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Die ewige Wurstelei

Heinz Strunk / Fleisch ist mein Gemüse

Rechtzeitig zum Kinostart: Lars Brinkmann traf Heinz Strunk in dessen eigenen vier Wänden.
Geschrieben am

Rechtzeitig vor der Veröffentlichung des neuen Romans 'Die Zunge Europas' kommt die Verfilmung von Heinz Strunks Debüt in die Kinos. Eine Komödie zum Weinen? Eine Tragödie zum Lachen? Alter Buck in neuen Schläuchen? Lars Brinkmann traf Herrn Strunk und liefert Erklärungen.

Die vermeintlich schlechte Nachricht zuerst: Der Hamburger Regisseur und Autor Christian Görlitz ('Freier Fall', 'Das Böse', 'Außer Kontrolle', 'Die Geisel') hat 'Fleisch ist mein Gemüse' verfilmt, das erstaunlich komische Buch von Heinz Strunk. Und sein Film ist gar nicht mal so komisch. Wenn man wollte, könnte man Görlitz also vorwerfen, dass er nicht das leistet, was Strunk auf so eloquente Art mit seinem Buch gelungen ist: der Tragödie mit erzählerischen Mitteln direkt in ihrer Schilderung die komischen Seiten abzuringen - oder besser: sie ihr einzuschreiben.

Doch dieser Missstand hat einen guten Grund. Und keine Angst, am Ende dieses Textes ist der Film trotz extremer Untertöne eine Komödie. Warum das so sein muss, erklärt uns aber erst mal der Mann, der uns schon im Deutschunterricht um den Verstand gelangweilt und seine Theaterstücke durchweg als Komödien bezeichnet hat. In seinem gleichnamigen Aufsatz über 'Theaterprobleme' schrieb jener Friedrich Dürrenmatt:

"Die Tragödie setzt Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verantwortung voraus. In der Wurstelei unseres Jahrhunderts, in diesem Kehraus der weißen Rasse, gibt es keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichen mehr. Alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt ... Wir können das Tragische aus der Komödie heraus erzielen, hervorbringen als einen schrecklichen Moment, als einen sich öffnenden Abgrund, so sind ja schon viele Tragödien Shakespeares Komödien, aus denen heraus das Tragische aufsteigt. Nun liegt der Schluß nahe, die Komödie sei der Ausdruck der Verzweiflung, doch ist dieser Schluß nicht zwingend. Gewiß, wer das Sinnlose, das Hoffnungslose dieser Welt sieht, kann verzweifeln, doch ist diese Verzweiflung nicht eine Folge dieser Welt, sondern eine Antwort, die er auf diese Welt gibt, und eine andere Antwort wäre sein Nichtverzweifeln, sein Entschluß etwa, die Welt zu bestehen, in der wir oft leben wie Gulliver unter den Riesen."

Strunks autobiografisch angelegter Held, im Film sehr eindringlich von Maxim Mehmet dargestellt, pendelt zwischen Verzweiflung und Nichtverzweifeln, zwischen Ohnmacht und Aufbegehren. Er ist ein Loner, ein Freak, gezeichnet von einer schlimmen "Aktentaschen-Akne", wie Helge Schneider sagen würde. Trotz Star-Ambitionen lebt er vor den Toren der Stadt in einem tristen Reihenhäuschen bei seiner psychisch kranken Mutter.

Zunächst wirkt es so, als würde er sich seinem Schicksal ergeben, um bis ans Ende aller Tage gemeinsam mit Rosi, der übergewichtigen Nachbarin ohne Mann, im stinkigen Wohnzimmer dahinzuvegetieren und den Schmerz des Lebens mit Alkohol zu betäuben. Doch dann rafft sich Heinz auf und schickt sich an, gegen alle eigenen und fremden Widerstände seinen Weg als Berufsmusiker zu gehen. Wie die Jungfrau zum Kinde kommt er zu einer Position als Saxofonist in einer Kappelle mit dem schönen Namen Tiffany's. Nicht The Tiffanys! Darauf legt Bandleader Gurki gesteigerten Wert, warum auch immer. Es folgt eine Art 'Spinal Tap' mit Tanzmusikern in der Rolle von Rockstars. Ihre Welt sind die improvisierten Show-Bühnen, ob auf dem Schützenfest oder im Altersheim. Die Devise lautet: "Abliefern." 

