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Verteufelter Heavy Metal. Forderungen nach Musikzensur zwischen christlichem Fundamentalismus und staatlichem Jugendschutz

Reto Wehrli

Der Psychologe Reto Wehrli hatte offensichtlich negative Erlebnisse in seinem Kinderzimmer. In einer über 400-seitigen Studie nimmt er sich des Phänomens der Zensur in der Musiklandschaft an. Wehrli sucht sich als Beispielsgenre den Heavy Metal und angrenzende Bereiche aus, um, so der Klappentext, &
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Der Psychologe Reto Wehrli hatte offensichtlich negative Erlebnisse in seinem Kinderzimmer. In einer über 400-seitigen Studie nimmt er sich des Phänomens der Zensur in der Musiklandschaft an. Wehrli sucht sich als Beispielsgenre den Heavy Metal und angrenzende Bereiche aus, um, so der Klappentext, “weltanschauliche Differenzen, pädagogisches Unverständnis und jugendschützerische[n] Interventionismus” für einen Musikstil aufzuzeigen. Dabei arbeitet sich Wehrli akribisch durch die Popmusik, schaut über den Tellerrand von Heavy Metal und gibt somit einen ausführlichen Überblick über die Zusammenhänge zwischen dieser Art von Musik, ihren Texten, deren Rezeption und den Kritikern. Die Überblicke über verteufelte Bands, Bücher gegen den Heavy Metal und Boykotte, Indizierungen und Beschlagnahmungen machen beinahe die Hälfte des Buches aus. Demgegenüber kommen grundlegende definitorische Theorieüberlegungen allerdings viel zu kurz. Da Wehrli etwa bei den Kritikern des Heavy Metal deren oftmalige Unwissenschaftlichkeit moniert, hätte er selbst ein solideres Fundament für seine Argumentationen pro Freiheit des Schwermetalls und wider dessen Zensur aufstellen sollen. Dass der Psychologe eine klare Position bezieht, erscheint legitim. Dass er diese aber leider allzuoft im Tonfall eines Fans und mit der von ihm bei anderen beklagten Wertigkeit (S. 262) garniert, lässt das Buch in eine undeutliche Ecke zwischen Fan-Artikel, fleißige Übersicht und wissenschaftlicher Abriss rücken. Immer wieder beklagt Wehrli etwa die Nicht-Anerkennung des Heavy Metal als Kunstform. Was aber bedeutet Kunst oder Kunstform genau für den Autoren? Und warum sollte Heavy Metal Kunst sein? Es drängt sich ein wenig der Eindruck auf, Wehrli wolle eine Lanze für dieses oft gescholtene Musikgenre brechen, wenn er etwa schreibt: “Nur ein Genre innerhalb des weiten Feldes des Rock behauptet noch eisern seine rebellische Nische: der Heavy Metal” (S. 14). Zudem schleicht sich vor allem in den Kurzübersichten zu den Böhsen Onkelz und Rammstein eine gewisse Arglosigkeit ein, die im Kontext einer solchen Analyse überraschend wirkt. Hier soll keiner neuen kulturapokalyptischen Kritik das Wort geredet werden – dem arbeitet Wehrli auch sinnvollerweise entgegen. Dies heißt aber noch lange nicht, dass spielerische Vergleiche mit Nazisymbolen oder ganz klare Aufforderungen zur Gewaltanwendung in Pop-Texten nicht beobachtet, diskutiert und sanktioniert werden können. Trotz der Komplexität des Buches (ergänzende Kapitel über Backward Masking und Zensur im internationalen Vergleich) gelingt es Wehrli nie, die Grundintention dieses Werks und die Zielgruppe klarzumachen: der Fan dürfte sich von Bleiwüsten erschlagen fühlen, den Wissenschaftler dürfte bisweilen der saloppe Jargon (Rossini “rotzte [...] ein halbes Dutzend [Opern] in einem einzigen Jahrhundert hinunter”, S. 342) irritieren. Und beide dürften unter der schlechten Bindung, dem sehr kleinen Schrifttyp und der schlechten Druckqualtität leiden: Ratlosigkeit trotz offensichtlich ausführlicher Recherche des Autors.

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