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Mehr als ein Theaterstück

»Houseworld« in New York

Andrew Hoepfner lässt Traumwelten Realität werden. Seine interaktive Performance »Houseworld« zählt die Band DIIV zu glühenden Fans und wird von amerikanischen Blogs als »spannendstes Theaterstück New Yorks« gefeiert. Wir haben mit dem Initiator gesprochen und dürfen einige exklusive Fotos vom Stück zeigen.
Geschrieben am
Im Herbst 2014 verbrachte der Autor einige Nächte in Brooklyn. Was als spontane Übernachtungsanfrage an einen Bekannten begann, endete in einem spektakulären Pfarrhaus aus dem 19. Jahrhundert in Flatbush. Beim abendlichen Bier auf der Veranda erzählte Gastgeber Andrew Hoepfner, der früher unter anderem in den Indie-Pop-Bands Saturday Looks Good To Me und Creaky Boards spielte, von seinen Plänen, das Haus mittels einer Theater-Perfomrance wiederzubeleben. Was sich damals noch wie eine unfertige Fantasie anhörte, wurde schon bald erfolgreiche Realität. Mittlerweile konnten mittels Crowdfunding über $35.000 gesammelt werden und »Houseworld« geht in die zweite Spielzeit.
Bild: Andrew Hoepfner
Bei meinem Besuch im September, erzähltest du von einer Idee für ein Theaterstück, ohne dabei genau ins Detail zu gehen. Es sei noch in der Entwicklung, war dein Kommentar. Einige Wochen später fand die Premiere von »Houseworld« statt. Wie konntest du das so schnell umsetzen? Wie hat sich das Projekt entwickelt?
Ich schuf eine Situation, in der ich unter Druck stand. Die gute Art von Druck. Ich bat alle Ensemble-Mitglieder sich auf ein bestimmtes Datum für die Performance festzulegen, das nicht so weit in der Zukunft lag. Den Zuschauern sagte ich daraufhin, sie mögen sich den Termin freihalten. Darunter waren viele meiner liebsten Menschen in New York und ich wollte sie auf keinen Fall enttäuschen. Dieser Druck motivierte mich. Ich habe dann eine große Liste mit allen Dingen geschrieben, die erledigt werden müssen: vom Auswischen des Dachbodens, über den Kauf eines Harmoniums bei ebay bis zum Schauspieltraining für die Mitwirkenden. Die Punkte der Liste habe ich dann Stück für Stück abgearbeitet. Es gibt dieses Selbsthilfebuch von Kanye West, »Thank You And You’re Welcome« und ich folge einer Maxime daraus, die lautet: »Think it, say it, do it!« Das Buch lag monatelang aufgeschlagen auf der Kommode in meinem Zimmer. Die Idee, deine Ziele und Pläne bekanntzumachen und dadurch öffentlichen Druck zu erzeugen, habe ich von Kanye. Ein weiterer wichtiger Schlüssel zum Erfolg ist, dass ich jemand bin, der dafür lebt, Kunst zu machen. Ich bin der Kunst ergeben. Ich habe weder eine Freundin, noch ein Kind und noch nicht einmal ein Haustier. Wenn ich ein Kunstprojekt finde das mir gefällt, arbeite ich daran vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Und in der Zeit kannst du eine Menge schaffen. Zudem wirken bei »Houseworld« einige Synergie-Effekte. Viele Freunde kamen vorbei, um mitzuarbeiten oder sich mit eigenen Ideen einzubringen. Es hat großen Spaß gemacht. Statt in eine Bar oder auf eine Party zu gehen, haben wir einen Monat lang an »Houseworld« geschrieben und gebastelt.
Bild: Eric Lippe
Du wohntest damals in einem beeindruckend schönen, alten Pfarrhaus. War dieser Ort die Inspiration zu »Houseworld«?
Absolut! Das Grundstück der Flatbush Reformed Church hat mich ab dem Tag meines Einzugs inspiriert. Historisch betrachtet war es die erste Gebetsstätte in Brooklyn und es sind dort im Hof Soldaten aus dem 18. Jahrhundert begraben. In diesem mächtigen Haus gab es schräge Dachsparren, den Geruch nach Holz auf dem Dachboden, Kamine aus Marmor und all diese hübschen, kaputten Rollläden. Die Kirchenverwaltung wollte zunächst, dass dort verschiedene Menschen wohnen, änderte jedoch diese Meinung ganz langsam wieder. Die ersten Mieter zogen aus und wurden nicht ersetzt. Als wir nur noch zu dritt waren, fing ich an zu träumen, was in den leeren Räumen alles passieren könnte. Diese Ideen haben förmlich Besitz von mir ergriffen.

