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Rave on, Topfpflanze

Data Garden

Seit einigen Monaten ist Intro Medienpartner und Präsentator der arte-Traditionssendung »Tracks«. Zur Feier dieser schönen Verbindung und zum Launch der neuen »Tracks«-Website und -App haben sich unsere beiden Redaktionen verbündet, um gemeinsam ein Thema vorzustellen, das ihr in der Sendung am 6. September sehen könnt: Die »Tracks«-Kollegen besuchten das US-Kunstkollektiv und Label Data Garden, das Musik aus Topfpflanzen generiert.
Geschrieben am
Joe Patitucci und Jon Shapiro verladen Topfpflanzen in einen Mietwagen, der vor ihrem WG-Haus in Nordphiladelphia parkt. Da ist zum Beispiel Carl, eine Sansevieria Trifasciata, die nicht so recht in den Kofferraum passen will. Was aussieht, als würden die beiden gerade ihr WG-Grünzeug für die Semesterferien ausquartieren, ist in Wahrheit knallharte Festivalvorbereitung: Joe Patitucci und Jon Shapiro sind Betreiber des DIY-Biofeedback-Kunstkollektivs und -Labels Data Garden – und die Pflanzen ihre Musiker. »Wir produzieren und veröffentlichen auf Data Garden pflanzengenerierte elektronische Musik«, erklärt Joe Patitucci. »Wir alle starren im Alltag die meiste Zeit auf irgendwelche Computerbildschirme oder achten viel zu sehr auf den Vibrationsalarm in unseren Taschen. Mit dem Projekt Data Garden wollen wir die Leute daran erinnern, dass es da draußen auch noch eine echte Welt gibt, die man anfassen kann.«
 
Deshalb haben sie zum Beispiel den Midi Sprout entwickelt. Damit wird der gute alte WG-Benjamini zum Musikproduzenten. Und das funktioniert so: Elektroden, die man an die Blätter anklebt, geben die elektrischen Impulse, die bei der Photosynthese in der Pflanze ablaufen, an einen Rechner weiter. Anschließend werden diese Impulse dann per Audiosoftware oder Synthesizer in Sounds umgewandelt. Veränderungen im Biorhythmus der Pflanze durch Berührungen des Blattes, Gießen, Lichtveränderungen oder Umtopfen verändern auch die Impulse und damit den Sound. Funktioniert also nach dem gleichen Prinzip wie ein EKG oder ein Lügendetektor. »Die meisten Leute vergessen, dass Pflanzen lebende Organismen sind. Dadurch, dass wir den Biorhythmus in der Pflanze hörbar machen, weiß man zwar immer noch nicht, was die Pflanze fühlt, aber man bekommt mit, dass etwas in ihr passiert«, erklärt Jon Shapiro. »Wir werden ständig gefragt: ›Funktioniert das auch, wenn ich das an meinem Körper trage? Oder an meiner Katze?‹ Funktioniert natürlich auch.«

Seine Begeisterung für Botanik und Beats entdeckte das Kollektiv Data Garden vor drei Jahren, inspiriert vom Buch »The Secret Life Of Plants« von 1973. »Darin geht es um Wissenschaftler, die mithilfe der Biofeedback-Technologie bei Pflanzen so etwas wie ein Bewusstsein nachweisen wollen. In den 70ern haben sich viele Künstler darauf berufen. Als wir davon erfahren haben, sind wir ausgeflippt. Dann haben wir uns überlegt, wie man das mit Musik zusammenbringen könnte und den Midi Sprout entwickelt«, erinnert sich Jon Shapiro. 2011 verkabelten Data Garden den ältesten botanischen Garten der USA, Bartram’s Garden in Philadelphia, und machten daraus die riesige Bio-Art-Installation »The Switched-on Garden«. Aus der Soundinstallation wurde ein DIY-Label, auf dem aktuell elf Künstler ihre Bio-Beats und andere Musik-Schubladen-ferne Sounds veröffentlichen.
Klar, dass auch bei der Tonträger-Verpackung einiges anders läuft als bei normalen Musiklabels: »Ich habe früher Musik auf anderen Indielabels veröffentlicht. Irgendwann fragten die mich, ob sie ein Album von mir nachpressen lassen könnten, weil es ausverkauft war. Ich dachte: Wenn sich die Leute die Musik auf den Rechner gezogen haben, wird die CD wahrscheinlich schon sehr bald auf irgendeiner Müllkippe liegen und vor sich hin gammeln. Wozu also noch das ganze Plastik? Das muss doch irgendwie anders gehen.« Deshalb haben Data Garden für ihre Alben Download-Cards entwickelt, die man pflanzen kann. »Ins Papier der Download-Cards sind Pflanzensamen eingebettet«, erklärt Joe Patitucci das Prinzip. »Unser WG-Hinterhof war im letzten Jahr voll mit blauen Kardinals-Lobelien, alles Probedrucke von Data-Garden-Alben.«

