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Die Welt unter der Lupe

Sarah Khan über »Das Stammeln der Wahrsagerin«

Für ihren neuen Story-Band hat sich Sarah Khan tief in die Welt der eBay-Kleinanzeigen begeben. Fesselnd erzählt sie von Besuchen in fremden Wohnzimmern und von den Dingen, die sie dorthin geführt haben. Wolfgang Frömberg verriet sie, dass ihre Geschichten auch einem Kindheitstraum entsprechen.
Geschrieben am
»Als Kind wollte ich Detektivin werden und habe mir mehrfach das Yps-Magazin mit dem Detektivgürtel gekauft. In der Schule wurde ich ständig ausgelacht, wenn man mich fragte, was ich am Wochenende gemacht habe. Weil ich dann erzählte, dass ich in der Stadt war und fremden Leuten nachgelaufen bin, um zu sehen, wohin sie gehen.«

Sarah Khan hat sich ihre Neugier bewahrt. Zuletzt setzte sie sich in »unheimlichen Geschichten« mit Berliner Gespenstern und in einem langen Essay mit der Serie »Dr. House« auseinander. In Khans neuem Band »Das Stammeln der Wahrsagerin« stecken lauter Detektivgeschichten. Gewissermaßen. Zwei Jahre lang hat sie sich mit dem eBay-Kleinanzeigenmarkt beschäftigt. Sie nennt ihn eine »Geschichtenmaschine«, was auf einen Hang zum magischen Realismus schließen lässt. Jedenfalls deutet die 1971 in Hamburg geborene Schriftstellerin damit an, dass sie nicht einfach durch Schlüssellöcher schauen wollte, sondern andere Wahrheiten suchte. So dreht sich das Buch weniger um spektakuläre Begebenheiten und dramatische Schicksale als vielmehr um Fragen nach der Herkunft und Herstellung von Geschichten und Biografien – auch solchen, die, statt erzählt zu werden, durch die Welt spuken, bis sie zum Leben erweckt werden.

Bei ihren Recherchen stieß Khan etwa auf die Figur des Tierpflegers »Affen-Walter«. Sie erfuhr, dass die junge Chanson-Sängerin Mireille Mathieu sich wie viele andere Prominente mit Walter und dessen Menschenaffen hatte ablichten lassen. Die Aufnahmen zu Mathieus Single »Akropolis Adieu« in Berlin waren ins Stocken geraten, und ihr Plattenlabel ließ zunächst ein Buffet mit Oliven und Zaziki auffahren, um die Französin zu inspirieren, auf Deutsch einen griechisch angehauchten Schlager zu singen. Echt jetzt? Nö, das Buffet hat Khan erfunden. Es passt allerdings genau in die Atmosphäre der Bundesrepublik, die sie in »Der Affenwärter von Westberlin« anhand historischer Fakten heraufbeschwört.

Als literarische Detektivin schlüpfte Sarah Khan in verschiedene Rollen: Psychologin, Historikerin, Spaziergangswissenschaftlerin, Schauspielerin. Sie habe sich für die zeitgenössische Kleinanzeigenlyrik, das Biografische dahinter und auch für die inserierten Dinge selbst interessiert, erklärt sie. In den übrigen Storys geht es unter anderem um ein sprechendes Sofa, ein ungetragenes Brautkleid und eine umfangreiche Pferdebuchsammlung. Die Autorin nahm die fremden Angelegenheiten durchaus persönlich. Sie beobachtet sich mitunter selbst beim Schreiben und berichtet von gescheiterten Geschichten. Nebenbei liefert sie manch süffisante Antwort auf schräge Annoncen. Eine schloss mit den Worten: »Wer keinen zusammenhängenden Satz schreiben kann, muss sich gar nicht erst melden.« Weil die wunderbare Geschichtenerzählerin mehr als nur einen zusammenhängenden Satz schreiben kann, hat sie es natürlich getan.

Sarah Khan

Das Stammeln der Wahrsagerin: Unglaubliche Geschichten hinter Kleinanzeigen. Recherchiert und erzählt von Sarah Khan (suhrkamp taschenbuch)

Release: 10.04.2017

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