Träume sind das Hauptthema der Performance. Träumst du selbst viel und beschäftigst du dich mit deinen Träumen?
Lustiger Weise interessiere ich mich gar nicht so besonders fürs Träumen. Einige der Mitwirkenden von »Houseworld« sind dagegen sehr daran interessiert, ebenso viele der Gäste. Für mich ist das Traum-Szenario einfach eine Ausrede um sehr sonderbare Begegnungen stattfinden zu lassen. Mich interessieren Intimität und Fantasien. Damit zu spielen, ist mein Hauptantrieb beim Schreiben von »Houseworld«. Darüber hinaus denke ich allerdings, dass man eine ganze Menge aus seinen Träumen lernen kann. Es ist dokumentiert, dass Menschen die nicht träumen, psychotisch werden. Es ist faszinierend sich vorzustellen, dass ein Traum über das Fliegen oder nackt zur Schule zu gehen, sich um grundlegende biologische Bedürfnisse kümmern kann. »Houseworld« ist eine Chance sich mit diesem Paradoxon auseinanderzusetzen, wo absurde Abstraktion nötig ist, um eine stabile Realität auszubalancieren.
Bild: Andrew Hoepfner
Wie hast du dein Schauspieler-Ensemble gefunden? Wer sind die Leute, die »Houseworld« bevölkern?
Der Cast besteht aus einigen meiner besten Freunde. Es sind New Yorker Musiker und Exzentriker. Ich lebe seit elf Jahren hier und kenne mittlerweile viele sehr talentierte Künstler. Das Rekrutieren der Mitwirkenden war eine spaßige Herausforderung. Jeder kannte mich nur als Musiker der in Rockbands spielt, und so etwas wie »Houseworld« hatte ich noch nie zuvor gemacht. Es war daher sehr interessant, Dinge vorzuschlagen wie: »Du wirst den ganzen Abend über in einer Badewanne liegen und Leute werden vorbeikommen, um dir Fragen zu stellen. Aber vorher müssen sie dir eine Heidelbeere bringen.« Es war jedes Mal ein großes Ding, wenn jemand »ja« gesagt hat.

Das Publikum spielt eine große Rolle in »Houseworld«. Die Interaktion mit den Darstellern kann die Handlung verändern und neue Situationen kreieren.  Wie reagieren die Menschen, wenn sie »Houseworld« zum ersten Mal betreten?
Es führen verschiedene Türen ins Haus. Unterschiedliche Gäste sehen so auch unterschiedliche Szenen. Bei einem Eingang wäscht eine Dienerin deine Hände, während sie anfängt leise ein Lied vor sich hin zu singen und du merkst, dass sie eine Trauer umgibt. Plötzlich unterbricht sie der Koch und du wirst in die Küche gestoßen. Dieser wütende Koch ist sehr streng mit dir und weist dich an, mit ihm zusammen das Festmahl für den Abend vorzubereiten. Mir gefällt die Vorstellung, dass die Handwäsche den Mutterleib symbolisiert, während die Küche die Geburt in eine harte, schroffe Realität darstellt.  Viele der Besucher sind sehr aufgeregt, wenn sie »Houseworld« betreten, eine Umgebung, die so sonderbar und frei ist. Manche Gäste finden es erschreckend und versuchen dann einen Raum zu finden, der sich spaßig oder sicher anfühlt. Manchmal brauchen die Leute ein bisschen um zu begreifen, dass sie mit den Bewohnern des Hauses reden können und so die Performance beeinflussen. Einige der Gäste entdecken die Rätsel und Puzzle, die in »Houseworld« stecken und beginnen an deren Lösung zu arbeiten.

Andrew Hoepfner
Bild: Shane Thomas
Wann und wie ist die Idee entstanden, eine Crowdfunding-Kampagne zu starten, um das Budget für eine zweite Spielzeit aufzutreiben?
Die ersten Aufführungen von »Houseworld« wurden schnell sehr beliebt. Ich hatte eine sechste Show für den Februar angekündigt, was so eigentlich nicht geplant gewesen war, und innerhalb einer Stunde war die Liste der möglichen Besucher voll. Schon mein ganzes Leben lang bin ich Musiker, aber ich habe nie einer Band vorgestanden, bei der die Leute ein derartiges Verlangen danach hatten, uns zu sehen. Es wurde mir daher sehr wichtig, diese Sache die den Besuchern und Mitwirkenden so viel Freude bereitet, weiterzuentwickeln. Die ersten sechs Aufführungen haben mich etwa $ 5500 gekostet. Ich verdiene mein Geld damit, in Kirchen Orgel zu spielen und Klavierunterricht zu geben und dieses Geld reicht leider nicht ewig. Wir entschieden daher, dass Crowdfunding die beste Möglichkeit wäre, um dieses gigantische und unausweichlich teure Perfomance am Leben zu erhalten. Am 1. März musste ich aus dem ursprünglichen Haus ausziehen, ich entspannte eine Woche und dann starteten wir so schnell wie möglich den Kickstarter.

