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GB/USA 2006

Alfonso Cuarón / Children Of Men

London 2027. Science-Fiction. Na gut. Aber warum schon wieder London? Reichte nicht die Zombie-Plage aus “28 Days Later”? Oder der faschistoide Kontrollstaat aus “V For Vendetta”? Muss jetzt auch noch der Harry-Potter-Regisseur seine dystopischen Visionen hier ausleben? Siche
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London 2027. Science-Fiction. Na gut. Aber warum schon wieder London? Reichte nicht die Zombie-Plage aus “28 Days Later”? Oder der faschistoide Kontrollstaat aus “V For Vendetta”? Muss jetzt auch noch der Harry-Potter-Regisseur seine dystopischen Visionen hier ausleben? Sicher, man könnte es sich leicht machen, das ambitionierte Projekt Alfonso Cuaróns abzuwatschen. Das funktioniert im Vorfeld noch gut. Doch während des Films will es nicht mehr so recht gelingen. Zu rabiat wird man an den eigenen subtilen Ängsten gepackt, zu schnell prasseln die Déjà-vu-Momente auf den Kinosessel ein, zu beklemmend ist die realistische Ästhetik des Films.

“Man sagt mir inzwischen nach, ich hätte einen düsteren Blick auf die Zukunft, einen zutiefst pessimistischen. Dem möchte ich entschieden widersprechen. Ich habe einen düsteren, zutiefst pessimistischen Blick auf die Gegenwart. Und ich glaube, der Film zeigt eine sehr realistische Einschätzung der Gegenwart.” So viel also zum Thema Science-Fiction. Alfonso Cuaróns Romanverfilmung “Children Of Men” spielt in einer Zeit, in der seit 18 Jahren kein Kind mehr geboren wurde. Von wegen: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Hier geht es anders zu: Die Hoffnung ist schon gestorben, der Mensch zuckt noch. Das Resultat ist eine Welt der Anarchie, in der man als Nation nur bestehen kann, wenn man sich militärisch abschottet. “Britain’s still standing strong!” dröhnt die Staatspropaganda der BBC. In diesem Setting folgt die Kamera dem unfreiwilligen Hauptakteur Theo (Clive Owen), einem abgestumpften Staatsdiener mit politischer Vergangenheit. Die holt ihn eines Tages ein, als die Rebellengruppierung seiner Ex-Frau (Julianne Moore – wird nach fünfzehn Filmminuten erschossen) ihn bittet, die junge Kee (Clare-Hope Ashitey) sicher zur britischen Küste zu bringen. Theo kann die nötigen Passierscheine besorgen und ist käuflich genug, es zu probieren. Erst auf der Reise sieht er das Besondere an Kee. Es ist nicht bloß ihr Straßengören-Charme – Kee ist zudem schwanger und damit (Tusch!) die letzte Hoffnung der Menschheit.

Die Geschichte selbst mag im Kern durchaus Pathos-anfällig sein. Cuarón weiß diese Momente jedoch geschickt zu brechen. Er kommt ihnen mit Zynismus bei. So antwortet Kee auf die Frage, wer der Vater des Kindes sei, unschuldig klimpernd: “I’m a virgin.” Theo ist zum ersten und einzigen Mal ergriffen. Dann bellt Kee lachend: “Fuck, no! I don’t even know the wanker’s name!” Sir Michael Caine in der Rolle des Jaspers – eines kiffenden Althippies, der ebenso laut furzen wie clever reden kann – ist ein weiterer willkommener Bruch. Clive Owen schätzt diese Methode: “Alfonso ist sehr clever, wenn es um Klischeefallen geht. So lässt er Theo eine der längsten Actionszenen in einem Flüchtlingscamp in Flipflops bestreiten. Damit man nie auf die Idee kommt, man habe es bei ihm mit einem Helden zu tun.”

Damit hat Owen eine Stärke des Films benannt. Eine weitere ist das ästhetische Konzept Cuaróns, der hier technisch in der Premier League spielt. Owen ist noch immer voll des Lobes: “Es ist verdammt mutig, einen Big-Budget-Film wie diesen fast ausschließlich mit Handkameras und natürlichen Lichtquellen zu drehen. Zudem gibt es wenige, aber dafür ellenlange Takes. Und das bei all der Action!” Cuarón gibt sich da eher bescheiden: “Ich wollte lediglich eine unmittelbare Realität für den Zuschauer schaffen, wollte ihn in diese Welt hineinziehen. Eine Welt, die seine Welt ist.” Und da wird es problematisch. Cuarón weidet sich dermaßen an Gegenwartsbezügen, dass man ihm irgendwann entgegnen möchte: “Ja, gut! Got it!” Flüchtlinge, die an Zäunen rütteln. Medien, die “Baby Diego” (18), den jüngsten Menschen der Welt, zum Popstar küren. Bombenanschläge in der Londoner Fleet Street. Islamistische Aufständische in den Flüchtlingslagern. Cuarón: “Ich glaube einfach, dass wir – und damit meine ich meine Generation – die Probleme unserer Zeit nicht in den Griff kriegen werden. Wir müssen mehr Vertrauen in die Jugend haben. Die kommenden Generationen werden diejenigen sein, die uns alten Säcken erklären, dass die Erde keine Scheibe ist. Schau dich doch um: We fucked it up, man! Genau das will ich zeigen. Mein Film ist deswegen in erster Linie ein Film über Hoffnung.” Das hat zwar bisher niemand außer ihm in dem Film gelesen, aber man will ja nicht kleinlich sein.

Auf die unweigerliche Frage, ob es ein politischer Film sei, weiß Clive Owen die bessere Antwort: “Der Film schießt sicher in viele Richtungen. Er lässt Probleme aufblitzen, die man im Auge behalten sollte. Wir haben ihn ja schon in Venedig gezeigt und bereits einige Presse-Termine hinter uns. Du glaubst gar nicht, was für Fragen mir schon gestellt worden sind – politische Fragen, philosophische Fragen. Und bei anderen Filmen ist man nach fünf Fragen bereits am Ende des Gesprächs. Von daher würde ich sagen: Ja, es ist ein politischer Film. I’d call it thought-provoking.”

An dieser Stelle möchten wir noch einmal auf unser kostenloses Intro-Screening am 02.11. im Museum Ludwig in Köln verweisen. Alle Infos darüber findet ihr hier.

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