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»Am Dschungelcamp merke ich mein Alter«

Anja Rützel über Trashfernsehen

Klar, ihr guckt diesen Mist auf RTL alle nicht. Müsst ihr auch gar nicht – für »Ich bin ein Star, holt mich hier raus« oder den »Bachelor« braucht ihr nichts weiter als die Kolumnen von Anja Rützel zu lesen. Vor dem Start der neuen Dschungelcamp-Staffel haben wir mit ihr über Schreib-Routinen, Schmerzgrenzen und Lieblingsformate gesprochen. (Foto: RTL)
Geschrieben am
Wie wurdest du Trash-Expertin?
Ich habe bei der Financial Times gearbeitet, die wurde eingestellt, dann habe ich Business Punk mitgegründet und – ohne jetzt zu sehr ins Detail gehen zu wollen – irgendwann habe ich überlegt, dass ich gern frei arbeiten würde. Bei Spiegel Online habe ich mich mit Kulturtexten angedient. Eigentlich wollte ich schon da gerne über Fernsehen schreiben, sie brauchten aber jemanden für Musik. Dann gab es einen Engpass beim Eurosvision Song Contest, ich bin eingesprungen und es lief so gut, dass ich weiter Fernsehen machen durfte. Vorher war das nie mein Thema, obwohl ich immer schon wahnsinnig viel geschaut habe.

Dein Stil zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass du Wörter wie »hutzelig« selbstverständlich benutzt. Wie kommst du damit im Lektorat durch?
Spiegel Online war die erste Redaktion, in der mich nie jemand angerufen hat und sagte »äh, das Wort gibt es aber gar nicht«. In anderen Redaktionen wie der Financial Times wurde ständig alles im Duden nachgeschlagen. Interessanterweise scheint es niemandem etwas auszumachen, es wird von Anfang an einkalkuliert, dass der Leser nicht alles immer sofort versteht.  Viele Leute behaupten ja auch glaubhaft, dass sie die Sendungen gar nicht gucken, über die ich schreibe, sondern nur meine Texte lesen. Ich denke mir »aber dann versteht man doch rein gar nichts« weil die oft die diese »berühmten« Trashprotagonisten nicht kennen. Es müsste eigentlich total unverständlich sein, aber anscheinend mögen die Leserinnen und Leser es, wenn es ein bisschen obskur ist.

Ist dir nach all den Jahren Dschungelcamp nicht langsam langweilig?
Von Jahr zu Jahr wird es anstrengender für mich, konditionell. Es ist wirklich wahr: Am Dschungelcamp merke ich mein Alter. Ich mache es jetzt das vierte oder fünfte Jahr, die letzten zwei Jahre habe ich komplett allein geschrieben, vorher haben wir uns zu dritt abgewechselt. Am Anfang konnte ich mich direkt nach der Sendung hinsetzen und schreiben und jetzt muss ich immer erst ein paar Stunden schlafen. Ich bin ein Wrack, ich kann das nicht mehr.

Wieso machst du dann trotzdem weiter?
Es ist jedes Jahr so: Anfang Dezember freue ich mich darauf, da werden die ersten Namen veröffentlicht. Kurz bevor es losgeht, beginne ich zu zweifeln. An Tag eins, zwei und drei hasse ich mich dafür, dass ich gesagt habe, dass ich’s wieder mache. Wenn nicht gerade jemand wie Larissa Marolt dabei ist, bei der man direkt wusste, dass es super wird, gestalten sich die ersten Tage einer Staffel sehr zäh. Nach ein paar Tagen finde ich rein und wenn es dann vorbei ist, bin ich sicher, dass ich das nie wieder mache. So stelle ich mir Kindergebären vor. Man sagt ja, es gibt diesen Geburtsschmerz, der erst mal anhält, sodass die Mutter davon abgehalten wird, direkt wieder schwanger zu werden, weil sie sich noch zu gut erinnert. Irgendwann vergisst man das aber wohl, das ist hormonell so vorgesehen.

Was wünscht du dir, damit das Dschungelcamp wieder spannender wird? 
Mir würde es gefallen, wenn sie weniger Gewicht auf die Prüfungen legen würden. Bei »Love Island« hat das gut geklappt. Das war diese Verpaarungssendung in einer Campsituation. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mussten auch Spielchen machen, das lief aber eher beiläufig. Man hat total viel Zeit darauf verwendet, die Entwicklungen zwischen den Menschen dort zu zeigen, es gab sehr lange Gesprächssequenzen. Beim Dschungelcamp machen sie das zwar auch ganz gut, davon würde ich mir aber mehr wünschen. Der Reiz, Leuten beim Intrigieren zuzugucken ist für mich nicht abgeflacht, aber der Reiz, den Leuten beim Verzehr von Gedärmen oder anderen ekligen Sachen zuzugucken, der ist weg. Die Prüfungen hat man doch jetzt alle gesehen. Es wäre natürlich auch super, wenn überraschendere Leute reingesetzt würden und nicht die, die ich gerade eben erst in der letzten Staffel »Bachelorette« gesehen habe. Ich weiß aber auch, wie schwierig das ist.

