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Gyros mit Westbam

Arne Feldhusen und Sven Regener über »Magical Mystery«

Der Regisseur von »Stromberg« und »Tatortreiniger«, Arne Feldhusen, hat Sven Regeners Buch »Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt« als schrägschöne Techno-Tragikomödie verfilmt. Humor: halbtrocken bis dada bis gaga. Das Drehbuch schrieb Regener gleich selbst. Daniel Koch traf beide zum Gespräch.
Geschrieben am
Sven, du tourst immer mal wieder mit Element Of Crime und veröffentlichst dieser Tage einen weiteren Herr-Lehmann-Band namens »Wiener Straße«. Klingt eigentlich, als hättest du Arbeit genug auf dem Tisch. Warum auch noch selbst das Drehbuch schreiben?
Sven: Arne selbst hat mich drum gebeten. Ich habe mich da breitschlagen lassen. Ein gutes Drehbuch ist natürlich besser als ein schlechtes, und wenn man es selber macht, hat man vielleicht noch mehr Einfluss. So viel Liebe habe ich nun mal für meinen Roman und meine Figuren, dass ich sie in guten Händen wissen will.  

Der Hauptcharakter Charlie, oder Karl Schmidt, der ausgerechnet durch eine Tour mit seinen alten Technokumpels wieder aus der Drogen-WG ins Leben findet, wird von Charly Hübner gespielt. Detlef Buck spielt Bumm-Bumm-Records-Boss Ferdi – und das, obwohl Buck im »Herr Lehmann«-Film damals Charlie war. Die beiden spielen perfekt, aber verwirrend ist es anfangs dennoch. Wie kam es zu dieser Entscheidung? 

Arne: Wir haben sehr viel gecastet und zusammen entschieden. Ich habe mich ganz oft überzeugen lassen müssen, von Leuten, bei denen ich nicht erwartet hätte, dass sie am Ende so eine große Rolle spielen. Detlev Buck war so einer. Er ist ein sehr omnipräsenter Schauspieler, da muss man schon aufpassen. Sven und ich dachten anfangs beide: Das muss jetzt nicht sein. Und dann hat uns Detlev schlichtweg überzeugt.
S: Als Arne mir sagte, dass er Buck nehmen will, konnte ich es nicht glauben. Ich meinte nur: Bist du wahnsinnig geworden? Dann hat er mir die Castingaufnahmen gezeigt, wo Buck den Ferdi spielt, und ab da war völlig klar, dass die Entscheidung super war. Da habe ich auch sofort die Klappe gehalten. Ich glaube, dass der Ferdi dadurch auch eine Hauptrolle geworden ist. Was ja im Buch nicht so ist. Im Roman erzählt Charlie, und wir sind gezwungen, uns nur mit ihm zu identifizieren. Das gibt es im Film nicht. Da kommt so eine starke Figur wie Ferdi noch mehr raus. Dadurch macht er sich in vielen Szenen auf tolle Weise breit.  

Die vielleicht emotionalste Szene spielt auf einem Autobahnparkplatz an einem Mülleimer: Charlie »beerdigt« die Crew-Meerschweinchen Lolek und Bolek und hält eine bewegende Rede. Ich finde ja, ihr habt euch damit in der Filmgeschichte in Sachen Beerdigungsszenen direkt in die Liga von »Six Feet Under« und »Der Pate« katapultiert. Nun steht das gar nicht so im Roman. Wie kam es also dazu? 

