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Dann Machen Wir’s Uns Eben Selber

Sarah Schmidt

Verbrecher Verlag, 160 S., EUR 13,- Für: »Nicht alle Leute haben Verständnis dafür, wenn man klar und deutlich sagt: ›Ich habe kein Geld, Oskar ist krank, wir müssen raus aus Berlin. Hilfst du mir bei einem Reisegepäckversicherungsbetrug?‹« Stimmt. Aber die meisten Leute sind ja auch bekloppt. U
Geschrieben am

Verbrecher Verlag, 160 S., EUR 13,-

Für:
»Nicht alle Leute haben Verständnis dafür, wenn man klar und deutlich sagt: ›Ich habe kein Geld, Oskar ist krank, wir müssen raus aus Berlin. Hilfst du mir bei einem Reisegepäckversicherungsbetrug?‹« Stimmt. Aber die meisten Leute sind ja auch bekloppt. Und nette Menschen hätten eben genau das: Verständnis, nur damit die beiden Protagonistinnen aus Sarah Schmidts ganz zauberhaftem Debütroman endlich nach Mallorca kommen – raus aus dem gelben Kachelofenmief Kreuzbergs im vorletzten stinknormalen Jahr Deutschlands: 1987. Aber natürlich gibt’s hier keinen Mord, obwohl das etwas harsche Ende durchaus mit dem Tod zu tun hat. Indes: Sympathie haben für alles, was Josy und Maria, die beiden allein erziehenden Mütter blasser Kleinkinder, gesegnet mit einem weltvernünftigen Maß an Zynismus, Selbstironie und humorvollem Fatalismus, mit ihrem verrotzten, aber eben doch sehr normalen Leben anstellen, muss man einfach. Weil die zwei so knuffig sind und weil das Leben nun mal gerne so ist wie ein zweimonatiger Mallorca-Urlaub im Winter: enttäuschend. Oder auch nicht, wenn Zufall und subjektive Perspektivenumstellung es zulassen. So wie im Buch. Der Winter, so viel ist am Ende klar, ist immer der Feind und dieser Roman ein guter Freund – bei derart viel Liebe und Augenmaß fürs komische Detail der beschissenen gesellschaftlichen Wirklichkeit. Wie haben Sie das gemacht, Frau Schmidt?

Wider:
Zwei wilde Frauen aus dem Berlin der 80er entscheiden sich, einen kleinen Versicherungsbetrug zu inszenieren, um ihre Bälger der Gesundheit wegen nach Mallorca zu verfrachten, wo im Wesentlichen – nichts geschieht. So what? Viel interessanter wäre es doch, nachzuzeichnen, wie sich die Situation im Westberlin der Spätachtziger für zwei junge allein Erziehende darstellte, oder, noch besser, warum diese beiden Frauen von Sozialhilfe leben und ständig klamme Geldbörsen haben. Die Ausfälle der beiden Protagonistinnen gegen die wohlhabendere Links-Boheme, mit der man sich im Kinderladen trifft, werden mitnichten durch radikale politische Gesinnung oder gar Aktionen untermauert, sondern stumpf ausagiert, indem man den vegetarisch aufgezogenen BoBo-Babys heimlich Fleisch ins Gemeinschaftsfutter rührt oder das noble Fressen ihrer ach so spießigen Eltern im Klo runterspült. Ärgerlich wird es dann, wenn so getan wird, als sei Ende der 80er Aids noch ein völlig unbekanntes Phänomen gewesen, was die Protagonistinnen vom Nachdenken über Safersex entbindet. Das trifft historisch – zumal für eine Stadt wie Berlin – einfach nicht zu und verstärkt den Eindruck zweier politisch träger, ich-bezogener Protagonistinnen, die sich zwar mit dem Distinktionsgewinn eines linken Umfeldes schmücken, aber letztlich nichts wollen außer ein paar persönliche Vorteile. Das wäre weiter nicht schlimm, allein, dass die Erzählsituation so angelegt ist, dass sich die LeserInnen mit den vermeintlich nonkonventionellen Figuren identifizieren sollen, während noch dazu so gar nichts passiert, stimmt mich beim Lesen dieses eigentlich unterhaltsam geschriebenen Romans doch ein wenig säuerlich.

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