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von Wolfgang Frömberg

Buch:»Etwas Besseres als die Freiheit«

Wolfgang Frömbergs zweiter Roman nach dem autobiographisch geprägten Cut-Up-Werk »Spucke« präsentiert statt eines singulären Protagonisten ein Ensemble, statt einer Begebenheit mehrere Epochen. Das aristotelische Prinzip der Einheit von Ort, Zeit und Handlung wurde selten mehr gefickt. Das Ergebnis fasziniert vermutlich genau deshalb.
Geschrieben am

Ganz ehrlich: Romane über die 68er und ihr Vermächtnis? Das ist doch wie mit dem Fahrrad auf die Autobahn... kann nur schief gehen. Eine Idee, tausend Unfälle. Wie Revolutionskitsch, eitles Sentiment, ärgerliche Verwässerung, komisches Verständnis, Selbsterhöhung - oder das alles am besten gleich in einem und »Die Baader-Meinhof Affäre« von Erin Cosgrove lesen. Dass sich der Kölner Wolfgang Frömberg auf diesen prosperierenden Feuilleton-Friedhof gewagt hat, um ihn zur Abwechslung mal mit Leben und Erkenntnis aufzudonnern, zeugt schon mal von Mut - oder doch eher von Wahnsinn? Letzteres wird sogar wahrscheinlicher, wenn man sich erlaubt, eine der vielen Stimmen des Buchs für die des Autors zu nehmen. So heißt es über Protagonist Leo Heller: »In den Möglichkeitswelten der Literatur das Unmögliche versuchen, lautete sein Ziel. Er wollte ein Ende der falschen Geschichte herbeiführen.«

Alles klar. Das ist mal eine Ansage.
Aber mal zur Sache an sich:

 

»Etwas Besseres als die Freiheit« von dem Stephen-King- und Fohlen-Ultra Frömberg handelt ... von einem Buch. Vielleicht nicht so zentral wie Michael Endes »Die unendliche Geschichte« aber dennoch ist das Enthüllungsbuch »Etwas Besseres als die Freiheit« von Leo Heller nicht nur Titelgeber sondern Dreh- und Angelpunkt aller Geschichten. Genau, es geht um die generationenübergreifenden Geschichten aller, die familiär, freundschaftlich oder gar zufällig mit diesem Buch im Buch verstrickt sind. Leo Heller hat es über seine Eltern geschrieben, radikalisierte Spontis der 68er-Bewegung, Werner Sonnenschein und Ursula Heller, die gemeinsam die Kommune Heller Sonnenschein in jenen Umbruchsjahren bewirtschafteten (in einem nicht ökonomischen Sinne, versteht sich). Schmeichelhaft war dieses Werk für jene nicht, der Kontakt riss ab, Victoria, Leos Frau, tritt Jahrzehnte später allerdings heimlich in Kontakt mit den Eltern non Grata, bevor diese sich in den Suizid verabschieden und ihr unheimliches Haus in der Eifel dem Sohn vermachen.

 

Das Facettenaugen-Bild auf das Westdeutschland der Nachkriegszeit wird komplettiert von geschätzt ein, zwei Dutzend weiteren Storys und Figuren. Denn Frömbergs Version von »Etwas Besseres als die Freiheit« ist ein Ensembleroman. Er springt durch die Zeiten und vor allem durch die Akteure. Großvater, Mutter, Kind, Saufkumpane, Künstler, Lover, Dieb, Gespenst. Alle eint dabei die partielle Verlorenheit in dem Raster aus Zweifeln, Wollen und Sollen. Aber das ist nicht das einzige, was die heillose Multiperspektive so geschlossen erscheinen lässt: Wolfgang Frömberg gesteht allen in ihrem so unterschiedlichen Wirken eine Empfindsamkeit zu, alle Figuren besitzen etwas zutiefst Empathisches – und mit diesem Kniff gelingt es ihm, dass man für alle Positionen Verständnis empfinden kann oder zumindest will. Auch für solche, die man vor wenigen Buchseiten nun doch mal als den puren Antagonismus wähnte. Die Versöhnlichkeit im Kleinen reibt sich dabei kongenial an der Unversöhnlichkeit mit dem Außen. Denn es gibt durchaus Widersprüche und Missstände in Frömbergs dynastischem Kosmos, aus dem Thomas Mann vermutlich vier Bände gemacht hätte. In diesem Buch jedenfalls geht es um alles - von Kriegsverbrechen der Wehrmacht, zur Bombe im jüdischen Gemeindehaus bis zu den Döner-Morden. Aber auch um Hartz4, Künstler-Prekariat, Traum und Alptraum Familie.

 

Das Netz von »Etwas Besseres als die Freiheit« ist kunstvoll und hauteng gestrickt. Einmal drin, kommt man nicht wieder raus. In diese Erkenntnis der Figuren reiht man sich als Leser nahtlos ein. Ein akribisches, fast besessenes Buch, dem es scheinbar mühelos gelingt, nicht an dem selbst losgelassenen Schwarm zu scheitern. Sondern in seiner Vielstimmigkeit aufzugehen. »Das Ende der falschen Geschichte« wird es nie geben, das ereilt Leo Heller und damit spielt Frömberg. Aber dennoch entbindet dieser Umstand den Einzelnen nicht von seiner verdammten Menschwerdung. Daran lässt das Buch kein Zweifel. Große Leistung, große Literatur. »Don’t hate the player, hate the game!«

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