S: Das Beispiel zeigt sehr gut, wie der Übertrag vom Buch zum Film funktioniert. Die Szene gibt es nur, weil wir kein Geld aus Hessen hatten. Im Roman sitzen Frido und Ferdi in einer Apfelweinkneipe und verhandeln die großen Themen. Diese beiden Reden sind mit all ihrer Widersprüchlichkeit in einen großen Shakespeare’schen Monolog von Charlie geflossen, den er bei der Beerdigung dieser beiden Meerschweinchen hält. Da steckt viel Ehrgeiz drin. Von mir und von Charly Hübner, der da noch mal zeigt, was für ein toller Schauspieler er ist. Bei der Szene in der Kölner Buchhandlung, wo Charlie von seinem Leben in Berlin erzählt, ist es ähnlich. Diese beiden Monologe sind sehr, sehr wichtig, auch zum Verständnis des Films, dass das kein reiner Klamauk ist. Wenn man das versteht, denkt man auch nicht: »Die blöden Raver.«
A: Als ich das Buch las, haben mich genau diese langen Monologe und Dialoge angemacht, die sich über ein paar Seiten erstrecken und manchmal total dadaistisch sind. Ich hatte anfangs ehrlicherweise noch überhaupt keine Idee, wie man das umsetzen könnte.
Wie ist denn überhaupt eure persönliche Verbindung zur Technoszene der 90er?
A: Ich habe die Szene schon immer im Auge gehabt, sie aber eher beobachtet und musikalisch davon profitiert, weil ich selbst auch eine Weile aufgelegt habe. Das fand ich so super an dem Roman: Er nimmt eine tolle Beobachterperspektive ein, die trotzdem nicht zu weit weg ist. Der Blick darauf ist sehr liebevoll und gleichzeitig frech. Er passt zu dieser Bewegung, die sehr friedlich war und bei der die Leute einfach machen konnten. Trotzdem war sie sehr experimentell und hat etwas Bleibendes hervorgebracht.
S: Ich bin von Haus aus Rockmusiker, das weiß jeder. Aber dadurch, dass ich schon ‘82 in Berlin aktiv war, habe ich einige Leute in irgendwelchen Bands kennengelernt, die später den Techno geprägt haben. Ich wusste also, dass diese Welten gar nicht so getrennt waren, wie alle behauptet haben. Und später habe ich sozusagen in die Szene reingeheiratet, da habe ich natürlich viele von den Leuten kennengelernt. Aber ich habe kein Buch über DIE Technoszene geschrieben. Ich kann nicht gut Romane oder Songs über allgemeine Dinge schreiben wie DIE Technoleute oder DIE Zeit oder DIE Stadt. Das ist mir alles scheißegal. Ich kenn nur konkrete Leute, die ich mir ausgedacht habe.

Kenner der Szene werden viele bekannte Gestalten in kleinen Nebenrollen erkennen: die Voigt-Brüder als koksende Clubbesitzer, Westbam als Gyrosverkäufer, Hans Nieswandt ist auch dabei. Das Cameo als Konzept also?
A: Geplant war natürlich, möglichst viele von diesen Heiopeis einzusetzen, aber eben in völlig anderen Kontexten – so wie Westbam am Gyros-Stand. Ich wollte sie nicht als DJs sehen, außer bei Hans Nieswandt, da habe ich irgendwann gesagt: »Ach komm, leg du auf.« Der Aufwand bei all diesen Cameos war riesengroß, weil die natürlich nie da sind, wo man sie braucht, und man sie alle einfliegen muss. Dann muss man sie ausführlich briefen, weil man in einem historischen Kontext filmt, was oft den Ablauf stört. Trotzdem muss es natürlich auch Spaß machen. Es ist also ein zweischneidiges Schwert. 
S: Ich bin sehr dankbar, dass sich alle dafür hergegeben haben. Das sind alles Stars, die das nicht nötig hätten. Und ich weiß selbst, wie es ist, wenn man solche Auftritte hat. Man ist letztendlich nur ein Stück Fleisch, das dann irgendwo reingepresst wird. Das ist ganz unangenehm manchmal – deshalb: Großer Dank!

Aber Westbam hättet ihr am Gyros-Stand noch mal einen Tag ins Praktikum schicken müssen – so wackelig, wie er mit dem Messer hantiert.
S: Nee, nee, nee, du – das war perfekt. Das war sehr gut gemacht und lässt überhaupt keine Wünsche offen! Da lass ich nix drauf kommen!
— »Magical Mystery« (D 2017; R: Arne Feldhusen; D: Charly Hübner, Detlev Buck, Marc Hosemann; Kinostart: 31.08.17; Universum)

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