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Der Sound einer neuen Gesellschaft

»Trainspotting« gestern und heute

Danny Boyles »Trainspotting – Neue Helden« ist neben Tarantinos »Pulp Fiction« der stilbildende Film des 1990er-Jahre-Kinos. Nicht nur der »Choose life«-Rant wurde einer ganzen Generation von Kinogängern ins Herz tätowiert. Noch 20 Jahre später ist die Irvine-Welsh-Verfilmung ästhetisches Zeugnis sozialer Auf- und Umbrüche. Lars Fleischmann über Coolness in Zeiten des Neoliberalismus und die Hoffnung auf ein neues »Born Slippy« in der Fortsetzung »T2 Trainspotting«.
Geschrieben am
Mark Renton sitzt zwischen seinen Eltern im Taxi. Er wurde gerade nach einer Überdosis wieder ins Leben zurückgeholt. Zu Hause muss er ins Bett, die Eltern schließen die Türen ab, Underworlds »Dark And Long« beginnt. Die Momente zwischen Marks Turkey-Träumen und dem Techno-Track bilden eine der Kernszenen von »Trainspotting« aus dem Jahr 1996 – nicht nur wegen des Gruselbabys, das Mark sich während seines Entzugs zurechtfantasiert. Wenig später liegt er neben seiner viel zu jungen Liebhaberin. Diane erklärt ihm, dass er nicht den ganzen Tag abhängen und Heroin und »Ziggy Pop« sein Leben bestimmen lassen könne. Mark: »Es heißt Iggy Pop.« Doch Diane lebt nicht im gleichen Schottland, nicht auf derselben Insel wie er. Für sie ist Iggy Pop tot – obwohl er in Wirklichkeit heute noch lebt.

Ein Haufen Scheiße

Regisseur Danny Boyle spürt in »Trainspotting« solchen Rissen in den Lebenswelten seiner Figuren nach, die schon in Irvine Welshs gleichnamiger Romanvorlage angelegt sind. Mark zieht seine Schlüsse aus dem Gespräch mit Diane und sucht ein neues Leben in London. Während sich das Zentrum von Englands Hauptstadt spätestens Mitte der 1990er extrem modernisierte, wurden die Arbeitergegenden in London und in anderen britischen Städten immer weiter abgehängt. Dahinter steckte gezielte Politik, die sich im gesamten Königreich auswirkte. Edinburgh, eine der alten Metropolen Schottlands, und eine große Zahl weiterer Städte wie Manchester oder Blackburn waren durch den (ausgebliebenen) Strukturwandel ausgezehrt. Vielen jungen Menschen blieben die Arbeitslosigkeit, das Feiern und die Drogen – vor allen Dingen Heroin und andere Opiate erfreuten sich großer Beliebtheit. Das ist die Grundkonstellation von »Trainspotting«: Die Elterngeneration glaubt noch an die Zukunft, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehen nur einen »pile of shiat«, einen Haufen Scheiße. Mark Renton und seine Freunde Spud, Sick Boy und Tommy verkörpern diese Generation. Sie tragen Chucks und Skinny-Jeans, die Oberteile legen noch Zeugnis ab vom drogeninduzierten »Summer of Love 88«. Dessen Sound waren House und Madchester Rave à la Happy Mondays und Stone Roses. Die musikalische Sozialisation der Gruppe findet ihre Entsprechung im Soundtrack des Films: New Order, Primal Scream, Iggy Pop – Ikonen der alten Lust seit den Punk-Zeiten Ende der 1970er-Jahre. Kurz vor der eingangs beschriebenen Szene im eigenen Jugendzimmer ertönt Lou Reeds »Perfect Day«.

Neue Arbeit, neues Geld

Doch der Soundtrack beschreibt einen Bruch: Nach und nach übernehmen das moderne »Cool Britannia« und Britpop den Film, schließlich zeigte sich neben Underworld Damon Albarn mitverantwortlich für die musikalische Gestaltung. Die Songs von Blur, Pulp und Elastica stehen für geänderte Vorzeichen in der Gesellschaft.

