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Das beharrliche Rauschen des Bizarren

»Kuso«

»Kuso« ist nicht nur das Spielfilm-Debüt von Produzent und Labelbetreiber Flying Lotus, sondern vermutlich auch einer der ungewöhnlichsten Horror-Filme des Jahres.
Geschrieben am
Der Weg vom Musiker zum Filmemacher gilt gemeinhin als steinig und nicht besonders erfolgsversprechend. Ein Pfad, der primär für die kreative Selbstverwirklichung eingeschlagen wird und oft schmerzhafte Schneisen in das Privatleben seiner Akteure schlägt – sowohl finanzieller als auch privater Natur. Eine Erfahrung, von der seit einiger Zeit auch Steven Ellison alias Flying Lotus berichten kann, dessen Filmdebüt »Kuso« demnächst auch hierzulande als exklusives Aushängeschild des neuen Streaming-Dienstes Shudder zu sehen ist. Mehrere hunderttausend Dollar pumpte der vor allem für seinen experimentellen Instrumental-HipHop geschätzte Produzent und Labelbetreiber aus privater Tasche in das Projekt – ganz zu Schweigen vom zeitlichen Investment in ein solches Vorhaben. Ein hoher Preis, für den Ellison allerdings eine grundlegende Prämisse setzen durfte: Die Freiheit, absolut keine Kompromisse eingehen zu müssen. Dass Ellison die damit einhergehenden Möglichkeiten freigiebig ausreizte, wurde spätesten mit der Premiere beim Sundance Festival im vergangenen Januar klar. Von dort meldeten diverse Medien alsbald, dass es sich bei »Kuso« um den wohl ekligsten Film aller Zeiten handele, der einige Besucher fluchtartig aus dem Kino getrieben haben soll. Schlagzeilen, die sich bestimmt hervorragend geklickt haben, aber kaum den eigentlichen Motiven des Films gerecht wurden.

»Kuso« springt launisch zwischen vier surrealen Vignetten hin und her, die das groteske Dasein einiger Überlebender eines verheerenden Erdbebens in Los Angeles skizzieren. Ein junges Paar, das unverhofften wie abstoßenden Zuwachs bekommt, eine schwangere Rapperin, die sich in einer WG mit bekifften Slacker-Aliens arrangieren muss, eine anusförmige Waldkreatur, die mit Exkrementen gefüttert wird und eine Beton knabbernde Mutter, die für ihr Baby in die Hölle hinabsteigt. Das mag irre klingen, ist aber tatsächlich noch viel exzentrischer, als man es sich an dieser Stelle überhaupt vorzustellen vermag. Der Film setzt den Zuschauer einer konstanten Konfrontation mit abstoßenden Tabus und überspitzt inszenierten Urängsten aus, die fast schon mit pubertärem Eifer auf alle erdenklichen Körperöffnungen- und Flüssigkeiten fixiert sind. Eine obszöne Lautstärke, unter der vor allem der Rhythmus des Films leidet und den Zuschauer häufig noch desorientierter zurücklässt, als es eigentlich nötig wäre. »Kuso« gönnt einem keine Pausen, keine dramaturgischen Höhen und Tiefen, sondern ausschließlich das beharrliche Rauschen des Bizarren. 
Es mag ein wenig anachronistisch anmuten, dass ausgerechnet das klassische Fernsehgerät ein zentrales Motiv in »Kuso« darstellt, als Sinnbild für den Medienkonsum im Allgemeinen macht das allerdings durchaus Sinn. Denn ähnlich wie die Musik von Flying Lotus spiegelt auch »Kuso« die hoffnungslos überladene Kakophonie des modernen Informationszeitalters wider. So kann die große Frage hinter dieser ganzen Ekelparade eigentlich nur lauten, was einen denn eigentlich noch schocken soll, wenn ganz reale Enthauptungen oder Vergewaltigungen theoretisch nur wenige Klicks von Wettervorhersage und Netflix entfernt sind. Ob Ellison mit »Kuso« eine Antwort auf diese Frage formulieren oder einfach nur die Existenz dieser ungemütlichen Dualität reflektieren wollte, bleibt auch nach dem Abspann unklar. Die Erkenntnis, dass Kunstblut und Schleim aus der Konserve auch heute noch ein flaues Gefühl im Magen verursachen können, ist dagegen fast schon beruhigend eindeutig. Je nach persönlicher Toleranz beginnt man irgendwann hinter diesen Schleier des Ekels zu blicken, wo man von einem schwindelerregenden Dauerfeuer der Referenzen erfasst wird, das Namen wie David Cronenberg, Harmony Korine oder Alejandro Jodorowsky nicht mal ausbuchstabiert, bevor sie jäh von gänzlich abstrakten Collagen aus VHS-Aufnahmen, Found Footage, Stop-Motion-Schnipseln und 8-Bit-Sequenzen beiseite geschoben werden. Am Ende ist nur schwer auseinanderzuhalten, ob hier wirklich das Werk an sich oder nicht doch eher das aufgezeigte Potential beeindruckt. »Kuso« ist mehr ästhetisches Statement als klassischer Spielfilm, ein Möglichkeitsraum, der hier offensichtlich erstmal auf seine Grenzen ausgetestet wird.

»Kuso« ist demnächst exklusiv auf Shudder zu sehen. Mehr Infos findet ihr auf der offiziellen Homepage des Dienstes. 

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