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Henrike Naumann

»The Effects Can Last Forever«

1992. Nach der Wiedervereinigung gehen Jugendliche in Ost- und Westdeutschland unterschiedliche Wege. Die einen verlieren sich in rechten Ideologien, die anderen im Drogen- und Partyrausch auf Ibiza. Die VHS-Installation »triangular stories« von Henrike Naumann zeigt zwei Homevideos aus beiden Welten, die das gleiche Datum einblenden. Intro-Autorin Inga Selck traf Henrike Naumann in Berlin und unterhielt sich mit ihr über ihre Jugend in einem Dorf bei Zwickau, die Anfänge des NSU und die hedonistische Partyszene.
Geschrieben am
Warum hast du das Jahr 1992 für deine Videos gewählt?
Das Jahr war für mich schon immer aufgeladen. Ich habe dann in der NSU-Biografie recherchiert. Wann war der Zeitpunkt, als sie sich schon zu dritt kannten, aber noch nicht radikalisiert hatten? 1992 war das Jahr bevor sie sich Glatzen geschoren und Hausverbot im Jugendclub bekommen haben. Zugleich ist 1992 das Jahr mit den meisten Todesopfern rechter Gewalt seit 1945, mit Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen. Für den NSU ist 1992 noch der letzte Sommer der Unschuld.

Welche Erfahrungen hast du in deiner Kindheit und Jugend in Zwickau mit der rechtsextremen Szene gemacht?

Ich bin auf einem Dorf bei Zwickau groß geworden und da war es Mitte der 90er total normal, dass alle meine Kindergarten- und Schulfreunde zur Konfirmation eine Bomberjacke bekommen haben. Viele Freunde von früher sind in die Szene gekommen. Ich selbst war eher in der linken Szene. Trotzdem ist immer ein Zwiespalt geblieben. Das waren nicht einfach nur die Anderen, sondern Leute die ich kannte. Daher habe ich versucht, argumentativ was zu reißen. Das hat aber nie geklappt. Nachdem ich weggezogen bin, war das für mich nicht mehr so wichtig, aber meine Mutter erzählt mir, dass diese Leute noch dort leben und jetzt Familien haben. Als der NSU bekannt wurde, wurde mir bewusst, dass ich auch selbst dachte, das Problem gäbe es nicht mehr, weil die Bomberjacken und Springerstiefel verschwunden sind. Die Szene hat sich verändert und die Ideologie ist mit den Leuten gewachsen und wird in die nächste Generation weitergegeben.

Was glaubst du, zieht Jugendliche daran so an?
Da wo ich herkomme, gab es nicht so viele Angebote für Jugendliche. Der einzige Höhepunkt waren die Fußballspiele am Wochenende und da kam immer eine Glatze mit einem Auto, lauter Musik und einem Kasten Bier. Das war das Jugendangebot. Dann wundert es keinen, dass die rechte Szene so eine Anziehungskraft hat. Wenn alle im Dorf eine Bomberjacke tragen und man keine hat, dann gehört man nicht dazu. Das ist wie mit jeder Mode. In meiner Arbeit habe ich dem das hedonistische Feiern gegenüber gestellt, weil es beides Jugendkulturen sind, die sich stark über Musik definieren und einen Ausweg aus der Gesellschaft suchen. Während bei Hedonismus alles um sich selbst kreist, hat der Rechtsextremismus einen politischen Ansatz.

Du hast nicht rechte und linke Jugendkulturen porträtiert, sondern eine politische und eine unpolitische Bewegung? Warum?
Ich habe Hedonismus auch als Extremismus dargestellt. Ich habe angefangen, das Feiern und diese um sich selbst drehende Jugendkultur kritisch zu sehen. In der Partykultur entwickeln sich ähnliche Triebkräfte wie bei einer politischen Bewegung. Musik, Überzeugungen und Stylecodes verbinden sich zur Politik der kapitalistischen Jugend in der x-ten Generation, von der aber nichts ausgeht. Die Leute, die diese Arbeit inspiriert haben, sind auch die Leute, die ich hier in Berlin kennengelernt habe, die sich nur darin bewegen. Da hab ich mich dann selbst wiedergefunden. Das ist ein Leben, das funktioniert und schön ist. Diese Losgelöstheit vom Rest der Gesellschaft ist so attraktiv und aussichtslos zugleich.

