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Ein Haufen Holz

Ein Besuch beim Rosa-Parks-Haus in Berlin

In Detroit hat der Künstler Ryan Mendoza das Haus der Bürgerrechtlerin Rosa Parks abgebaut und nach Berlin verschifft, um die 2.000 Stücke Holz in seinem Vorgarten wieder zusammenzubauen. Julia Brummert hat den Künstler und seine Frau Fabia besucht, um sich die verrückte Geschichte erzählen zu lassen.
Geschrieben am
Auf Zehenspitzen versuchen Neugierige, einen Blick über die hohe Mauer zu werfen. Ich gehe an dem Grüppchen vorbei und klingle einfach beim Atelier Mendoza. »Ah, gute Idee«, sagen die anderen Wartenden hoffnungsvoll. Der Künstler Ryan Mendoza selbst öffnet die Tür. Er trägt Arbeitsklamotten, auf seiner Hose sind Farbspritzer und Reste von Gips oder anderem Baumaterial. Die anderen wollen mit rein. Doch nichts da – schließlich ist das hier keine öffentliche Ausstellung: Mendoza wohnt und arbeitet hier. Ich hingegen habe meinen Besuch angemeldet. Aber immerhin gibt der Künstler den anderen Interessenten den Tipp, dass der Blick vom Hinterhof des Nachbarhauses besser sei. Dann fällt das Tor krachend hinter uns ins Schloss. Daran, dass neuerdings Menschen in seinem Atelier Sturm klingeln und ständig aus der Nachbarschaft auf sein Haus starren, ist Mendoza allerdings selbst schuld. Schließlich hat er das Haus von Rosa Parks hierher geholt, mitten in den Berliner Wedding.

Wir gehen an dem etwas windschiefen Holzhaus vorbei in sein eigenes, das direkt dahinter steht. Er wohnt seit einigen Jahren hier, zusammen mit seiner Frau Fabia, seinem Kind und einem Hund. Er bittet mich, die Schuhe auszuziehen, lässt sich auf ein großes Sofa fallen, wickelt sich in eine Decke, und dann beginnt meine Audienz. Mendoza erzählt von seinen beiden anderen Projekten in Detroit, über die Arbeit daran hat er Rhea McCauley kennengelernt, Rosa Parks’ Nichte. Sie hatte das Haus ursprünglich für 500 Dollar von der Stadt Detroit gekauft, als es auf der Abrissliste landete. »Ich war bestimmt nicht ihre erste Wahl. Sie hatte wirklich versucht, das Haus in der Black Community zu lassen. Der Gedanke, dass sich eine weiße Person um das Haus kümmern würde, gefiel ihr sicher nicht. Es gab aber niemanden, der sich der Sache annehmen wollte. Und sie mochte die Idee, dass das Haus ins Ausland gebracht wird und die USA dieses Haus damit verlieren.«
Bild: Fabia Mendoza
Mendoza ließ es abbauen und verschiffte es im Container nach Berlin, mit dem mulmigen Gefühl im Bauch, dass doch noch jemand Einwände erheben würde. Auf dem Zoll-Formular waren lediglich um die 2.000 Stücke Holz gelistet. Aber ist dieses Haus nicht eigentlich genau das: ein Haufen Holz?

Rosa Parks hat in diesem Haus nur zwei Jahre ihres Lebens verbracht, und es gab sicherlich andere Dinge, die ihr wichtiger gewesen sind. Ein Gedanke, den auch ein Historiker in der New York Times geäußert hat, das Haus sei »not brimming with historical importance, it’s simply a way station in Rosa Parks’ life«, hieß es dort. Mendoza wird ungehalten, wenn man ihn darauf anspricht: »Stell dir vor, es ist 1956, wir sind in Montgomery, Alabama, an einem Ort, der bis heute rassistisch geprägt ist. Wir sitzen bei Rosa Parks zu Hause, und jemand schmeißt Steine durch ihr Fenster. Sie bekommt Morddrohungen. Ihr Mann verliert seinen Job, sie haben kein Geld. Die Kirche hat ein wenig Geld für sie gesammelt, mit dem sie Alabama verlassen kann. Sie kommt im Haus ihres Bruders in Detroit unter. Ein Haus mit drei Schlafzimmern und einem Bad, in dem bereits 15 Menschen untergebracht waren! Einfach nur, weil das ihre einzige Möglichkeit war.« Für ihn steht dieser Haufen Holz beispielhaft für die Geschichte vieler Menschen, die Ähnliches durchgemacht haben: »Wir reden über kollektive Erinnerung, über die Vergangenheit in den USA. Wenn man sagt, dass dies keine Bedeutung hat, sagt man, dass Rassismus keine Bedeutung hat, dass Sklaverei, Segregation, dass all diese Dinge ohne Bedeutung sind!« Man merkt ihm an, dass er diese Dinge schon häufiger erklären musste. Und er klingt überzeugend.
Mendoza hatte das Haus und sein Grundstück an ein paar Terminen für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, es mit Sound und Lichtinstallationen ausgestattet. Ins Innere durfte niemand, auch aus Bauschutzgründen. Das Grundstück generell zu öffnen hält er für unmöglich: »Uns fehlt die Infrastruktur, Sicherheitsleute, man könnte es sonst einfach so in Brand stecken. Wir haben aber auch kein Interesse daran, hier ein ›Rosa Parks Bed & Breakfast‹ zu eröffnen oder was weiß ich. Ich hoffe einfach, dass sich irgendwann mal eine Institution meldet und Interesse daran bekundet, etwas mit diesem Haus zu machen.« Am liebsten wäre ihm eine US-amerikanische Institution.
Seine Frau Fabia hat einen Film über die Zeit in Detroit gemacht. Sie betont: »Für die Menschen dort ist es wichtig, dass man die Stadt nicht nur auf die kaputten Häuser herunterbricht. Die Botschaft, die immer hängen bleibt, dass die Stadt Rosa Parks’ Haus abreißen wollte. Aber das war die städtische Regierung, das waren nicht die Menschen, die dort leben. Einer der Nachbarn sagte, dass er das Haus gerne dort behalten würde. Aber dann wäre es eben abgerissen worden.«

Jetzt steht es mitten in Berlin und sorgt für Sturmklingeln bei den Mendozas und dafür, dass vom Maschendrahtzaun an der Seite des Geländes aus immer wieder Leute durch die Fenster in das Wohnhaus von Mendoza und seiner Familie gucken. Bis jemand kommt, das Haus ein weiteres Mal abbaut und endlich das daraus macht, was es sein sollte: ein – zugegebenermaßen sehr großes – Ausstellungsstück in einem Museum.

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