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Es fehlt der Biss

So ist »Spider-Man: Homecoming«

Der dritte Spider-Man innerhalb von 15 Jahren. Nach Tobey Maguire und Andrew Garfield schlüpft Tom Holland in das Kostüm des Marvel-Helden. Welche neuen Aspekte der altbekannten Geschichte dürfen wir von Jan Watts` Adaption erwarten? 
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Vor 40 Jahren gab es eine Spider-Man-Verfilmung, deren deutsche Synchronisation in Teilen auch für eine Hörspielkassetten-Fassung benutzt wurde. In dem recht simplen Plot steckt eine Menge Zeitkolorit. Nach dem Biss einer radioaktiven Spinne, der dem jungen Peter Parker zu Superkräften verhilft, wird dieser in die Story um die Manipulationen eines sinsitren Gurus verstrickt. Gedankenkontrolle, Überwachung, Seventies. You name it.  Nebenbei geht es um die Macht der Medien. Parker ist nach seiner Verwandlung in den »Spinnenmenschen« der Polizei stets einen Schritt voraus. Im bürgerlichen Leben finanziert er sich das Studium als Pressefotograf. Nur leider kann er dem skeptischen Redakteur nie die gewünschten Bilder von Spider-Mans spektakulären Auftritten liefern. Schließlich steckt der Möchtegern-Journalist selbst in dem Kostüm, wenn Spidey an Häuserwänden herumturnt, während ein Funk-Score läuft, als handele es sich um ein Blaxpoitation-Movie. Die Identitätskrisen des jungen Mannes werden mit einem Augenzwinkern, aber nicht ohne ernsten Subtext inszeniert.
Spider-Man ist seit seiner Schöpfung 1962 einer der beliebtesten Helden des Marvel-Universums. Allein in den letzten 15 Jahren durchlebte er drei verschiedene Hollywood-Inkarnationen. Regisseur Sam Raimis Spider-Man-Debüt aus dem Jahr 2002 verhält sich zu der bereits erwähnten 25 Jahre älteren TV-Produktion wie der große amerikanische Roman zu einem Merve-Bändchen über Biopolitik. Bis heute lässt er den folgenden zweiteiligen Reboot mit Andrew Garfield, »The Amazing Spider-Man«, ganz schön alt aussehen. Man kann davon ausgehen, dass die Hauptmotivation für die Filme mit Garfield darin bestand, endlich in 3D Netze werfen und spinnen zu können. Raimis »Spider-Man« war dagegen ein Skandal mit Verstand. Nicht weil die Zwillingstürme des WTC damals aus aktuellem Anlass herausgeschnitten werden mussten, sondern weil Tobey Maguire als Spider-Man nach dem obligatorischen Biss über organische Web-Shooter verfügte. Eigentlich sei er doch ein Nerd, der sich selbst mechanische Shooter bastele, empörten sich die Nerds in ihren Foren. Doch Raimi setzte ganzheitlich auf die Adoleszenz-Metapher. Der Zusammenhang zwischen »Männlichkeit« und Netz-Ejakulation in Spideys Biografie wurde nie so deutlich wie im ersten der drei Raimi-Filme, als Peter Parker vor Überforderung und Kummer der Saft ausging. 
In Raimis Version war Parker von der Spinne gebissen worden, als er im Labor die von Kirsten Dunst gespielte Mary Jane Watson fotografierte. Geht`s noch deutlicher? An die Kopfüber-Kussszene der beiden muss man wohl nicht extra erinnern. Neben Familien- und Pubertäts-Body-Horror erzählte Raimi auch eine veritable Love-Story, bevor es im Kampf gegen Green Goblin so herrlich zur Sache ging, dass auch den Hardcore-Spidey-Fans das Popcorn wieder schmeckte. Jetzt spielt Tom Holland Peter Parker – in einer Variante, bei der die Auskenner im Marvel-Universum eindeutig im Vorteil sind. Der augenklimpernde Spider-Man wurde in »First Avenger: Civil War« bereits kurz eingeführt. Und an dieser Stelle der Geschichte geht es weiter. Die radioaktive Spinne darf diesmal nicht mitspielen. Aber leider fehlt dem Marvel-Abenteuer nicht nur der erste, sondern auch der letzte Biss. Klar, Peter Parker ist nun wieder auf dem Stand der Dinge. Statt Fotos macht er Youtube-Videos, sein Talent wird vom großindustriellen Avenger Tony Stark (Robert Downey jr.) mit millionenschwerer Technik aufgepimpt –seine Web-Shooter sind also diesmal weder organisch noch DIY. Er verliebt sich in eine afroamerikanische Mitschülerin und rebelliert gegen Starks Bevormundung (und steht damit irgendwie auch gegen Rassismus und für eine Kritik am militärisch-industriellen Komplex, einer hilfreichen Spinnendrohne zum Trotz). Sein Vigilantentum kommt nicht unreflektiert weg: Einmal kriegt er Ärger für unbewusstes racial profiling. Aber leider merkt man Regisseur Jon Watts eine gewisse Befangenheit beim Storytelling an. Die dürfte in dem Wunsch begründet liegen, »Spider-Man: Homecoming« möglichst zeitgemäß zu inszenieren, den Punk-Soundtrack mal ausgenommen. Bei den ganzen Tricks – besonders Schwindel erregend für Zuschauer mit Höhenangst und 3D-Phobie ist die Szene auf dem Washington Memorial – und wilden Verfolgungsjagden: Was passiert im Lauf der Handlung mit seiner blassen Angebeteten und mit dem trotteligen Sidekick? Sie gehen im Showdown mit Vulture (Michael Keaton) ziemlich unter, schließlich muss auch Iron Man zu seinem Recht kommen. Das dürfte wiederum dem Wunsch geschuldet sein, die Marvel-Franchises noch enger zu verknüpfen.

Fazit: »Spider-Man: Homecoming« ist okayes Blockbuster-Kino für Fans von Superheldenfilmen und 3D-Action. Eine kurze Aufmerksamkeitsspanne steht einem gelungenen Date mit diesem Peter Parker nicht im Weg. Aber wer dem Zauber der Figur wirklich jemals erlegen war, sollte vielleicht doch eher in die Vergangenheit reisen, um ihn noch mal zu spüren. Es muss ja nicht unbedingt das Jahr 1977 sein. 

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