×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

Intro Die Woche

Jetzt für den Newsletter anmelden

*
*
*
. .
×

Das Leben ist kein langer ruhiger Fluss

So ist »Es«

Stephen Kings Roman mit dem monströsen Zirkusclown Pennywise wurde 1990 schon einmal verfilmt. Was ist von dem neuen Blockbuster zu erwarten, der in den USA bereits die Kinokassen klingeln ließ?
Geschrieben am
Der Anfang des Stephen-King-Romans »Es« gehört zu den besten der Weltliteratur. Das klingt dick aufgetragen? Na, okay. Zumindest alle King-Auskenner dürften aber halbwegs einverstanden sein, wenn der einleitende Satz dieses Artikels stattdessen lautete: Das erste Kapitel des Romans »Es« gehört zu den besten, die Stephen King je geschrieben hat. Und er hat seit seinem Debütroman »Carrie« 1974 ein Haufen Zeug veröffentlicht, das sich zudem millionenfach verkaufte.

Regisseur Andy Muschietti bleibt in seiner »Es«-Verfilmung nah an Kings genialem Einstieg. Wir folgen Georgie Denbrough (Jackson Robert Scott) aus dem Provinzstädtchen Derry. Gemeinsam mit seinem Bruder Bill (Jaeden Lieberher) baut der kleine Junge ein Papierschiffchen. Draußen schüttet es sintflutartig, und Georgie rennt dem Boot hinterher – im Rinnstein rast es mit der Strömung –, bis es im Gully verschwindet. Aus dem Untergrund taucht der Zirkusclown Pennywise (Bill Skarsgård) auf und bringt Georgie um. Er ist nicht das erste Opfer des gruseligen Typen – und auch nicht das letzte. Und was macht das Papierschiffchen? Es setzt seine Reise durch das Kanalsystem fort, bis es irgendwo wieder ausgespuckt wird. Im Buch heißt es: »Ich weiß nicht, wo es schließlich strandete. Vielleicht strandete es auch überhaupt nicht; vielleicht erreichte es das Meer wie ein Zauberboot im Märchen und segelt heute noch. Mit Sicherheit kann ich nur sagen, dass es noch auf den Wellen tanzte, als es die Stadtgrenze von Derry im Bundesstaat Maine passierte, und dort entschwindet es für immer aus der Geschichte.«
Soll heißen, dass die Handlung die Stadtgrenze im Gegensatz zum Schiffchen nie passieren wird. Die Fantasie des Erzählers könnte das Boot weiterreisen lassen, aber Fantasie ist in einer Mystery- oder Fantasy-Geschichte ja nicht alles. Also zieht King den Leser tief mit in den Gully hinein – in die Abgründe der Gesellschaft. Der Roman erschien 1986. Noch tobte der Kalte Krieg, und Ronald Reagan regierte die USA. Stephen King stammt aus Maine. Viele seiner Bücher spielen dort, einige davon in Derry. In »Es« beschreibt er das fiktionale Städtchen als Brennpunkt des konservativen Hinterlands, in dem Homophobie, Klassenhass und Rassismus alltäglichen Horror verbreiten. Wem käme das nicht auch aus Deutschland bekannt vor! Bloß dass es hier keinen annähernd so großen Genre-Autoren gibt, der die durchschnittlichen Verhältnisse beschreibt und deren Außenseiter porträtiert – mit der Ausführlichkeit und Hingabe eines Charles Dickens –, während er nebenbei eine Horror-Ikone wie Pennywise aus dem Ärmel schüttelt.  Es spricht für Stephen Kings Humor, dass er Pennywise im Buch als Mix aus dem US-TV-Clown Bozo und dem Fast-Food-Ketten-Maskottchen Ronald McDonald beschreibt. Ein popkulturelles Fabelwesen als Inkarnation des Bösen. Von der Blockbuster-Verfilmung dieser Great American Novel samt ihrem nach Popcorn duftenden Monster durfte man erwarten, dass sie die gegenwärtige Gesellschaft mit Pennywise konfrontiert, so wie King es 1986 mit der damaligen gemacht hatte. Aber Regisseur Andy Muschietti inszeniert lieber das Abenteuer ein paar jugendlicher Freaks – von denen Beverly Marsh (Sophia Lillis) dank ihrer »Ich war bei der Geburt schon schlauer als alle Jungs mit 18«-Aura und Ben Hanscom (Jeremy Ray Taylor) wegen seines »Ich bin ein kleiner Igel kurz vor dem Winterschlaf«-Charme am ehesten in Erinnerung bleiben. Die Kids haben durchaus echte Probleme: eklige Eltern, brutales Mobbing, Pubertätskummer. Aber die im Roman so präsente Klassenfrage und Schwulenfeindlichkeit taugen im Jahr 2017 wohl nicht fürs Blockbuster-Kino. Gerade so, als wären sie seit den 1980er-Jahren aus dem realen Leben verschwunden. Anders als Pennywise treten sie allerdings nicht nur alle 27 Jahre an die Oberfläche.

So ist Muschiettis »Es« eine ästhetische Reminiszenz an die Ära geworden, in der jener Teil der sehr langen Romanhandlung spielt, den sein Film abbildet: die 80er-Jahre. Wie das Papierschiffchen aus der Eröffnungssequenz der Geschichte kehren die Eighties derzeit immer wieder an die Oberfläche zurück. Erst kürzlich feierten sie ein Comeback als magischer Fixpunkt der Serie »Stranger Things«. Darin wurden lauter Filme mit jugendlichen Außenseitern zitiert. Neben »Goonies« und »E.T.« auch die Stephen-King-Verfilmung »Stand By Me«. So entspricht Muschiettis Version von »Es« durchaus dem Zeitgeist. Mit dem Nebeneffekt, dass die Kinder der 80er hier eher Furcht vor den überbordenden Special Effects des 21. Jahrhunderts zu haben scheinen als vor einem allgegenwärtigen Bösen. Jenen Fans, die trotzdem sehnsüchtig auf die Fortsetzung warten, gab Stephen King auf seinem Twitter-Account bereits einen guten Rat, der in etwa so lautete: »Warum warten? Man kann jetzt schon das ganze Buch lesen.«
— »Es« (USA 2017; R: Andy Muschietti; D: Bill Skarsgård, Jaeden Lieberher, Sophia Lillis; Warner; Kinostart: 28.09.17)

Folgt uns auf

  • folgen
    mehr
  • Playlists
    mehr
  • Abos
    mehr
  • folgen
    mehr