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Auf den Körper geschrieben

Jeanette Winterson

Würde sich ein Mann mit Lauren Bacall vergleichen, wenn ihn die Geliebte am Telefon abkanzelt? Fühlt sich eine Frau bei ihrer Freundin wie ein strahlender Ritter? Und was, wenn es dieselbe Person ist, die sich so beschreibt? Ist das wichtig, wenn doch nur die Liebe zählt?“Ich möchte den Klischees en
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Würde sich ein Mann mit Lauren Bacall vergleichen, wenn ihn die Geliebte am Telefon abkanzelt? Fühlt sich eine Frau bei ihrer Freundin wie ein strahlender Ritter? Und was, wenn es dieselbe Person ist, die sich so beschreibt? Ist das wichtig, wenn doch nur die Liebe zählt?

“Ich möchte den Klischees entkommen”, heißt es zu Beginn des Romans und gemeint ist sowohl das Sprechen über die Liebe wie auch die Beziehung zum geliebten Menschen. Die erzählende Stimme bleibt bis zum Ende des Buches namenlos und geschlechtlich unbestimmt, während sie von einer Reihe wilder Affären berichtet, die jäh endet, als Louise auftaucht. Nach kurzer stürmischer Verliebtheit entdeckt deren Ehemann die Untreue seiner Frau und rächt sich auf perfide Weise: Louise sei schwer krank, aber er, der berühmte Arzt, werde sie heilen – unter der Bedingung, dass das Verhältnis beendet würde. Der / die ErzählerIn lässt sich auf diesen Handel ein, flieht aus der Stadt und beginnt in der Abgeschiedenheit, so viel wie möglich über die Krankheit der verlorenen Geliebten zu lernen. Die medizinischen Fakten spinnt er / sie dabei zu bildreichen erotischen Hymnen an Louises Körper aus, um die Zurückgelassene wenigstens sprachlich noch zu besitzen, bis seine / ihre Schuldgefühle ihn / sie den Kampf um Louise wieder aufnehmen lassen.

Nun ist diese schmale Geschichte natürlich keineswegs frei von Klischees. Der / die ErzählerIn weiß das und leidet unter dem Altbekannten, den abgeschmackten Heimlichkeiten des Ehebruchs, der theaterhaften Dramatik der Entdeckung und dem Gefühl, noch in den intimsten Momenten mit der Geliebten einen bis zum Überdruss bekannten und beschriebenen Tanz aufzuführen. Rettung soll die Sprache bringen; unablässig arbeitet sich der Text bei seinem Versuch, das ganz eigene, einmalige dieser Liebe festzuhalten, an Floskeln und Konventionen ab. So entsteht ein tastendes Sprechen aus Plattitüden und unvermutet aufschimmernden Einsichten, das die Autorin allerdings immer mit trockenem Humor und Liebe zum skurrilen Detail vor der selbstverliebten Avantgarde bewahrt.

Letztendlich scheitert die Auflehung gegen die Konvention dann planvoll an den Lesenden. Immer wieder ertappt man sich dabei, dass man der Stimme dieses Textes gar nicht richtig zuhört, sondern ungeduldig auf den entscheidenden Hinweis wartet, der endlich Eindeutigkeit darüber herstellen möge, wer denn da spricht. Dieser Blick auf eine Frau, jenes Detail des Sexualverhaltens, diese Ansprache durch Andere, jenes Kleidungsstück, all die absichtsvoll widersprüchlichen Fußangeln der Autorin. Mann, Frau, Transgender? Schwul, lesbisch, bi? Das ist vielleicht die größte Leistung dieses kleinen Romans, den der Berlin Velag jetzt neu herausbringt: Man erlebt hautnah, dass niemals nur die Liebe zählt, weil sie gemacht werden muss, in Gedanken, Worten und Taten. Und da warten immer schon die Anderen.

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