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Betreutes Saufen

Stefanie Sargnagel im Gespräch

Stefanie Sargnagel wird leidenschaftlich geliked und gehatet: Mit Facebook-Updates begeistert sie ihre Follower und sorgt bei der Literaturkritik für Verwirrung. Zwischen Shitstorm und Weißweinlesung sprach Paula Irmschler mit ihr über ihre »Statusmeldungen«.
Geschrieben am

»Mein Lieblingsautor bin ich, ehrlich gesagt.« (29.09.2015)

»Das wienerische It-Girl« (Selbstbezeichnung), das »Genie« (auch) und die »Autorin der Stunde« (Feuilleton) in einer Person ist mir 2013 aufgefallen. Damals dachte ich: »Was ist denn mit der?« Mittlerweile ist längst klar, was mit ihr ist: Stefanie Sargnagel, gebürtig Sprengnagel, schreibt Texte, und zwar vornehmlich bei Facebook. Es sind Tagebuch-Einträge, Gedichte, Raps, Rants, Witze und Alltagsbeobachtungen. Das Besondere an Sargnagel sind ihr Humor und ihre Sprache. Sie ist kräftig, sie ist österreichisch, sie ist eloquent, sie ist direkt, sie trifft. Sie steht für alles Mögliche, was ihr so andichtbar ist: die Generation Slacker, die Generation Unaufmerksam, die Generation Kneipe mit Smartphone. Überhaupt: die Generation. Und selbstverständlich Frauen. Aber dazu später.
Das soziale Netzwerk als Plattform nutzen – das macht Sargnagel nun seit fast zehn Jahren. 2013 erschien ihr erstes Buch mit den gesammelten Werken, »Binge Living – Callcenter-Monologe«, 2014 folgte »In der Zukunft sind wir alle tot. Neue Callcenter-Monologe« und 2015 »Fitness«. Parallel dazu hat sie an der Akademie der bildenden Künste in Wien Malerei studiert.

»Impulsgesteuert taumle ich durch die Welt.« (11.07.2015)

Gerade erschien ihr viertes Buch »Statusmeldungen«, und zwar bei Rowohlt. Auch dafür hat sie wieder ihre Facebook-Einträge in mühsamer Arbeit gecopy-pastet und so ein fast 300-seitiges Werk zusammengestellt. Der etablierte Rowohlt-Verlag nun also, uiuiui. Vorbei die Zeit der kleinen Indie-Verlage, der verzeckten WG-Unterbringungen nach Lesungen – Malocherei im Callcenter ist nicht mehr nötig. Wie es so weit kommen konnte, lässt sich dank der »Statusmeldungen« vom 10.07.2015 bis 15.02.2017 hervorragend nachvollziehen.

Da war die sogenannte »Flüchtlingskrise«. Sargnagel engagierte sich und begeisterte sich für Helf-Selfies, also »Helfies«. Da war die Bundespräsidentenwahl in Österreich. Sargnagel legte sich mit der FPÖ und den Abtreibungsgegnern in deren Reihen an. Da war die Verleihung des Bachmann-Preises. Sargnagel gewann mit ihrem Text »Penne vom Kika« den Publikumspreis und damit ein Stipendium, das sie für ein halbes Jahr als Stadtschreiberin nach Klagenfurt führte. Da waren unzählige Aktionen der Identitären. Sargnagel stürzte sich wundervoll pedantisch auf deren Schwächen. Da war der Frauentag 2017, an dem die Kronen Zeitung aufgrund eines satirischen Textes im Standard ihre Leser auf die Autorin hetzte, weil diese auf Steuerkosten in Marokko Babykatzen getreten habe. Da waren private Erlebnisse und Veränderungen. Sargnagel erlitt einen Hörsturz, hielt sich vom Alkohol fern und begann eine Therapie.

»Das Fauteuil ist ganz begeistert von meinem Schas.« (09.04.2016)

Ganz schön viel Scheiße und ganz schön viel Erfolg für nicht mal zwei Jahre. Eine Zeit, in der Sargnagel im Grunde nichts fokussierte, sondern weiterhin das tat, was sie schon so lange macht: Niedertippen, was ihr durchs Hirn wuselt. Plötzlich kann sie davon leben und sich den »Reichenfrauenarzt« leisten. Auf Lesereisen residiert sie heute in Hotels und isst sogar Frühstück.