Auf wen in der kommenden Staffel freust du dich besonders?
Tatjana Gsell, die »Busenwitwe« finde ich gut. Bei so einer wie Kattia aus der letzten »Bachelor«-Staffel weiß man, was man zu erwarten hat. Ich glaube, dass ein Konflikt wie »Kattia vs. Busenwitwe« Potenzial hat. So jemanden wie Natascha Ochsenknecht habe ich schon hundertmal gesehen, die war auch bei »Promi Big Brother«. Ich befürchte leider auch, dass es abgekartet sein wird, dass sich der »Bachelorette«-Gewinner David Friedrich weiter zum supersympathischen Good-Guy aufschwingt. Das war er bei der »Bachelorette« schon. Ich hoffe, dass er in Wahrheit ein bisschen ein Arsch ist.
Es war erstaunlich, wie viel Promo er für seine Band Eskimo Callboy machen durfte. Die Bandmitglieder kamen bei ihm zu Hause vorbei und seine ganze Wohnung war voller Merchandise.  
Es ist komisch, dass man ihm das gar nicht übel genommen hat. Am Ende waren alle für ihn und glücklich, dass er gewonnen hat. Wobei ich mir da denke: Will man das jemandem wirklich wünschen, da zu gewinnen? Eigentlich ja nicht. Schauen wir im Dschungelcamp mal.

Wer wäre denn dein Traumkandidat? 
Zlatko aus der ersten »Big Brother«-Staffel. Er war total überfordert von allem und hat sich konsequent abgeschottet und nie wieder irgendwo mitgemacht oder Interviews gegeben, obwohl man ihm zwischenzeitlich viel Geld geboten hat. Das wäre für mich der Super-Coup, wenn sie den bekämen.  Aber auch Honey im letzten Jahr war mein absoluter Traum. In einem halb privaten Kontext habe ich die Frau kennengelernt, die die Verhandlungen fürs Dschungelcamp führt. Sie durfte natürlich gar nichts verraten, ich habe ihr aber erzählt, dass ich mich über Honey freuen würde und sie sagte, da wäre ich nicht die erste. Da war ich sehr im Glück.  

Du schaust ja sehr viel Trash-Fernsehen und schreibst bei Spiegel Online auch über Formate aus dem Ausland. Welches ist bislang dein liebstes?
 
Tatsächlich das Dschungelcamp. Wobei ich von »Love Island« auch sehr begeistert war, weil sie dort exzellente Leute reingesetzt haben. Außerdem hat die Show das ganze Konzept von Liebe und Beziehungen nochmal toll ad absurdum geführt. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mussten sich immer durchpaaren und einen neuen Herzenspartner oder eine -partnerin wählen. Dem haben sie sehr viel Zeit eingeräumt, sodass sich die Leute komplett entblößt haben. Ich folge denen allen leider immer noch bei Instagram. Das ist wie eine Verlängerung der Serie.  Es gibt Phasen, in denen ich denke, dass ich durch bin mit dem ganzen Trash-Zeug und dann gibt es wieder was Neues. Wobei es ja nie wirklich neue Formate sind – am Ende sperren sie ein paar Leute zusammen und drehen ein bisschen an den Vorzeichen.

Jan Böhmermann hat mit dem »Veragate« die Zustände bei Shows wie »Schwiegertochter gesucht« aufgedeckt und auch Inka Bause durfte sich unter anderem von Benjamin von Stuckrad-Barre mal lang machen lassen für »Bauer sucht Frau«. Wo ziehst du die Grenze, guckst du diese Sendungen noch? 
2017 habe ich zum ersten Mal gar nicht bei »Bauer sucht Frau« reingeguckt. Wobei man bei ein paar Kandidaten denkt, dass sie zumindest ein bisschen zurechnungsfähig sind. Aber es gibt auch welche, von denen ich denke, dass die es einfach nicht blicken. Sie können die Sache nicht mal kurz aus der Vogelperspektive betrachten. Es wundert mich sehr, dass die deutsche Variante »Bauer sucht Frau« so Klein-Doofie-mäßig getrimmt ist. In Australien bei »Farmer Wants A Wife« sind das hotte Countryboys, die kannst du dir Pin-up-mäßig in den Spint hängen. Auch die Frauen, die sich bewerben, sind alle so wie die Kandidatinnen vom »Bachelor«. Das sind völlig unterschiedliche Sendungen. »Schwiegertochter gesucht« ist nur noch ein einziges Debakel und ich bin froh, dass ich darüber seit zwei oder drei Jahren gar nicht mehr schreiben sollte. Das ist auch gar nicht möglich, ohne sich mit den Produzenten gemein zu machen. Das finde ich wahnsinnig unangenehm. Es müssen schon Shows sein, bei denen ich sagen kann, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im vollen Bewusstsein dessen, was sie da tun und was sie erwartet, unterschrieben haben. Deswegen ist es für mich total okay, ihnen einen mitzugeben. Das ist die kleine Moral, die ich da noch habe.
Anja Rützel
Bild: Tereza Mundilova

Anja Rützel

Trash-TV. 100 Seiten (Reclam 100 Seiten)

Release: 17.03.2017

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