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Cineastische Fieberträume fürs Fernsehen

»Twin Peaks: The Return«

Über ein Vierteljahrhundert ließ die Fortsetzung der Kultserie auf sich warten. Mit »Twin Peaks: The Return« gibt es nun 18 abschließende Folgen, die den ungelösten Mysterien rund um das düster-verwunschene Städtchen an der amerikanisch-kanadischen Grenze auf den Grund gehen. Die Machart der dritten Staffel offenbart, warum es das Sequel wie nie zuvor wert ist, entdeckt zu werden.
Geschrieben am
Achtung: Dieser Text beinhaltet Spoiler zu allen drei Staffeln von »Twin Peaks«

Nach aufreibenden Querelen mit Showtime-Boss David Nevins, der David Lynch sehr viel großzügiger sponsern musste, als ihm lieb sein konnte, tat der Sender doch ganz gut daran, den Forderungen des Regisseurs nachzugeben. Um die surreal-morbiden Visionen des kinematografischen Altmeisters realisieren zu können, bedarf es nun mal eines horrenden Budgets. Fakt ist, dass Lynch erneut die volle Bandbreite vertrackter Erzählmuster ausnutzt. Der Serienhybrid — Thriller, Mystery und Seifenoper — ist mindestens genauso einzigartig wie bereits vor 27 Jahren.

In der neuen Staffel begegnet uns Agent Dale Cooper, nachdem er zum Abschluss der zweiten Staffel vom dämonischen Bösen in Besitz genommen wurde, zunächst als eine roboterhaft-degenerierte Hommage an den verwegenen Cameron Poe aus »Con Air«, gespielt von Nicolas Cage. Irritationen sind berechtigt. Nicht zuletzt, weil BOB – der Dämon, der in Cooper seinen Wirt fand, um auch in irdischen Sphären sein Unwesen treiben zu können – als Ursprung allen Übels mittlerweile größere Kreise zieht.
 

Das aktuelle Setting der Serie beheimatet eine Vielzahl neuer Schauplätze. In New York etwa glaubt man ein Wurmloch zur diabolischen Parallelwelt, dem »Red Room«, ausgemacht zu haben. Dessen Zutritt war bisher nur über die »Schwarze Hütte« möglich. In South Dakota hausiert die retardierte Wiedergeburt des FBI-Agenten, die in Person des Winkeladvokaten Dougie Jones dem alten Cooper äußerlich zwar identisch ist, vom ausgeklügelten Sachverstand allerdings alles an Scharfsinnigkeit vermissen lässt, die für die Hauptfigur sonst so typisch ist. Immerhin: In langsamen Schritten schimmert immer deutlicher die wahre, noch immer im »Red Room« gefangene Persona Dale Coopers durch. Nicht nur, dass er dem Geschmack »verdammt guten Kaffees« noch immer verfallen ist, sondern auch die Tatsache, dass der bisweilen so hüft- und wortkarge Dougie urplötzlich wieder die Fähigkeit hat, ein auf ihn verübtes Attentat in bester FBI-Agenten-Manier zu vereiteln, sprechen für eine allmähliche Rehabilitation.  


Neben diesem Handlungsstrang, der versucht die Geschichte Dale Coopers zu rekonstruieren, gibt es eine Vielzahl unergründeter Geheimnisse, die die dritte Staffel entdeckungswürdig machen. »Twin Peaks: The Return« lädt zu völlig neuen Arten der Rezeption ein: Während alterprobte Peakies immer noch Dopaminschübe beim Aufspüren Lynch’scher Codes bekommen, ist der Serie eine Gestaltungsfreiheit anzumerken, die erahnen lässt, warum Showtime für die Produktion so tief in die Tasche greifen musste. Auch diejenigen, die bisher nichts mit »Twin Peaks« anzufangen wussten, werden absolut entzückt sein, versprochen!   

