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Die Macht der Comics

Jillian Tamaki im Interview

Gemeinsam mit ihrer Cousine hat die Kanadierin Jillian Tamaki im vergangenen Jahr »Ein Sommer am See« veröffentlicht, eine zauberhafte Coming-Of-Age-Geschichte, die in den USA zum Skandal wurde. Jetzt ist ihr neuer Comic »Grenzenlos« erschienen. Julia Brummert traf die Zeichnerin und Autorin in Berlin zum Gespräch.
Geschrieben am

Interview:
Julia Brummert

Die Zeichnungen und Bilder in »Grenzenlos« stehen oft in einem starken Kontrast zueinander. Welche Idee hast du zuerst, die für das Bild oder die für den Text?
Das wechselt, ein paar der Geschichten haben Worte und Bilder, die auf den ersten Blick so gar nicht zusammen passen, andere sind eng verknüpft. Das ist die Magie der Comics. Mein erster Gedanke ist meist, dass die Zeichnungen sehr nah bei den Worten sein und sie unterstützen sollen – aber was ist, wenn wir sie auseinanderziehen, welchen Effekt hätte das? Für die Leserinnen und Leser kann das zunächst merkwürdig erscheinen, aber es fordert sie auch und das ist gut. Die erste Geschichte in »Grenzenlos« dreht sich um eine junge Frau, die in die große Stadt zieht. Sie basiert auf einem Songtext, dem einzigen Songtext den ich je geschrieben habe wohlgemerkt, und die Bilder stammen aus einem Tagebuch, das ich früher geführt habe. Zusammen sind sie ein Porträt meiner Gedanken aus der Zeit. Trotzdem ist die Erfahrung sicherlich eine, die viele Menschen machen. Ich gehe davon aus, dass weltweit viele Großstädte neu Hinzugezogene vor ähnliche Probleme stellen. Das ist nicht beschränkt auf New York, Toronto oder Berlin.

»Grenzenlos« erscheint als eine bunte Sammlung deiner Geschichten. Wie lange hast du daran gearbeitet?

Das älteste Stück ist von 2010, das ist der Comic über die schrumpfende Frau. Die meisten Arbeiten sind aber innerhalb der letzten fünf Jahre entstanden. So ergab sich ein interessanter Effekt, der nicht beabsichtigt war. Ich habe die Comics zwar hier und dort gezeichnet, einige Themen tauchen aber immer wieder auf, auch wenn das so nicht geplant war. 

Immerhin steckt mit dir als Zeichnerin und Autorin immer die gleiche Person dahinter. 

Auf jeden Fall. Ich habe einige Kurse in Illustration gegeben und viele Studentinnen und Studenten kommen auf mich zu und fragen, wie sie ihren eigenen Stil entwickeln könnten. Ich erkläre ihnen dann, dass sie sich gar nicht so sehr anstrengen müssen, weil man auch beim Zeichnen eine individuelle und einzigartige Handschrift hat. Außerdem bewegt sich jeder innerhalb der Grenzen seiner eigenen Vorstellungskraft, sodass dieser eigene Stil sich von ganz allein entwickelt.

Woher bekommst du Inspiration? Was hilft dir bei deiner Arbeit? 
Die meisten meiner Bücher und Arbeiten sind eine direkte Reaktion auf das, was in meinem Leben gerade passiert, oft auch auf etwas, das mich wütend gemacht hat. Autobiografisch ist meine Arbeit aber nicht. Manchmal sind es auch Gedankenexperimente oder ich starte mit einer vagen Idee und schaue, wohin das führt. »Darla« und »Sexcoven« sollten eigentlich Tweets werden. Da fiel mir dann aber auf, dass sie Potential für eine längere Geschichte haben. Es beginnt mit einem Funken, für den man offen sein muss, um dann Arbeit in die Umsetzung eines ganzen Comics zu investieren. Ideen an sich sind nicht schwierig zu finden, das Problem ist eher, sie in Form zu bringen. In deinem Kopf mögen sie perfekt sein, auf dem Papier sieht es aber vielleicht ganz anders aus.
Die sozialen Medien und das Internet sind ein großes Thema im Buch. Was fasziniert dich daran so sehr?
Wir haben zu Hause einen Internetanschluss bekommen, als ich 14 war. Seither habe ich es geliebt, zu chatten. Erst in Chatrooms, dann via ICQ, später Myspace und Facebook. Im Grunde ist das alles ja das Gleiche, es wandert ja nur über die verschiedenen Plattformen, die auftauchen und dann vielleicht wieder verschwinden. Ich habe viele positive Erfahrungen gemacht, persönlich und auch für meine Arbeit. Kaum vorstellbar, wie meine Karriere ohne das Internet verlaufen wäre. Ich erreiche so einerseits Art-Direktoren, aber auch ganz einfach Leserinnen und Leser über Blogs, meinen Tumblr oder Instagram. Auch wenn es uncool ist, das zu sagen: Die Arbeit in der Öffentlichkeit zu teilen, hat einen immensen Einfluss, ich würde lügen, wenn ich etwas anderes behaupten würde. Viele aus der Online-Comic-Community sind heute richtige Freundinnen und Freunde für mich. Nur, weil ich sie über das Internet kennen gelernt habe, heißt das ja nicht, dass dabei keine echten Freundschaften entstehen können.

