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Glitter gegen den Staat

So ist »Queercore – How To Punk A Revolution«

Yony Leysers Dokumentarfilm zeichnet die Geschichte von Queercore nach: vom Mythos einer Gegenbewegung bis zum Teil der LGBTIQ-Community, wie wir sie kennen.
Geschrieben am
»Everywhere I look, I get pressure from my peers!« brüllten die Screamers 1977. »Some of them are straight and some of them are queers!« Mitte der 1980er-Jahre war von der anfänglichen Verbindung zwischen Punk und Queerness, wie sie neben den Screamers auch Nervous Gender oder Darby Crash verkörperten, allerdings nicht mehr viel übrig. Hardcore war das nächste große Ding, und da hatten die Macho-Punks das Sagen. Wer im Moshpit zu sehr nach »Fag« oder »Dyke« aussah, wurde schon mal verprügelt. Höchste Zeit für eine Gegenbewegung! Wie sich diese formierte und in ungeahnter Geschwindigkeit Wellen schlug, zeichnet Yony Leysers Doku »Queercore – How To Punk A Revolution« in charmanter DIY-Ästhetik nach. Konzert- und Filmausschnitte wechseln sich ab mit Interviews und Zine-Collagen. Der Ton changiert von wütend bis selbstironisch, von nostalgisch bis campy – ganz nach dem Credo des Queercore: Alles ist erlaubt. Dass »Homocore« anfangs eine reine Behauptung war, mag queere Punks von heute überraschen. Doch genau das macht die Faszination aus: Kaum hatte sich der Mythos verbreitet, Toronto sei das Zentrum einer neuen Bewegung, sprang der Funke auf andere Orte in Kanada und den USA über – und wurde Realität. Dabei bestand »Homocore« im Jahr 1985 tatsächlich nur aus zwei Leuten, die in ihrem Keller Zines bastelten.

Namentlich G.B. Jones, bekannt aus der experimentellen Postpunk-Formation Fifth Column, und Bruce LaBruce, der sich später als Enfant terrible des New Queer Cinema einen Namen machen würde. Ihr bahnbrechendes Zine J.D. schlug bei den queeren Punk-Kids ein wie eine Bombe und inspirierte eine Flut weiterer Publikationen, Bandgründungen und Plattenlabels. Mit seinem subversiven Mix aus Anarchie, Pornografie und Glamour grenzte sich J.D. nicht nur radikal von der Homophobie im Hardcore-Punk ab, sondern zugleich auch von der schwul-lesbischen Community, die sich im Zuge der Aids-Krise weitgehend in den Mainstream assimiliert hatte. Wie wenig deren Anpassung an heteronormative Gewohnheiten und kapitalistischen Konsumwahn mit den künstlerischen Visionen und politischen Ansprüchen von Jones und LaBruce, John Waters, Lynn Breedlove oder Genesis P-Orridge gemein hatte, belegen Leysers sehr persönliche Interviews.

»Queercore« zeigt nicht nur, wie im Lauf der Jahrzehnte Acts wie Pansy Division, Peaches oder Beth Ditto aus diesem Underground-Spirit entstanden, sondern auch, wie zentral die Themen Anpassung und Widerstand für die LGBTIQ-Bewegung immer noch sind. Ohne die »Freaks an den Rändern«, wie Jody Bleyle von Team Dresch und Candy Ass Records es ausdrückt, hätte es keine Revolution aus dem Nichts heraus gegeben. Auch diese Message vermittelt der Film eindrucksvoll: Eine Fiktion, die an vielen Orten gleichzeitig geträumt wird, wird früher oder später Wirklichkeit.
— »Queercore – How To Punk A Revolution« (D 2017; R: Yony Leyser; Kinostart: 07.12.17; Edition Salzgeber)

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