Der Höhepunkt dieser phantastischen Kreativität kommt in der zuletzt erschienenen, achten Episode zum Höhepunkt. Während Coopers Seele irgendwo in der abgehalfterten Hülle von Dougie Jones schlummert, wird sein eigentlicher Körper von BOB besetzt. Der ist mittlerweile inhaftiert, hält aber Informationen, die den Justizapparat dazu zwingen, ihn aus der Haft zu entlassen – und das obwohl die höchste aller Entscheidungsgewalten, nämlich das FBI in Person des stellvertretenden Chef-Direktors Gordon Cole (David Lynch) noch zwingend befahl, den Häftling keinesfalls auf freien Fuß zu setzen. Alles, was der böse Coop dazu ausplaudern musste, war »Strawberry«. Ein Schlagwort, das nur der zuständige Gefängnisdirektor einzuordnen weiß? Nachdem der besessene Cooper auf seiner Freiheitsfahrt dann doch zur Strecke gebracht wird, offenbart sich die ganze Palette von David Lynchs surrealistischem Erfahrungsschatz, dessen gewaltige Bilderwelten verschiedene Kulminationspunkte der amerikanischen Filmtradition zitieren, angefangen beim Film Noir bis hin zu gestochen scharfen High-Key-Arrangements zeitgenössischer Feel-Good-Ästhetik.

Dass uns die ausstrahlenden Sender (Showtime in den USA und Sky in Deutschland) nach der letzten Folge Gelegenheit zum zweiwöchigen Verschnaufen gönnen, trifft auch eine unmissverständliche Aussage über uns als Serienkonsumenten. Nun heißt es nämlich, sich zu gedulden. Wie schrecklich! Geduld ist aber einfach nötig, möchte man die teilweise endlos wirkenden Szenen in »Twin Peaks: The Return« auch genießen.   

Nach seiner Ermordung wird der böse Cooper von mysteriösen Schattengestalten, sogenannten »Woodsmen«, verspeist. Fortan geleitet uns Lynch in einen immersiven Fiebertraum, der mit dem Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima beginnt. In hypnotischen Bildsequenzen bringt der atomare Pilz, dessen allseits bekannte Fotoaufnahme übrigens auch in ordentlicher Rahmung im Büro der dortigen FBI-Agenten zu begutachten ist, das Böse zum Vorschein. Hierbei orientiert sich die Ikonographie keineswegs mehr an der überwiegend hoch ausgeleuchteten Bildsprache der ersten beiden Staffeln, sondern changiert vielmehr zwischen malerischer Finsternis und einer Trance auslösenden Gewalt, die den konventionellen Serien-Junkie des 21. Jahrhunderts überfordern muss. Zu guter Letzt materialisiert sich im Dunst des »Little Boy« ein widerlicher Hybrid aus Fluginsekt und Echse, der sein irdisches Ankommen kurzerhand dazu nutzt, um in den Mund eines unschuldigen und friedlich vor sich hinschlummernden Mädchens zu kriechen. Hiermit schließt die letzte Folge.   


Entgegen aller anfänglichen Kritik war jedoch in jedem Fall abzusehen, dass David Lynch ein völlig neues Kunstwerk schaffen wollte. Dieses lässt sich nur schwer mit dem vergleichen, was »Twin Peaks« vor 27 Jahren zum außergewöhnlichsten TV-Spektakel aufstiegen ließ, das man bis zu diesem Zeitpunkt kannte. Grundsätzlich hat Lynch stilistisch und erzählerisch so einiges geändert. Staffel drei ist mehr als eine bloße Fortsetzung des Heile-Welt-Storytellings, dessen ungeahnten Abgründe an der Oberfläche nur schwer auszumachen sind. Generell gilt: An den Stellen, wo sämtliche Fäden der ersten beiden Staffeln zusammenzulaufen scheinen, gehen sie anderorts wieder auseinander.   

Bereits im letzten Jahr hatte Mark Frost (Drehbuchautor und Co-Produzent der Serie) mit »The Secret History Of Twin Peaks« ein bis dato »geheimes FBI-Dossier« veröffentlicht, das als informationsreiches Begleitbuch auf eine Einbettung des Buchinhaltes innerhalb der Serie schließen ließ. Die von einem geheimen Archivar angelegte Informationssammlung wird dabei von einer Person namens »TP« inspiziert. Dem aufmerksamen Zuschauer fällt jetzt auf, dass es sich hierbei nur um Tammy Preston (Chrysta Bell) handeln kann, die in der aktuellen Staffel als Assistentin des Deputy Director Cole auftritt. Darüber hinaus geht es um die Entstehungsgeschichte des beschaulichen Fleckchens, auf dem ursprünglich Indianer angesiedelt waren. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts besaßen besagte Erstankömmlinge einen dämonisch beseelten Ring, der das wohl sinnbildlichste Signum des Twin-Peaks-Universums abbildet: die reduzierte Zeichnung einer Eule, ein Symbol, an dem man in der kodierten Welt von »Twin Peaks« nicht vorbeikommt.   

