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»Rassismus geht alle an«

Kathryn Bigelow über »Detroit«

1967 brachen in Detroit blutige Unruhen aus, in denen Teile der afroamerikanischen Bevölkerung gegen den alltäglichen Rassismus aufbegehrten. »Detroit«, der neue Film der Oscar-prämierten Regisseurin Kathryn Bigelow konzentriert sich auf einen Vorfall während der Riots, bei dem drei Afroamerikaner starben und sieben schwarze Männer sowie zwei weiße Frauen von Polizisten misshandelt wurden. Pamela Jahn sprach mit Bigelow über ihre Motive, diese Geschichte in einem Spielfilm zu erzählen.
Geschrieben am

Interview:
Pamela Jahn

Sie sind Ende der 1960er Jahre als Teenager auf die Straße gegangen, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren. Wie hat diese Erfahrung Sie geprägt?
Die Demonstrationen haben mir gezeigt, was es heißt, eine kollektive Stimme zu haben, und wie kraftvoll und stark diese Stimme sein kann. Das war sehr wichtig für mich.

Als Mark Boal mit der Idee für das Drehbuch von »Detroit« an Sie herantrat, war der Polizist, der im August 2014 den jungen Afroamerikaner Michael Brown erschossen hatte, gerade von der Anklage befreit worden.
Ja, etwa um diese Zeit. Als ich parallel von dem historischen Fall im Algiers Motel erfuhr, um den es in »Detroit« geht, dachte ich mir: 1967. Das ist jetzt fünfzig Jahre her. Trotzdem kommt es einem vor, als sei es gestern passiert. Oder würde morgen passieren können. Ich hatte das Gefühl, die Ereignisse würden sich permanent wiederholen – ob Trayvon Martin oder Philando Castile, ob Freddy Gray oder Eric Garner. Höchste Zeit, dass wir in Amerika einen sinnvollen Dialog darüber führen, was da passiert. Natürlich geht es mir als Regisseurin immer auch darum, spannende Geschichten zu erzählen. Aber das Material muss eine soziale Bedeutung haben. Und diese unmittelbare Relevanz habe ich in diesem Fall gespürt.

Bis auf den Polizisten Philip Krauss sind alle Figuren im Film den realen Personen nachempfunden, die in besagter Nacht 1967 im Algiers Motel waren. Wo sind Sie noch zugunsten der Filmhandlung von den wahren Begebenheiten abgewichen?

Krauss ist ein Gemisch aus verschieden Charakteren, und man darf nicht vergessen, dass es sich nicht um eine Dokumentation handelt. Der Film ist die Dramatisierung einer Reihe von Ereignissen. Vieles musste komprimiert werden. Das betrifft die Figur von Krauss, aber auch die Gerichtsverhandlungen. Der Prozess dauerte insgesamt anderthalb Jahre, in Wirklichkeit waren es sogar drei separate Verfahren, die wir im Film zu einem zusammenziehen. Entstanden ist daraus ein gut zweistündiger Kinofilm, obwohl das Material auch eine Serie hergegeben hätte.

Denken Sie, dass Sie mit »Detroit« in der aktuellen Diskussion um Rassismus und Gewalt gegen Schwarze in den USA etwas bewirken können?

Es gibt kleine Lichtblicke: Neulich erst wurde der Film auf dem Capitol Hill gezeigt. Veranstaltet wurde die Vorführung von dem US-Kongressabgeordneten John Conyers Jr., der einen Gesetzesentwurf zur Abschaffung des »racial profiling«, der Fahndung anhand äußerlicher Kriterien der Herkunft erarbeitet hat. So ein Gesetz durchzubringen wäre ein echter Durchbruch, und wenn der Film dazu beitragen kann, dass darüber diskutiert wird, ist das ein Schritt in die richtige Richtung.

In den USA kam die Frage auf, ob eine weiße Regisseurin schwarze Geschichte verfilmen darf. Wie reagieren Sie auf solche Vorwürfe?

Es ist wichtig, darüber zu reden. Die vorherrschende rassistische Ungerechtigkeit und Rassismus im Allgemeinen gehen uns alle an. Es gibt ein großartiges Zitat von Heather Heyer, der jungen Frau, die in Charlottesville getötet wurde. Sie schrieb in ihrem etzten Facebook-Eintrag: »Wer sich nicht empört, schaut einfach nicht hin« Was damals im Algiers Motel geschehen ist, hat mich bewegt. Bin ich überzeugt, dass ich die richtige Person war, einen Film darüber zu machen? Nein. Aber ich hatte die Möglichkeit dazu, eine Geschichte auf die Leinwand zu bringen, die seit fünfzig Jahren nicht mehr erzählt worden ist. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, sie zu erzählen, und zwar so gut und mit so viel Respekt wie möglich.

Hatten Sie Unterstützung bei der Recherche?

Ich hatte zwei hervorragende Experten an meiner Seite: Michael Eric Dyson, der in Georgetown unterrichtet, und Henry Louis Gates, Jr. von der Harvard Universität. Beide haben zahlreiche Bücher über afroamerikanische Geschichte veröffentlicht und mir während meiner Arbeit an dem Film sehr geholfen, die Zusammenhänge zu verstehen, die schließlich zu den Ereignissen führten, um die es in »Detroit« geht.

Würden Sie sagen, dass die Sequenz im Motel zu den schwierigsten zählt, die Sie jemals gefilmt haben?

Hundert Prozent. Für mich, für die Schauspieler, für die Crew, für alle. Allerdings muss man sagen, dass sich im Laufe des Drehs dadurch auch eine der engsten Verbindungen zwischen Cast und Crew entwickelt hat, die ich je an einem Set miterlebt habe. Diese Verbundenheit zwischen allen Beteiligten war erstaunlich. Jeder wusste, dass dies eine Geschichte ist, die an die Öffentlichkeit muss. Der Gedanke brachte alle zusammen. Zwar war auf emotionaler Ebene ein enormer Preis damit verbunden. Aber John Boyega hat schon darüber gesprochen, wie sehr die Notwendigkeit alles andere in den Schatten stellte.
– »Detroit« (USA 2017; R: Kathryn Bigelow; D: John Boyega, Will Poulter, John Krasinski, Anthony Mackie, Concorde; Kinostart: 23. November 2017)

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