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Durch die Glaskugel in die Vergangenheit

Ein Besuch beim »Schottendisco«-Autor David F. Ross in Glasgow

David F. Ross’ Debütroman erinnert an Irvine Welshs »Trainspotting«. Aber die Geschichte spielt nicht in Edinburgh, sondern Anfang der 1980er-Jahre im Milieu der Glasgower Arbeiterklasse, die Rolle von Heroin übernimmt das gute alte Vinyl. Wolfgang Frömberg reiste nach Schottland und begab sich mit Ross auf einen Trip über die Schnellstraße nach Irvine – und auf eine Reise durch die Zeit.
Geschrieben am
Das Flugzeug wird bald die Landebahn küssen, unten ist bereits Glasgow zu erkennen. Erster Eindruck: Die Stadt scheint von Moos und Rost überwachsen zu sein. Wobei das dunkle Grün der satten Wiesen das rötliche Braun verdrängt, je weiter ich den Blick zum Stadtrand schweifen lasse – bis der Flieger wieder in eine der vielen Wolken eintaucht, die mir die Sicht vernebeln. Sie hängen über diesem Auenland der Arbeiterklasse, wie es sich für mich in David F. Ross’ Roman »The Last Days Of Disco« darstellt, fast so, als wollten sie für eine Postkarte posieren. Ich weiß ja: Graue Wolken gehören hierhin, ähnlich wie Schottenröcke, Dudelsäcke, Whisky und die Schafe auf den Hügeln. Schließlich habe ich »Schottland« gegoogelt, bevor ich mich zum Interview mit Ross verabredete. Zum Glück ahnen die Schnucken da unten nicht, dass sie womöglich zu Haggis verarbeitet werden, denke ich beim Landeanflug. Vergeblich halte ich nach den Stadien der rivalisierenden Fußballklubs Celtic und Rangers Ausschau.
Später erklärt mir der in Glasgow geborene Rangers-Anhänger Ross, dieser Julitag sei für örtliche Verhältnisse ganz schön sunny. Komisch, weil doch Regentropfen auf die Windschutzscheibe seines BMW älteren Modells prasseln. Auch Ross’ herbe Aussprache klingt merkwürdig. Von den sommerlichen Temperaturen abgesehen, lacht den Schotten momentan nicht unbedingt die Sonne aus dem Arsch. Nach dem Votum für einen Verbleib im Vereinigten Königreich und dem jüngsten Referendum, in dem der Abschied eben dieses Königreichs aus der Europäischen Union beschlossen wurde, fühlen sie sich angeschmiert. Einer der Gründe, nicht für die Unabhängigkeit zu stimmen, war ja der Verbleib Schottlands in der EU durch die Anbindung an Großbritannien gewesen. Also egal, wie man das Wörtchen »Brexit« ausspricht, in den Ohren der Schotten klingt es hart. Ross wird nicht mit Frust und Skepsis geizen, sobald unser Gespräch auf das Thema Politik zurückkommt. An den konservativen Torys und Typen wie Boris Johnson lässt er kein gutes Haar.  

Nach der Landung ist erst mal Sightseeing angesagt. Doch schon kurz nachdem ich eine Runde um die Glasgower School Of Art gedreht habe, in der 2014 ein Feuer ausbrach – da blutete nicht nur Ross, der als Architekt arbeitet, das Herz –, holt er mich vom Hotel ab. Schon mal was von Irvine gehört? Das Örtchen liegt einige Autominuten von Glasgow entfernt. Ross steuert das verschlafene Nest an, in dem einst noch etwas mehr los war, als nämlich Alfred Nobel dort Dynamit herstellen ließ. Ross hat dem lokalen Literaturfestival versprochen, beim Ringelpiez für Presse und Sponsoren anwesend zu sein. Freundlich schüttelt er Hände und hört zu, wie ein anderer Schriftsteller von der »einsamen Tätigkeit« des Schreibens schwadroniert. Dann kehren wir zurück nach Glasgow, wo Ross noch immer lebt. Wenn auch nicht mehr in der Arbeitergegend, in der er aufgewachsen ist.  

Während der Fahrt soll ich ihm erklären, woher das Interesse aus Deutschland rührt. Ross wirkt ehrlich überrascht, dass sein Debütroman »The Last Days Of Disco« hier erscheint. Das ließe sich mit dem Näschen des Heyne-Core-Herausgebers Markus Naegele erklären, sage ich, der bereits John Niven (»Kill Your Friends«) für den hiesigen Markt entdeckte. Niven, übrigens aus Irvine stammend, schrieb auch eine knackige Lobhudelei auf Ross’ Roman. Der bekam den deutschen Titel »Schottendisco« verpasst. Eine Anspielung auf Wladimir Kaminers Beststeller »Russendisko«. Und ein Witz, den Ross ebenso wenig versteht, wie ich so manchen Brocken seines schottischen Englischs.
Die raue Musikalität dieses Akzents ist in der deutschen Übersetzung kaum zu erahnen. Man muss sich auf die Geschichte einlassen, um an »Schottendisco« Gefallen zu finden. Apropos Geschichte: Das gilt im doppelten Sinne auch für die historische Dimension des Buchs, das a wee bit an den Vibe von Irvine Welshs »Trainspotting« erinnert. Es spielt Anfang der 1980er-Jahre und besteht aus drei Erzählsträngen. Anhand dieser Stränge entwickelt der Autor ein unterhaltsames Plotpourri – und dreht der politischen Kaste jener Tage gnadenlos einen Strick. Wie viel von ihm selbst wohl darin steckt? »Ich glaube nicht, dass das Schreiben eine einsame Tätigkeit ist«, erklärt Ross seine Arbeitsweise anders als der Kollege in Irvine. »Der Roman trägt autobiografische Züge, denn die Figuren wären kaum entstanden, wenn ich damals nicht ähnliche Leute gekannt hätte. Und die Leute wären nicht so gewesen, wenn die Zeit eine andere gewesen wäre. Das ist eine Parallele zur Architektur. Ich habe die Story nicht auf Sand gebaut, sondern sie wie ein Gebäude in den Kontext der Verhältnisse drum herum gesetzt.«    

