum Beispiele ein neues Wort erfinden oder man nimmt ein bestehendes Wort und pflegt es in den Wortschatz ein. Das passiert sicherlich besonders häufig. Die deutsche Sprache ist so stark, dass sie in der Lage ist, nicht einfach zu übernehmen. Englische Wörter werden oftmals eingedeutscht, oder sie werden in einen neuen Kontext gesetzt oder semantisch erweitert. Das ist doch positiv.   

Was meinen Sie, wird in zehn Jahren Kollegah statt Goethe in den Schulklassen besprochen?
Nein, sicherlich nicht. Das Buch und auch andere Printmedien werden nicht abgelöst. Sie sind fest in der Kultur als Unterhaltungs- und Bildungsprodukte verankert. Vielleicht wird sich eines Tages die Form verändern aber das wäre ja nun nicht so dramatisch, wenn die Inhalte erhalten blieben. Aber warum eigentlich nicht Kollegah im Unterricht behandeln? Zur Reflexion von Sprache gehört sowohl eine diachrone als auch eine synchrone Betrachtung von Sprache, die also vergangenen und aktuellen Sprachgebrauch zum Thema macht und nicht nach dem »richtig« oder »falsch« sondern nach dem »situativ angemessen« oder »situativ unangemessen« fragt.   

Wie bewerten Sie denn den Einfluss von Rap im Allgemeinen auf die Sprache von Jugendlichen?
Eigentlich gering. Es ist wohl eher umgedreht oder eine Wechselwirkung. Jugendliche beeinflussen den Rap, der Rap beeinflusst Jugendsprache durch seine mediale Verbreitung. Der Einfluss hängt auch davon ab, in welchem Verhältnis die Jugendlichen zum Rap-Milieu stehen. Vereinzelt werden kleinere Teile natürlich auch ohne direkten Kontakt transportiert. Insgesamt ist die Frage aber schwer zu beantworten, da es keine quantitativen Auswertungen dazu gibt.   

Würden sie in diesem Zusammenhang trotzdem die viel beschworene Verantwortung von prominenten Rappern einfordern?
 
Verantwortung für nachfolgende Generationen hat sicherlich jeder. Das betrifft nicht nur die Rapper. Wenn Hegemann in »Axolotl Roadkill« ausgelassen von »Arschficks« schreiben darf, kann man das auch rappen. Sexualität, Brutalismen und Vulgarismen waren und werden immer Teil der Kunstszene sein. Das finden wir schon in Strickers »Nonnenturnier« aus dem 14. Jahrhundert oder etwas später beim Meistersinger Hans Sachs. Man kann über diese Kunst geteilter Meinung sein, die Verteufelung wird jedoch nichts bringen. Viel wichtiger ist aus meiner Sicht, den Jugendlichen beizubringen, Sprache zu reflektieren. Sie müssen in der Lage sein, über Inhalte, Funktionen und Formen von Sprache nachzudenken und sensibel mit ihr umzugehen. Was für mich in Ordnung ist, muss nicht unbedingt für andere Personen akzeptabel sein.   

Wie verändert sich dieser Sprachgebrauch mit dem Alter?
 
Jugendsprache verschwindet eigentlich nie ganz. Sie wird jedoch seltener verwendet, da die Situationen des Alltags bei Erwachsenen einfach andere sind. Strenggenommen ist unsere heutige Umgangssprache ein Stück weit geronnene Jugendsprache vorausgegangener Generationen. Niemand regt sich heute mehr über das Wort »geil« auf. In den Achtzigerjahren war es aber fast so anrüchig wie das heutige Wertadjektiv »porno«. Das ist es, was überlebt: Prominente Wörter, die irgendwann alltagstauglich werden. »Krass« ist zum Beispiel in einem Wörterbuch von Salmasius aus dem 18. Jahrhundert als »studentisch« markiert.   

Gibt es eine Tendenz, mit der sich zukünftige Entwicklungen und Trends der Jugendsprache absehen lassen? 
Jugendsprache ist eigentlich ein alter Hut im ständig neuen Design. Wenn wir eine Glaskugel hätten, die die Form und Funktion von Jugendsprache in zehn Jahren zeigen könnte, wäre ich praktisch arbeitslos. Die Veränderungen der Sprache hängen von so vielen Faktoren ab, dass es unmöglich ist, etwas genaues darüber zu sagen. Eines ist jedoch sicher: Solange wie es Jugendliche gibt, wird es auch Jugendsprache – was immer das auch ist – geben.
Dr. Nils Bahlo (Westfälische Wilhelms-Universität Münster/Germanistisches Institut/Sprachwissenschaft)

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