Am 18. Juli 2017 schreibt sie ins Internet rein: »triff mich in der be[r]lin mitte beachbar, wie ich interviews gebe.« Das mache ich doch glatt. Doch so locker ist das gar nicht. Die Leute von Rowohlt managen der Sargnagel die Termine und müssen schauen, ob noch etwas frei ist – wie es bei berühmten Leuten eben so ist. Leider wird es nichts mit dem geplanten Spaziergang und Entenfüttern. Doch schließlich sitzen wir uns Mate- und Kaffee-trinkend gegenüber. Entspannt grinsend erklärt sie mir, dass »im letzten Jahr die große Änderung« kam: »Vorher lasen mich nur die Hipster und Indie-Leute, jetzt auch das Feuilleton. Ja, der Verlag organisiert alles: Dadurch ist es für mich eben relaxter.«
So in etwa sah das Gespräch zwischen Stefanie Sargnagel und unserer Autorin Paula Irmschler aus.
Bild: Stefanie Sargnagel
Ja, irgendwie hat sie ES geschafft, auch wenn gar nicht so klar ist, ob sie es schaffen wollte: »Ich habe ja keine richtige Ausbildung oder so, also mache ich den Hype mit, wer weiß, wie lange der noch dauert.« Es kommt noch dicker: Am Abend unseres Treffens soll eine Presselesung stattfinden. Sargnagel muss schmunzeln. Das gab es noch nie, und sie weiß auch nicht, was das bedeutet. »Das ist schon weird – ich soll auch mit den Leuten reden, am besten nüchtern.« Am Abend werde ich mit ungefähr 50 anderen Leuten ganz journalistisch in der Kneipe Laidak vor der edgy Autorin sitzen, Weißwein auf Kosten des Verlags trinken und steif, aber ehrlich lachen. Zwei Rowohlt-Menschen werden beim anschließenden, wenig nüchternen Biergelage auf ihren neuen Schützling achten – und Sargnagel wird das »schon gruselig, aber auch lieb« finden. Prost.

»Vielleicht habe ich gar keine sozialen Ängste. Vielleicht sind die meisten Menschen einfach anstrengend.« (25.07.2015)

Missgunst und Neider zieht Sargnagel wenig überraschend zuhauf an. Ob sie denn aus ihrem Talent nicht was machen wolle? Ob sie denn nicht auch »richtige« Texte schreiben könne? Schön und gut, was du da auf Facebook daddelst, aber wie wär’s denn mal mit wahrer Literatur, Mädel? »Wenn ich lange Texte schreiben muss, bekomm ich zwei Wochen lang die Krise, und dann mach ich es eh erst ganz am Schluss«, sagt sie. Für längere Artikel wird sie immer wieder angefragt, ein paar berüchtigte sind dabei sogar entstanden. Also, ja, das kann sie offenbar auch. Muss sie aber nicht. Aphorismen sind die älteste Textform der Welt. Schon in der Antike (nicht einschlafen) gab es sie, Heraklit und so. Heute wird unter anderem Max Goldt für seine knackigen Texte geliebt.  Gedichtbände gehen auch schon immer gut weg, religiöse oder sonstige Benimmregeln eh. Doch seit der Feuilleton-Bekanntheit der Sargnagel diskutiert man plötzlich über eine Literaturform anhand ihrer Länge.

Ob ihre Art zu leben und zu schreiben Fluch oder Segen für den Feminismus sei und was ihre Arbeit damit zu tun hat, dass sie eine Frau ist, sorgt ebenfalls für ziellose Diskussionen. »Das Frausein wurde auch erst zum Thema, als ich bekannter wurde«, erzählt sie. »Dass Leute über mein Aussehen schreiben, ist total übergriffig. Für mich ist das eine physische Grenzüberschreitung. Das kommt ja vor allem von den bürgerlichen Medien, nie von Indie-Medien. Ich war schon schockiert, wie sexistisch die noch sind und was es in Typen triggert, was ich mache. Es macht sie richtig fertig, sie haben wirklich Angst und fühlen sich bedroht.« 

»Ich bin mein eigener Shitstorm.« (22.10.2015)