So hat er dem Romangeschehen das viel sagende Zitat eines Parlamentsabgeordneten aus dem Jahr 1982 vorangestellt: »Nachdem die offizielle Zahl der Arbeitslosen nun die Drei-Millionen-Marke überschritten hat, ist die Premierministerin stolz darauf, so viele Familien in Großbritannien in so tiefe Verzweiflung gestürzt zu haben? Ist sie stolz darauf, dass sie und die Regierung der britischen Wirtschaft verheerenderen Schaden zugefügt haben als das deutsche Oberkommando im letzten Krieg?«        

Gemeint ist Premierministerin Margaret Thatcher, die als »Eiserne Lady« während ihrer Amtszeit von 1979 bis 1990 den Neoliberalismus feierte. Die Entfesselung des Marktes durch Privatisierung und Deregulierung. Sie begriff die Gesellschaft nicht als Gemeinschaft, sondern als einen Haufen von Einzelschicksalen. Und verbitterte Einzelne brauchen Schuldige, wenn es nicht läuft. Wir kennen das natürlich auch aus Deutschland. Die Sündenböcke sind hier und heute Linksradikale, Migranten oder die Lügenpresse. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl wird bei aller sozialen Ungleichheit dennoch herbeigeführt. Über »kulturelle Grenzen« und »nationale Interessen«. Im Zweifelsfall durch militärische Intervention. Eingestreute Zitate kündigen den Einbruch des Kriegs in die turbulente Romanhandlung an. 1982 kämpfen Großbritannien und Argentinien mit aller Gewalt um die Falklandinseln.    

Früher war halt nicht alles besser, auch wenn »Schottendisco« von einer Art traurigen, zukunftweisenden Nostalgie durchdrungen ist, weil sich im Damals eben das Jetzt spiegelt. Das liest sich beinahe wie ein Blick durch die Glaskugel in die Vergangenheit – oder durch die Discokugel. Der 1964 geborene Ross erinnert sich, wie er als 18-Jähriger tatsächlich fürchtete, den Einberufungsbefehl zu bekommen und in den Krieg geschickt zu werden. Er hatte Glück, jobbte sich durchs Leben, begann erst recht spät ein Architekturstudium. Mittlerweile kann er Geschichten aus aller Welt erzählen, zum Beispiel, wie eines Tages Gaddafi mit seinem Tross an ihm vorbeispazierte, als er in kurzen Hosen in der Lobby eines teuren Hotels in Libyen stand. Aber seine große Liebe bleibt die Popmusik, die im Leben so vieler der erste Ansatz ist, die herrschenden Verhältnisse hinter sich zu lassen.    

In »Schottendisco« lässt Ross die Musik noch mal gegen die Umstände antreten. Erinnern wir uns an das Zitat von den über drei Millionen Arbeitslosen im Jahr 1982: Eigentlich hat keiner aus dem Figuren-Ensemble des Romans einen richtigen Job. Zwielichtige Typen, arme Künstler und perspektivlose Minderjährige bilden das muntere Milieu eines Lumpen- und Ganovenproletariats, das von einigen Turbulenzen durchgeschüttelt wird. Hauptfigur Bobby ist gerade volljährig geworden und träumt von der Karriere als DJ einer mobilen Disco. Das Repertoire reicht von Motown über Northern Soul bis zum Postpunk seiner Gegenwart. Es ist der Sound, dem Paul-Weller-Fan David F. Ross bis heute treu ist. Ebenso wie der Frau, mit der er bereits an seinem 18. Geburtstag ausging. »Genau wie Bobby kann ich mich an den Tag kaum erinnern …«, gibt er zu. Während Bobby betrunken abstürzte, war er bei seinem schicksalhaften Date wahrscheinlich bloß verdammt nervös.
Auch den Charakteren aus »Schottendisco« hält Ross die Stange, als wären es alte Freunde. Auf dem Rücksitz des BMW liegt druckfrisch der gerade erschienene zweite Roman »The Rise And Fall Of The Miraculous Vespas«, in dem mehrere Figuren und Schauplätze wiederauftauchen. Es ist die Geschichte einer fiktiven Band, ebenfalls aus den Eighties. Daneben liegen ein paar Singles, die er unter dem Namen The Miraculous Vespas zusammen mit seinem Kumpel Robert Hodgens von The Bluebells produziert hat, was ihn hörbar begeistert. Die Scheibenwischer arbeiten träge an diesem sonnigen Tag in Glasgow, im Auto laufen The Smiths, und Ross redet über die Zeiten, in denen der NME noch ein gutes Magazin war, über seine einstigen fußballerischen Ambitionen – und über die Schriftstellerei als Hobby. Je mehr er aus seinem Leben erzählt, desto besser verstehe ich ihn.

David F. Ross

Schottendisco: Roman

Release: 29.08.2016

David F. Ross »Schottendisco« 
Heyne Hardcore, 336 S.; 14,99 Euro  
Auf Tour in Deutschland vom 19. - 21.09.   

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