Lynch findet die perfekte Dosierung aus Referenzbegehren, fortgeführter Narration und neuen Handlungssträngen, die mitunter zermürbend sind, letztlich aber nicht ignoriert werden können, will man den ausgefeilten Mikrokosmos als solchen verstehen. Dass an dieser Stelle auch die Personenkonstellationen nach Innovationen verlangen, ist nur konsequent. Eine Vielzahl neuer Typen wird eingeführt. Richard Horne (Eamon Ferren) zum Beispiel, der vermeintliche Bastard des von BOB besetzten Coopers und dessen platonischer Langzeitliebschaft Audrey Horne (Sherylin Fenn), die zum Schluss der zweiten Staffel in eine Explosion verwickelt wurde, daraufhin im Koma lag und in diesem Zuge vom bösen Cooper für ein vermeintliches Schäferstündchen heimgesucht wurde. Michael Cera tritt als Sohn des unverbesserlichen Tollpatsch-Duos Lucy (Kimmy Robertson) und Andy (Harry Goaz) auf. Frank Truman (Robert Forster) hat als Bruder des schwer erkrankten Harry (Michael Ontkean) dessen Part als Sheriff übernommen. Diane Evans (Laura Dern), die ehemalige Sekretärin Dale Coopers, bekommt nach 27 Jahren auch ein Gesicht und soll als Kennerin des charismatischen Hauptcharakters den Gefängnisinsassen als Coopers okkultistische Reinkarnation entlarven. Neben vielen weiteren Debütanten bleibt »Twin Peaks: The Return« nichtsdestotrotz ein Großteil des Casts aus den ersten beiden Staffeln erhalten, wenngleich einige Darsteller (Warren Frost, Miguel Ferrer und Catherine E. Coulson), die in Staffel drei noch auftreten, während der Dreharbeiten verstarben und keine Gelegenheit mehr hatten das Endprodukt zu sehen.   


Eine weitere Neuerung besteht in der Vermengung von Fiktion und Wirklichkeit. Während »Twin Peaks« im Ursprung darum bemüht war, eine gänzlich erdachte Welt zu konstituieren, verschiebt sich nun dieser Anspruch, als dass sich vermehrt Hinweise auftun, die auf die Realität deuten, der wir als Zuschauer selbst angehören. Dazu trägt nicht nur die bereits angesprochene Schauplatzerweiterung bei, sondern in erster Linie auch die Cameo-Auftritte von Musikern wie Sharon Van Etton, Nine Inch Nails oder den Chromatics, die gleich in der Pilotfolge der neuen Staffel als akustische wie optische Reminiszenz an die Roadhouse-Sängerin der Premierenstaffeln zu verstehen sind. Die Konzerte finden hier im übrigen immer noch statt, nur wirkt nun alles ungleich frischer, sauberer und vor allem legaler, sofern sich in der neu benannten »Bang Bang Bar« nun lebensfrohe Teenager zum Konzertbesuch treffen. Laura Palmer wurde hier vor ihrem Tod noch in Rauschzustände versetzt, die sie ihren Peinigern im Anschluss ohne jeden Funken von Widerstand aussetzten. Hinzukommt das Zerhacken sinnstiftender Komponenten. Wenngleich in Lynchs Schöpfungen rein gar nichts zufällig geschieht, so zeigt er sich doch meisterhaft darin, die Schlüssel zur Decodierung seiner impliziten Hinweise unkenntlich zu machen.   

»Twin Peaks: The Return« verweist den Zuschauer geradewegs an die Grenzen des Fassungsvermögens. Durch surreale Bildsequenzen, langgezogene Einstellungen, den konventionellen Bruch seriellen Erzählens und den Sog audio-visueller Sphären, die mittels der technisch um einiges moderneren Möglichkeiten eine weitaus intensivere Inszenierung als noch vor 27 Jahren erlauben, befindet sich der Betrachter nun genau dort, wo er eigentlich nie hin wollte: mitten in der Sinngebung. Denn ob man will oder nicht, so bleibt es niemandem, der sich die Fortsetzung der Serie anschaut, erspart, die losen Handlungsstränge wie die komplett ad absurdum geführte Dramaturgie zu ignorieren. David Lynchs Codes wirken fortan noch verzweigter, noch vertrackter. Vielleicht muss man diesem Kunstwerk, das den cineastischen Gestus der Lynch-typischen Machart nun ins Wohnzimmer transportiert, einfach eingestehen, dass es gar nicht verstanden, sondern einfach genossen werden will.

Twin Peaks - Das ganze Geheimnis [Blu-ray]

Release: 13.10.2016

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