Außerhalb des Kinosaals übernahm die Labour Party um den zukünftigen Premierminister Blair das Label Cool Britannia. Frischer Wind sollte die bösen 1980er-Jahre aus dem kollektiven Bewusstsein vertreiben. Während Margaret Thatcher durch das »Verhungern lassen« der strukturschwachen Gebiete und Kürzungen in den Sozialleistungen das Königreich finanziell zusammenhalten wollte, versprach New Labour neues Wachstum, neue Arbeit, neues Geld. Der Strukturwandel als glamouröses Abenteuer: Aus Arbeitern sollten Angestellte, Dienstleister oder gar Kulturschaffende werden. Dass es so einfach nicht werden würde, war schon 1996 klar. Techno und Rave – diesmal in seiner elektronischen Spielart – wurden groß. Das war kein reiner Hedonismus. Flächige Musik und 4/4-Getriebenheit sollten zeigen, dass die immer schneller werdende Welt neue Abgehängte produzierte. Heroin wurde teils von den Partydrogen MDMA und Speed zurückgedrängt. Nicht nur »Trainspotting« erzählt von diesem Wandel. Es gab weitere Filme, wie zum Beispiel »Human Traffic«, der in einer strukturschwachen Gegend in Wales spielt.

Cooler Showdown

Das »Cool« in »Cool Britannia« bedeutete nicht nur »sexy« oder »locker«, sondern auch »kühl«. Die 1997 gewählte Labour-Regierung war vom Neoliberalismus überzeugt, von nun an war jeder »seines eigenen Glückes Schmied«. So kühl wie Banken und Firmen daraufhin agierten, was sich schnell im Stadtbild Londons auswirken sollte, so verhält sich auch Mark Renton am Ende des Films: Während die Gruppe einen erfolgreichen Deal feiert und eigentlich genug Geld für jeden da ist, um sein Leben zu ordnen (oder eben neues Heroin zu kaufen), krallt sich Renton die gesamte Knete. An dieser Stelle setzt das legendäre Underworld-Stück »Born Slippy (Nuxx)« ein und untermalt seine Flucht durch die Gassen und Straßen der Hauptstadt, während Boyle die Wut und Verzweiflung der abgezogenen Kumpel dazwischenschneidet. 

20 Jahre später

»T2-Trainspotting 2« spielt 20 Jahre nach diesen letzten Szenen im Jahr 2016. Die Jungs sind älter geworden, der Fortschritt hat sich nicht wie erhofft eingestellt. Zwar hat selbst ein steifer Tory wie Ex-Premier David Cameron von Blair gelernt, wie man sich verkauft. Aber Schottland wollte sich trotzdem abspalten, und das Vereinigte Königreich stimmte für den Brexit. Die neue Regierungschefin Theresa May steht folglich für den Sprung zurück in die 1980er. Welche Auswirkungen hat das auf den Soundtrack von »T2 Trainspotting«? Auf der Playlist findet sich weder Dubstep noch Grime, obwohl diese und andere Formen der Bassmusik in den letzten Jahren wichtig waren für den sozialen Underground im UK. Zum Beispiel für die abgehängten Kids, die 2011 ihren Protest in den Straßen kundtaten. Stattdessen findet man neben Underworld und einigen aktuelleren Pop-Bands wie Young Fathers »Only God Knows« und Fat White Family vornehmlich Musik aus den 1980ern: Blondie, Run DMC, The Clash und Queen. Das klingt nicht nach Zukunftsutopien. Aber vielleicht werden wir endlich erlöst. Auf dass der neue Closer »Slow Slippy« der Song einer neuen, besseren Gesellschaft werde – und nicht nur der eines neuen »Trainspotting«.

Alle Inhalte zu »Trainspotting« findet ihr hier.

— »T2 Trainspotting« (GB 2017; R: Danny Boyle; D: Ewan McGregor, Kelly Macdonald, Jonny Lee Miller; Kinostart: 16.02.17; Sony)

Danny Boyle

T2 Trainspotting [Blu-ray]

Release: 22.06.2017

Various Artists

T2 Trainspotting (Original Motion Picture Soundtrack)

Release: 27.01.2017

℗ 2017 Polydor Records, a division of Universal Music Operations Limited

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