Es gab einige ungewöhnliche Belohnungen für die Crowdfunder, etwa die Umsetzung eines individuellen Traums durch die Schauspieler von »Houseworld«. Für den Betrag von $ 10.000 übernehmen die Mitglieder der Band DIIV diese Rollen. Wie kam es dazu?
Es gab bereits den Plan, für $ 1000 anzubieten, dass der »Houseworld«-Cast den Traum des Spenders adaptiert. Zachary Cole Smith von DIIV schrieb mir dann, wie er und seine Band beim Crowdfunding helfen könnten. Ursprünglich versuchte ich, sie zu einem Benefiz-Konzert zu überreden, aber das scheiterte aufgrund ihrer vertraglichen Verpflichtungen bezüglich anderer New York-Konzerte im Sommer und Herbst. Daraufhin überlegten wir, DIIV und den Traum-Aspekt zu verbinden. Cole und ich waren sofort von der Idee begeistert. Ich bin daher sehr gespannt darauf, wenn DIIV bei »Houseworld« ihr Debüt als Schauspieler geben.
Die Kickstarter-Kampagne war ein großer Erfolg und ihr konntet sogar mehr einnehmen, als anfangs gefordert. »Houseworld« wird nun also in eine zweite Spielzeit gehen, bei der die einzelnen Aufführungen öffentlich sind. Musst du die Perfomance deshalb abwandeln?
Das Stück wird sich drastisch verbessern und erweitern. Wir behalten alles bei, was an den ersten Shows gut war, aber das Aussehen und der Klang der Performance wird in der Qualität steigen, ebenso werden die Details der Geschichte und die Wege der Interaktion tiefergehender. Während der ersten Spielzeit gab es keine einzige Probe mit dem gesamten Cast. Alle Proben fanden in einzelnen Terminen zwischen mir und jeweils einem Schauspieler statt. Manchmal schickte ich auch einfach nur ein paar Anmerkungen per Email. Es ist ein Wunder, dass »Houseworld« am Ende so gut geklappt hat. Bei der zweiten Spielzeit werden wir endlich in der Lage sein, mit dem ganzen Ensemble zu Proben und den Mitwirkenden zu zeigen, was in den anderen Ecken des Hauses passiert. Es wird auf eine gute Art zusammenhängender werden. Das umreißt es aber auch nur oberflächlich. Manchmal ruiniert Geld die Kunst, aber an dem Punkt sind wir noch lange nicht. Es ist eher so, wie das Geld, dass dich vom Schlafsack in ein richtiges Bett befördert. 

Gibt es Story-Ideen, die du in der ersten Spielzeit nicht umsetzen konntest, aber jetzt in der zweiten angehst?
Ich habe eine ganze Reihe Ideen und bin deshalb sehr aufgeregt. Eigentlich wollte ich sie alle geheim halten, aber ich erzähle dir eine. Es wird ein Zimmer namens »The Director’s Room« geben, wo die Besucher Teil eines Films werden. Der Regisseur von »Houseworld« rekrutiert die Gäste als Schauspieler, lässt sie den Text vorsprechen und nimmt alles mit Kamera auf. Bei den frühen Vorführungen um 19:30 wird der Gast, der am besten gespielt hat die Möglichkeit bekommen, für die Show am späteren Abend in der Rolle zu bleiben. Sie oder er kann dann zum Cast dazu stoßen, hinter die Kulissen gucken und als Darsteller mitwirken. SO erhält man nicht nur zwei Aufführungen für einen Ticketpreis, sondern wird Teil des Stücks und seiner Geheimnisse. 

Hast du bereits den Spielort für die neuen Aufführungen gefunden?
Es mag sein, dass wir in das ursprüngliche Haus zurück ziehen, aber wir haben noch etwas Zeit, um alle Optionen zu bedenken. Vielleicht finden wir sogar einen Ort, der noch besser geeignet ist. New York ist eine gigantische Stadt und es gibt hier wundervolle Mysterien an jeder Ecke.

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