Eines dieser einpflanzbaren Alben heißt »The Bee And The Stamen« und stammt vom amerikanischen House- und Techno-Producer King Britt. Er steht beim Medienkunstfestival Forcefield in Philadelphia, auf dem wir Data Garden trafen, zum ersten Mal live mit seiner Topfpflanze und dem Midi Sprout auf der Bühne. »Das ist schon sehr speziell und neu für mich. Ich habe eine Woche lang geprobt und Beats programmiert, die durch die Impulse der Pflanze gesteuert werden. Wenn die Leute während meines Live-Sets die Pflanze berühren, verändert das auch die Beats«, sagt King Britt, während er die Midi-Sprout-Elektroden an seiner Friedenslilie anklebt. »Mir geht es hier gar nicht so sehr um das Endergebnis, mehr um den Prozess und um das Experiment. Ich finde das ziemlich spannend, weil ich auf meinem neuen Album auch mit pflanzengenerierten Sounds arbeiten will.«
 
Und tanzen kann man dazu ebenfalls. Auch wenn das bei manchen der 500 Forcefield-Festivalbesucher eher nach einer Mischung aus Sonnengruß und Tanz-deinen-Namen-Action aussieht. Aber das ist vielleicht gar kein Zufall. »Was ich an Biofeedback-Musik spannend finde, ist, dass sie noch nicht mit den üblichen Musik-Klischees belegt ist. Es gibt keine Egos auf der Bühne. Keine Rock-Star-Attitude. Es ist nicht so: ›Hey, guckt mich an!‹ Sondern: ›Hey, guckt euch die Pflanze an und denkt drüber nach, was darin gerade passiert und wie die Sounds zustande kommen‹«, findet Jon Shapiro.
 
Man kann Biofeedback aber auch einfach als innovatives, experimentelles Musikgenre sehen. So wie King Britt: »Für mich ist Biofeedback-Musik auf jeden Fall eine neue Art, wie wir in Zukunft Musik machen werden. Hier in Philadelphia nimmt gerade so etwas wie eine neue Bewegung ihren Anfang. Data Garden sind die Pioniere auf dem Gebiet der Biofeedback-Musik.« Damit bald auch Hobbygärtner und Soundtüftler außerhalb Philadelphias Teil der DIY-Biofeedback-Bewegung werden können, haben Data Garden vor ein paar Wochen eine Kickstarter-Kampagne gestartet. Sie wollen den Midi Sprout schon bald in einer kleinen Serie produzieren und an befreundete Künstler und Unterstützer ihrer Kickstarter-Kampagne weitergeben. Momentan haben Data Garden zwar noch keine Pläne, Midi Sprout auch online zu vertreiben, aber das kann noch kommen.
 
Bleibt nur noch eine Frage: Was halten eigentlich die Pflanzen selbst vom Biofeedback-Movement? »Ich glaube, dass die Pflanzen genau hören, was sie da erzeugen, und dass das auch den Sound verändert. Wenn ich zum Beispiel den Pflanzensound über Kopfhörer höre, klingt es ganz anders, als wenn ich ihn laut über Boxen laufen lasse. Die Pflanzen kriegen den Sound also mit. Die wissen ganz genau, was abgeht, die sind ziemlich schlau.«
Tracks

»Tracks« ist das Magazin für Popkultur auf arte. Seit über 15 Jahren stöbern die TV-Kollegen jede Woche weltweit neue Musik auf, begleiten Aktivisten, treffen Frickler und alte Pophelden. »Tracks« läuft samstags gegen 23 Uhr im TV auf arte und neuerdings 24/7 mit eigener App und neuer Website. Am 06.09. außerdem mit dabei: die Lieblings-UK-Grantler Sleaford Mods und ein Rückblick vom Melt! mit Robyn & Röyksopp und Jungle. Hier geht’s zum Download der neuen »Tracks«-App«

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