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Versteckte Kamera

Bilder der Überwachung

Dietmar Kammerer liefert "Bilder der Überwachung" eine Kulturgeschichte der Videoüberwachung.
Geschrieben am
Seit Mitte der 1990er-Jahre gehören Videokameras zum Mobiliar von Innenstädten und öffentlichen Gebäuden. Dietmar Kammerer liefert "Bilder der Überwachung" eine Kulturgeschichte der Videoüberwachung. Von Kim Förster.

Dietmar Kammerers Kulturgeschichte der Videoüberwachung soll Verständnis für organisatorische, soziale und kulturelle Zusammenhänge erzeugen. Der zentrale Widerspruch sei, dass Überwachungskameras trotz ihrer Ubiquität äußerst ineffizient sind, da sie nur registrieren, nicht aber verhindern können, was sich vor der Kamera abspielt. Kammerers "Bilder der Überwachung" handeln zunächst von konkreten Überwachungssituationen. Wirkmächtig sind, so die These, letztendlich all die Imaginationen, die in der Popkultur, der Mode, Popmusik, Architektur, Clubkultur zum Tragen kommen.


Die Vorgeschichte der Videoüberwachung beginnt für den Autor bereits 1667 mit der Einführung der Straßenbeleuchtung in Paris: einer Infrastruktur-Maßnahme, die zugleich Symbolik und Instrument der Macht sei. Alphonse Bertillions Anthropometrie, ein kriminologisches Verfahren von 1880, das Körpervermessung, Personenbeschreibung und Fotografie miteinander verbindet, diskutiert er, um anschließend vor aktuellen Trends der Überwachung zu warnen, explizit der automatischen Gesichtserkennung. Das Panopticon wird in Abkehr von Michel Foucault neu interpretiert, was gleichzeitig eine Polemik gegen das vorherrschende Paradigma der Surveillance Studies ist. Der Kern von Jeremy Benthams Idee eines perfekten Gefängnisbaus liege "in der Gleichzeitigkeit von Anschein und Wirklichkeit, nicht in der Asymmetrisierung der Blickverhältnisse". Erst mit der Domekamera, unter einer getönten Glaskuppel versteckt, sei das panoptische Prinzip realisiert. Anregend sind die Analysen, die Kammerer von Nachrichtenbeiträgen, Hinweisschildern und Filmbeispielen anstellt, um aufzuzeigen, wie Überwachungsbilder verbreitet werden, auf welche Rhetorik zurückgegriffen wird und welchen Einfluss das Kino auf die Wahrnehmung der Videoüberwachung hat. In der Popkultur, so sein Fazit, wird Überwachung nicht reflektiert, sondern genossen. Überwachung und Spektakel verschränken sich. Mittlerweile bräuchten die Leute den Blick in die Kamera quasi als Beweis ihrer Existenz.

Am Ende politisiert der Kulturwissenschaftler, dass es auch Möglichkeiten des Nicht-Einwilligens in den Kontrakt mit der Technik gebe. Einzelne Kunstprojekte zeugen von widerständigen Taktiken wie dem Angreifen, Ausweichen, Gegenüberwachen oder Zerstören der Kameras: Wenn zum Beispiel das Wachpersonal mit Aufnahmen konfrontiert wird, die mit am Körper versteckten Minikameras gemacht wurden, womit das Blickverhältnis umgedreht wird. "Bilder der Überwachung" kann als Anleitung zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema Videoüberwachung und als Aufforderung zum Handeln gelesen werden.

Dietmar Kammerer "Bilder der Überwachung" (Suhrkamp, 382 S., EUR 13)


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