Von »Ekelfeminismus« wird gesprochen, wenn sie über ihre Körperfunktionen schreibt. Als progressiv wird ihr Auftreten empfunden, weil sie gar nicht oder weniger irgendwelchen Schönheitsnormen entspreche. Mit anderen Autorinnen (meist Lena Dunham) wird sie oft einfach nur deswegen verglichen, weil diese zufällig auch Frauen sind. Und weil sie, nun ja, schreiben. »Leute interpretieren in meine Texte viel mehr rein, als drin ist. Ich hab das Gefühl, dass sie überdrehter gelesen werden, weil ich als Frau automatisch als schrill und laut gelte. Dabei schreibe ich ja nicht laut, eigentlich eher lethargisch und liebevoll.« Frauen stören eben per se. Dagegen steht der unaufhaltsame Aufstieg der ältesten Burschenschaft Österreichs, »Hysteria«, bei der Sargnagel Mitglied ist und deren Ziel die Einführung eines Matriarchats ist, wodurch sie den geballten Hass und die Tränen fragiler Männerfiguren auf sich zieht.

Mit Shitstorms kennt sich Stefanie Sargnagel mittlerweile bestens aus. Die Angreifer sind meist Männer und Rechte, oft beides. »Beim Babykatzengate ist mir allerdings aufgefallen, dass es immer wieder dieselben sind. Es sind vor allem FPÖ-Fans, die sich gegenseitig mobilisieren.« Aber auch Linke haben ab und an die Faxen dicke von der »provozierenden«, »obszönen«, »polarisierenden«, »problematischen« Autorin. Als sie sich im Zuge der G20-Demonstrationen über das übertriebene Geflenne um brennende Autos lustig machte, bekam sie es gleich aus allen denkbaren Ecken mit Gegenwehr zu tun. »Das hab ich gar nicht verstanden. Als bekäme ich nicht schon genug Scheiße ab, kam sie da von Leuten, die es besser wissen und mich kennen müssten«, erinnert sie sich. In gewohnter Sargnagel-Manier verwandelte sie die Debatte in einen ihrer berühmten »Falter«-Comics und brachte die Hater wieder zum Schweigen. Absoluter Bossmove.

»Im Internet bin ich viel intoleranter als im echten Leben.« (05.01.2016)

Glücklicherweise lässt sie sich von der Gegenwehr nicht allzu sehr beeindrucken: »Ich bekomme ja auch urviel nette Sachen. Man konzentriert sich halt eher auf das Negative. Aber auf der Straße ist mir noch nie was passiert, die trauen sich das gar nicht. Deswegen ist das keine echte Gefahr, aber eben trotzdem eine Bedrohung. Die Öffentlichkeit, die ich habe, ist ein ganz guter Schutz. Immer, wenn ein Shitstorm bei mir ist, schreiben jetzt Medien darüber.« Aber nicht nur das Negative kann nerven, auch die Romantisierungen und positiven Erwartungen. Projektionen eben.

Verändert hat sie den Inhalt ihrer Texte seit der Berühmtheit kaum. Die einzigen Einschränkungen sind recht verständlich: »Ich schreibe jetzt für ein breiteres Publikum, also lästere ich weniger direkt, weil es eben schwerwiegendere Konsequenzen haben kann.« Als sie letztens die Pseudoattitude eines Ladens in Wien beschrieb, heimste sie dafür viel Kritik ein, weil sie dem Laden damit schaden würde. Tatsächlich wird es wohl aber so sein, dass Leute extra hingehen, um sich selbst davon zu überzeugen, ob sie recht hat. Eine unfreiwillige Influencerin ist geboren.

»Immer, wenn Artikel mich in den Himmel loben, fühl ich mich verstanden.« (04.07.2016)

Abheben wird Stefanie Sargnagel vermutlich trotzdem nicht. Eine große »Hilfe« ist dabei ihre Familie, die sie in ihren Texten immer wieder mit rassistischen Aussagen zitiert. »Die Welt ist nicht immer politisch korrekt«, sagt sie weise. »Manche Diskussionen gibt es einfach nur im Internet. Und ausschließlich politische Inhalte sind mir auch zu langweilig, das ist mir zu unkreativ.« Dabei bringen sie ihr am meisten Likes. »Ich fände es besser, wenn meine Witze genauso geliked würden.« Das kommt bestimmt noch, denn nach Weißweinpresselesungen und der anstehenden Lesereise mit Puneh Ansari und KLITCLIQUE ist alles möglich. Es wird lustig im Matriarchat.

Stefanie Sargnagel

Statusmeldungen

Release: 21.07.2017

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