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So ist »Altered Carbon«

Mit »Altered Carbon« hängt sich Netflix an den fortwährenden Hype um traditionelle Cyberpunk-Motive. Ob der stimmungsvolle Science-Fiction-Krimi vielleicht sogar das Zeug zum Klassiker hat, verraten wir euch spoilerfrei an dieser Stelle.  
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Als Serien-Macher dürfte man es heutzutage nicht mehr leicht haben. Klar, die Finanzierung lässt sich inzwischen auf zahlreichen Wegen bestreiten und auch die Vertriebswege sind vielfältiger geworden. Verwöhnt von den hoch getakteten und oft auch noch sehr überraschenden Erfolgen der letzten Jahre muss sich aber auch fast jede neuen Produktion gleich an den großen Platzhirschen messen lassen. So auch »Altered Carbon«, die aufwendige Netflix-Adaption von Richard Morgans gleichnamigen Roman. Die Science-Fiction-Geschichte dreht sich primär um das Ende der menschlichen Sterblichkeit: Das gesamte Bewusstsein nur noch auf kleinen Datenträgern oberhalb der Wirbelsäule implantiert, werden menschliche Körper zu sogenannten Sleeves – temporären Hüllen, die mit dem Ableben lediglich ausgetauscht werden. Sofern man das nötige Kleingeld hat, wohlgemerkt.

In diesem Szenario wird der paramilitärische Widerstandskämpfer Takeshi Kovac (Joel Kinnaman) aus der digitalen Haft-Verwahrung hochgeladen, um den Mord an Laurens Bancroft (James Purefoy) aufzuklären: einem einflussreichen wie zwielichtigen Entrepreneur, der bereits mehrere hundert Jahre in diversen Sleeves durchlebt hat und sich aufgrund einer Lücke im Back-Up fragt, wer ihm da das Licht auspusten wollte. Der Beginn eines undurchsichtigen Komplotts mit vielen Wendungen und noch mehr Nebenschauplätzen, die unter anderem von der ermittelnden Polizei oder Bancrofts ausgewachsener Entourage zum Leben erweckt werden. Klares Highlight: Eine künstliche Intelligenz, die als Edgar Allan Poe in Erscheinung tritt (Chris Conner) und das verlassene Gothic-Hotel schmeißt, in dem sich Kovac niederlässt. Kovac winkt bei Erfolg derweil die Freiheit samt brandneuem Sleeve. 
Takeshi Kovac (Joel Kinnaman, links) und Laurens Bancroft (James Purefoy) im Gespräch.
Man muss Richard Morgans Romanvorlage nicht gelesen haben, um sich in diesem Setting direkt heimisch zu fühlen. Futuristische Architektur, verregnete Häuserschluchten, grelle Neonreklame: »Altered Carbon« macht keinen Hehl daraus, sich freigiebig am ästhetischen Cyperpunk-Baukasten zu bedienen, den Vorbilder wie »Blade Runner« oder »Ghost In The Shell« erschaffen haben. Das ist auch gar nicht schlimm, die Produktions- und Schauwerte sind hier nämlich so hoch, dass man sich zumindest in den ersten Folgen gar nicht an Bay City satt sehen kann. Dass all das vielleicht doch ein bisschen mehr John Woo als Philip K. Dick ist, drängt sich bereits mit dem Erwachen des Protagonisten in der ersten Episode auf. Der erinnert in seiner wortkargen und grimmigen Erscheinung nämlich auf fast schon nostalgische Art und Weise an anachronistische Action-Ikonen wie Jean Claude Van Damme oder Dolph Lundgren. So mutet die Serie gerade zu Beginn weitaus geradliniger an, als es die auf Plot-Twists und Verschwörungstheorien ausgelegte Exposition zunächst vermuten lassen würde.  

»Altered Carbon« beschäftigt sich im weiteren Verlauf zwar oberflächlich auch mit den philosophischen Aspekten seiner eigenen Vision, ist und bleibt im Kern aber ein klassischer Hard-Boiled-Krimi. Aspekte wie die kapitalistische Kehrseite des Transhumanismus, Ethik in der virtuellen Realität oder der Umgang mit künstlicher Intelligenz werden allenfalls oberflächlich angeschnitten und dienen in der Regel eher dem Worldbuilding als irgendwelchen realen Diskursen. Damit lässt sich allerdings ganz gut leben, will sich die Serie doch auch gar nicht erst cleverer geben, als sie eigentlich ist. Leider haut es aufgrund der erzählerischen (durchwachsen) und schauspielerischen (sehr durchwachsen) Leistungen mit den großen Kino-Ambitionen einfach nicht so ganz hin: »Altered Carbon« erinnert über weite Strecken eher an klassische TV-Kost statt großes Popcorn-Kino. Wer damit seinen Frieden schließen kann und ein gewisses Faible für das Setting mitbringt, wird hier allerdings immer noch sehr gut unterhalten. Ein bisschen Luft nach oben kann ohnehin nicht schaden, das Potential für eine zweite Staffel ist nämlich definitiv gegeben.

»Altered Carbon« (Staffel 1) ist auf Netflix verfügbar.

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