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Was hat ihn bloß so ruiniert?

Virginie Despentes im Gespräch

Das System ficken, aber wie? Der erste Teil von Virginie Despentes’ Roman-Trilogie, »Das Leben des Vernon Subutex«, handelt von einem Plattenhändler, der vor die Hunde geht – und von der Unmöglichkeit, dem Neoliberalismus zu entkommen.
Geschrieben am
 »Vinyl und Analogfotografie – wir sind also beide Überlebende einer untergegangenen Industrie«, so der lakonische Kommentar einer Bettlerin, die Vernon Subutex gegen Ende des Buches beibringt, wie man vor einem Pariser Supermarkt am effektivsten die Hand ausstreckt. Einst besaß dieser Subutex, titelgebender Antiheld in Virginie Despentes’ fulminantem Trilogie-Auftakt »Das Leben des Vernon Subutex«, einen Plattenladen und hörte von morgens bis abends Punkrock. »Ursprünglich war der Roman als eine Art Hommage an den Einfluss der Musik auf mein Leben gedacht«, erzählt die 1969 geborene Autorin, die ihren Skandalroman »Baise-moi – Fick mich« einst selbst verfilmte. »Diese Grundidee hat sich schnell zu einer Reflexion darüber ausgeweitet, wer wir waren, die wir in den 1980er Jahren in beinahe mystischer Verzückung Musik gehört haben, und was aus uns geworden ist. Wir haben uns sehr verändert.« 

Genau wie die Welt rund um Vernon Subutex. Seit ihm Napster und YouTube das Geschäft ruiniert haben, geht es bergab mit ihm. Schließlich steht der nunmehr arbeitslose Plattenverkäufer auf der Straße. Mit fadenscheinigen Ausreden und dem, was er am Leib trägt, lässt er sich für jeweils ein paar Nächte auf den Sofas ehemaliger Weggefährten nieder. Pech für Vernon, Glück für die Leser: Denn auf diese Weise entfaltet sich ein facettenreiches Panorama der Pariser Gesellschaft vor unseren Augen, die haltlos taumelt zwischen »Horrorkapitalismus« und Abstiegsangst.  Sähe das Buch heute, nach der Wahl Emmanuel Macrons zum französischen Staatspräsidenten, anders aus? Im Gegenteil, meint Despentes: »Würde ich jetzt anfangen zu schreiben, wäre die Verzweiflung meiner Figuren sogar noch größer. ›Vernon Subutex‹ ist ein Buch über die Unmöglichkeit, dem liberalen System zu entkommen – die raffinierteste Form des Totalitarismus, die wir je erlebt haben.« In diesem System gefangen ist der Ex-Hells-Angel Patrice, dessen Frau längst vor seinem Jähzorn Reißaus genommen hat. Der fremdenfeindliche Drehbuchautor Xavier, der sich aufopfernd um den Familienhund sorgt, jedoch alles, was jenseits des eigenen Gartenzauns geschieht, hasserfüllt beäugt. Und nicht zuletzt der Börsenspekulant Kiko, der auf einer im Platzen begriffenen Finanzblase reitet, während er permanent seine koksinspirierten Ergüsse twittert.

Allem Zynismus zum Trotz klingt das Ende, in dem Vernon buchstäblich mit Paris verschmilzt, überraschend versöhnlich. Wie nicht anders zu erwarten, besteht »die Berührung der Stadt« zum Großteil aus Musik. Wenn auch nicht unbedingt Punkrock. »Ich habe ohne Pause Leonard Cohen gehört, während ich die Trilogie schrieb«, verrät Despentes. »Vermutlich hat das eine Art Ruhe geschaffen, einen pessimistischen, aber auch zärtlichen Flow.«

Virginie Despentes

Das Leben des Vernon Subutex: Roman

Release: 17.08.2017

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