Bereitet es dir Sorge, dass diese Fans und die Community deine Arbeit eines Tages falsch interpretieren könnten, so wie es in der Geschichte »Darla« in »Grenzenlos« passiert?
Ja, natürlich, diese Gefahr besteht immer. Wenn du etwas in die Welt setzt, verlierst du die Kontrolle darüber, egal, welche Intention du damit hattest. Deine Arbeit ist immer der Startpunkt und du kannst als Person, die dahinter steht, ganz schön verlorengehen in dem Ausmaß, das sie annehmen kann, wenn sie auf Fans losgelassen wird. Wenn du siehst, wie Menschen Fan-Art zeichnen oder sich als die von dir geschaffenen Heldinnen und Helden verkleiden, erkennst du, wie viel Macht Comics haben können. Deine Arbeit wird zu einem wichtigen Teil ihres Lebens.

Bist du selber auch Fan von etwas? Liest du Comics oder hast du eine Lieblingsserie?
Das klingt so abgedroschen, aber als Teenager habe ich die Beatles geliebt. Ich war nicht verliebt in sie, ich dachte nie, dass ich einen von ihnen küssen wollte oder so, ich wäre viel mehr gerne einer von ihnen gewesen. Ich wäre gern so genial gewesen wie sie. Heute gibt es allerdings kaum Serien oder Comics, von denen ich mich als Fan bezeichnen würde.

In deiner Arbeit sind queere Beziehungen selbstverständlich und Frauenkörper sehen so aus, wie sie eben aussehen. Wieso legst du darauf so besonders viel Wert?
Mir ist das sehr bewusst, weil ich als nicht-weiße Person in einem kanadischen Vorort groß geworden bin. Es gab in meinem Umfeld nur wenige Menschen, mit denen ich mich identifizieren konnte. Ich bin hungrig danach! Jetzt habe ich die Macht, ein bestimmtes Bild in die Welt zu setzen, Menschen zu zeigen, die Minderheiten und unterrepräsentierten Gruppen angehören. Die Welten, die ich zeichne, sind sehr nah an der Realität, ein Auto sieht aus wie ein Auto, ein Baum wie ein Baum, wenig daran erinnert an klassische Cartoons. Ich lege großen Wert auf Realismus. Es wäre doch seltsam, wenn ich dann anfangen würde, Menschen nicht genauso realistisch darzustellen, oder?

Hast du Freiheit auch bei Auftragsarbeiten? Du zeichnest ja viel für Magazine oder für Werbeanzeigen zum Beispiel.
Das kommt ganz darauf an und es kann auch sehr entmutigend sein. Ich habe oft Zeichnungen für Frauenmagazine gemacht und da gab es durchaus Anmerkungen und Bitten, wie die, Figuren dünner aussehen zu lassen – oder weißer. Das ist ein Stich in mein Herz, da glaubst du, du hast die Chance, endlich mal was anders zu machen und mehr Diversität zu zeigen und dann fordern sie dich ganz schlicht auf, es sein zu lassen. In meinen eigenen Comics kann ich tun und lassen, was ich will, aber auch das hat sich geändert. Als ich vor 15 Jahren anfing, zu zeichnen, war die Szene etwas steifer. Zumindest in Nordamerika gibt es aber mittlerweile die Ansicht, dass wir in Comics nicht nur dünne und nicht-weiße Menschen zeigen sollten, dass es eine Stärke ist, Unterschiede zu zeigen. Wer weiß, vielleicht ist das nur ein Trend, aber immerhin gibt es eine Diskussion, die es früher nicht gegeben hat.
 Dein letztes Buch, »Ein Sommer am See«, wurde in den USA zu einem kleinen Skandal. Kannst du erklären, was da los war? 
Laut der American Library Association ist es das »Most Challenged Book in America 2016«. Das ist eine sehr sonderbare Ehre. Natürlich finden der Verlag und die Promo-Agentur das erst mal toll, weil die Öffentlichkeit dann wieder über das Buch spricht. In Wahrheit ist es aber sehr ernüchternd. »Challenged« bedeutet, dass Eltern zur Bibliothek gegangen sind und förmlich darum gebeten haben, ein Buch zu entfernen. Es gibt auch einen »Ban«, dann wird das Buch tatsächlich raus genommen. Sehr oft kommt es nicht offiziell zu einem Bann, meistens gibt es ein Treffen von Menschen, die in der Bibliothek und im zuständigen Bezirk arbeiten, manchmal kommt noch jemand vom Schulamt dazu und dann einigen sie sich darauf, dass das Buch bleiben kann, wo es ist. Trotzdem wurde »Ein Sommer am See« aus einigen Bibliotheken entfernt. Das kann auch ohne Bann passieren. Die Bibliothek hat keine Lust auf den Ärger und nimmt das Buch einfach raus.