Was hat das Medium VHS mit deinem Thema zu tun?
VHS ist mittlerweile ein obsoletes Medium, was mir sehr weh tut, weil es für mich ein sehr persönliches Medium ist. So was wie das Super8 unserer Kindheit. Als für mich klar war, dass ich mit meinen Filmen in die 90er Jahre zurückreisen will und sie als Homevideos selbst inszeniere, konnte das nur auf VHS geschehen. Auch wenn das technisch Kontrollverlust bedeutet. Ich wollte mit dem Medium zusammen die Situation erleben, die wir gedreht haben. Das magische beim Dreh war, dass es sich so angefühlt hat, als würde man in die Vergangenheit zurückschauen können.

Wie schwer ist es, heute noch an die Technik ranzukommen?
Ich habe von einem Kollegen eine VHS-Kamera geliehen. Die Kassetten gibt es noch in einem kleinen Fach im Elektromarkt, sogar im Supermarkt. Ich fange aber jetzt schon an zu sammeln um immer noch damit arbeiten zu können, wenn die Kassetten nicht mehr produziert werden.

Deine Installation stand kürzlich drei Tage im Shift in Berlin. Im Anschluss gab es eine 90er Jahre Acid/House-Party, die auch Teil der Projektes war. Wie war das angebunden?
Ich kann erstmal nicht drauf verzichten. Aber so eine Party kann auch etwas Politisches haben und zur Erinnerung beitragen an das, womit wir uns auseinandergesetzt haben. Es gab so eine politische Stimmung auf der Party. Der eigentliche Anlass war aber, dass die Party die Ausstellung finanziert hat. Ich wollte zeigen, dass aus einer Feierbewegung auch eine politische Bewegung werden kann. Ich würde hier nicht sitzen und so eine Arbeit machen, wenn ich nicht irgendwann das erste Mal Drogen genommen hätte. Das hat mich total geprägt. Die Energien, die zwischen Menschen entstehen, wenn sie feiern gehen, muss man in Politik und Gesellschaft zurückholen. Es gibt so viele Menschen, die aus der Partykultur nicht mehr rauskommen. Das verschluckt auch Leute, die einen wichtigen Beitrag leisten könnten.

Wie kann man mit Fake-Videos gesellschaftlich Reales darstellen?
Ich bezeichne das als selbstgeneriertes found footage. Ich habe auf Basis von Zeitungsmeldungen und tatsächlichen Ereignissen das Drehbuch geschrieben und gefüllt mit meinen eigenen Erinnerungen an die Zeit und Erzählungen von Freunden. Es war auch eine Zeit, da war so eine Kamera noch was Besonderes. So eine Information war nicht digital, die konnte man nicht unendlich oft kopieren und rumschicken. Eine Kassette hatte eine Aura, die hat immer mehr Informationen verloren, je öfter man sie abspielte.

Wie hast Du die Räume konzipiert, in denen die Videos laufen?
Meine Art zu arbeiten geht immer über die Räume und über found footage, das ich über die Jahre gesammelt habe. Ich habe ganze Bilderarchive: wie leben Leute? Wie kleiden sich Leute? Die Auseinandersetzung mit dem NSU ging für mich über die Sammlung von Fotos und die ästhetische Umsetzung dessen, was ich da sehe.

Der NSU-Prozess hat gerade erst begonnen. Was hast Du für Erwartungen?
Ich bin jetzt schon unendlich enttäuscht. Über die Platzvergabe für die Presse kann ich gar nicht reden, ohne richtig wütend zu werden. Da rein zukommen ist für mich total aussichtslos. Bei den RAF-Prozessen zum Beispiel sollte gezeigt werden, dass der Staat die Situation im Griff hat. Das haben sie aber damals nicht geschafft. Jetzt ist eine andere aber in Teilen doch vergleichbare Situation. Ich glaube, die Angst ist sehr groß, dass die Kontrolle wieder entgleitet. Deshalb wird der Medienzugang so reguliert. Bis jetzt funktioniert das ja auch. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist leider vergleichsweise gering.

Termine:
Juni - 48h Neukölln, Berlin
September - Baustelle Kalk, Köln
November - FAK Zwickau

Weitere Infos zu den Terminen auf
www.triangularstories.com











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