Aber in Heinz keimt mehr ...
"Ich weiß, was du meinst", beruhigt mich Heinz. "Ich finde die dramatischen und traurigen Szenen auch besser als die lustigen." Dennoch, und das bestätigen auch die ausnehmend gut informierten PR-Kräfte, gab es wohl bei den ersten Vorführungen viele Lacher. Schallend laut sollen sie darüber hinaus gewesen sein. Dazu kann ich nichts sagen, ich habe den Film in Begleitung von drei Bodyguards gesehen, die zuvor mein Telefon und meinen Fotoapparat beschlagnahmt hatten. Das mag natürlich auch etwas auf die Stimmung gedrückt haben.


Aber später, als wir über den zwar hervorragend von Andreas Schmidt gespielten, aber dennoch etwas zu hysterisch angelegten Gurki sprechen, präzisiert Heinz noch mal das Ding mit der Komik: "Für mein Empfinden hätte es gereicht, Schmidt sozusagen nur Gurki spielen zu lassen. Aber Görlitz war aus dramaturgischen Gründen der Meinung, dass man die Figur eben so anlegen muss - als Hofnarr und als sehr eindimensionale Quatschfigur. Ich sehe das eigentlich genauso wie du: Wenn der Film komisch sein will, ist das schwächer als die ernsthaft traurigen Sachen. Daran sieht man aber eben auch - das ist ja Görlitz' erster Kinofilm, und der Mann ist ja bekannt für so härteste Psycho-Sozial-Dramen -, dass das sein eigentliches Anliegen ist. Es ist das, was er seit Jahrzehnten macht." Ist es das Geheimnis dieses Films, dass der Regisseur gar keine Komödie machen wollte?

"Ich habe mich entschieden, neben den komischen Bildern eine realistische Geschichte zu erzählen", erklärt Christian Görlitz im Presseheft. Etwas weiter unten fügt er noch hinzu: "Einige Filme der letzten Zeit gaukeln Realität vor, bleiben aber dennoch nur aneinandergereihte Sketche, die wie Witze erzählt werden. Aber in dem Moment, wo das wirkliche Leben anfängt, wird es doch erst spannend. Nur: Da gibt es keine ›Comedy‹ mehr, da beginnt die Tragikomödie!"

Das Wort, das ich bisher nicht nur aus Manierismus vermieden habe, trifft es nicht wirklich. Könnte es sein, dass 'Fleisch ist mein Gemüse' keine Tragikomödie ist, sondern die erste deutsche Reality-Komödie, seit Detlev Buck keine mehr macht (also seit circa 1993 und 'Wir können auch anders ...')? Wenn der Begriff nicht so fies wäre, könnte er darüber hinaus dazu dienen, noch mal deutlich auf das Wichtigste und Beste dieses Films hinzuweisen: das Casting. Mein Liebling ist die dicke Rosi, während Heinz schon bei der Erinnerung an die schauspielerische Leistung von Susanne Lothar als seine Mutter etwas blass um die Nase wird. Und bei einem seiner seltenen Besuche während der Dreharbeiten konnte Heinz Maxim Mehmet aus den Augenwinkeln beobachten, wie er einfach so in der Gegend rumstand: "Da hatte ich das Empfinden, das bin ich - auch in dieser Grundanmutung von Verlorenheit und von tiefer Melancholie durchdrungen."

Sagt es, grinst fast unmerklich, und bevor es zu kuschelig wird, fügt er noch hinzu: "Man weiß gar nicht, woher die guten Schauspieler das haben, so ein intuitives, ... man kann da auch gar nicht von intellektuell durchdringen sprechen. Viele Schauspieler sind ja auch schon ernsthaft doof und können trotzdem tierisch gut spielen, begreifen gar nicht, was sie da machen, aber sie machen es trotzdem gut." So oder so - und das ist letztlich die wichtigste Erkenntnis -, diesen Film haben sie in jeder Beziehung gut gemacht.



Fleisch ist mein Gemüse
D 2008
R: Christian Görlitz; D: Maxim Mehmet, Andreas Schmidt, Susanne Lothar, Heinz Strunk; 17.04.


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