»Ein Sommer am See« ist eine Coming-Of-Age Geschichte über zwei Teenager-Mädchen. Woran haben sie sich denn da gestört?
Die Amercian Library Association macht daraus kein Geheimnis, sie erklärt es dir sehr genau: LGBTQ-Charaktere, sexuell eindeutige Sprache, Drogen und Schimpfwörter.

Im Ernst? Damit haben sie ein Problem? Das sind Teenager, natürlich fluchen die!

Es war wirklich interessant. Ich glaube unser Buch ist sehr realisitisch, aber die Menschen wollen nicht einsehen, dass Teenager nicht unschuldig sind. Sie sind es in der Realität nunmal nicht. Junge Menschen bekommen auch ohne unser Buch seltsame Ideen und Botschaften, darum geht es ja auch in »Ein Sommer am See«. Die Vorstellung von Sex setzt sich für sie aus einem Teil urbaner Legende, einem Teil von dem, was Freundinnen und Freunde erzählen und sehr viel Übertreibung zusammen. Man verwandelt sich nicht einfach so von einem unschuldigen Kind in einen gesunden, reifen Erwachsenen. Dazwischen herrscht sehr viel Chaos.

Haben sie euch mal eingeladen, an diesen Diskussionsrunden teilzunehmen?
Das wäre sehr schwierig, wir haben die Arbeit den Bibliotheken überlassen. Wahrscheinlich können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort viel besser vermitteln, sie kennen sich auch in ihrer Gegend und mit ihren speziellen Eigenheiten aus. Wir würden da stumpf reinplatzen und sagen: »Stellt euch nicht so an!«. Vor kurzem war »Banned Book Week« in den USA und wir haben sehr viel über das mittlerweile drei Jahre alte Buch und die Schwierigkeiten, die es umgeben, gesprochen. Oft stimme ich den Vorwürfen ja sogar zu, ich finde nicht, dass ein neunjähriges Kind »Ein Sommer am See« lesen sollte, es gehört nicht in die Kinderabteilung. Aber viele Bibliotheken glauben, Comics seien für Kinder und platzieren es vielleicht falsch. Da scheint es ein Missverständnis zu geben. 

Woran arbeitest du jetzt gerade?

Im Frühling veröffentliche ich ein Bilderbuch...

...das dann aber wirklich für Kinder ist?
Ja, für echte Kinder, junge Menschen, alle Altersklassen. Darin findet sich nichts Anstößiges, zumindest glaube ich das. Das habe ich gerade fertiggestellt. 

Arbeitest du wieder mit deiner Cousine zusammen, mit der du auch »Ein Sommer am See« gemacht hast?

Nein, sie ist sehr beschäftigt. Sie schreibt Superheldencomics, »Hulk«, »Teenage Mutant Ninja Turtles«, seit etwa eineinhalb Jahren macht sie das, auch »Supergirl« zum Beispiel. Für mich ist das völlig fremd. Wir machen bestimmt mal wieder was zusammen, ich bin vor allem sehr neugierig, ob sich ihre Art zu schreiben mit den Superheldencomics verändert hat. Sicher weiß ich nur, dass sie gelernt hat, sehr schnell zu schreiben, weil sie andauernd mit Aufträgen um die Ecke kommen.

Jillian Tamaki

Grenzenlos

Release: 01.09.2017

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