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Metronomy

Liebesbriefe an die Provinz

18.02.2014, 14:11, Text: Daniel Koch, Foto: Carmen Catuti

2011 schrieb Joseph Mount mit seiner Band Metronomy die eigene Heimat im Südwesten Englands als »English Riviera« in die Popgeschichte ein. Jetzt versendet er »Love Letters« aus London und wohnt trotz seines Hasses auf Franzosen mit der Liebe seines Lebens in Paris. Daniel Koch traf Mount in Berlin und sprach mit ihm über Paris, London, Torquay, Totnes und die »Perle des Wiehengebirges«, Bad Essen.

Es sind Momente wie diese, die einem zeigen, wie klein die Welt ist: Da sitzt man neben Joseph Mount, dem Mann hinter der Popband Metronomy, und stellt fest, dass man mal zwei missratene Wochen in der Jugend in dessen unmittelbarer Nachbarschaft verbracht hat.


Wir sprechen über Mounts Heimatstadt Totnes, und ich sage ihm, dass diese Stadt meine erste England-Erfahrung war. Und keine gute. Es war ein Schüleraustausch in der achten Klasse, ich muss 14 gewesen sein. Meine Gastfamilie war frisch getrennt, die Mutter kämpfte mit der Situation und einem schlecht bezahlten Job, die Kids wohnten in der Woche mit ihr auf 40 Quadratmetern über einer Videothek und lebten am Wochenende am äußersten Stadtrand im Haus des Vaters, das in einem Waldstück direkt neben einer verlassenen Schule stand, in der es angeblich spukte. Ich war damals neidisch auf meine Kumpels, die bei schnöseligen betuchten Familien in der Küstenstadt Torquay wohnten, litt unter dem englischen Wetter, das sich wie so oft von seiner grausten Seite zeigte, ärgerte mich, wenn jemand mal wieder einen Witz über das feminine Aussehen meines Austauschschülers Benji machte, verstand nicht, warum ich nie ein Wort rausbrachte, wenn mich seine Schwester ansprach, und schmollte, wenn ich das Wochenende im Waldhaus verbringen musste, während sich die anderen an Torquays Strandpromenade ihre ersten Alkoholerfahrungen draufschafften. Ich wollte nur zurück in mein geliebtes Heimatkaff Venne und in meine Schule in Bad Essen. Totnes, dachte ich damals, kann mir auf ewig gestohlen bleiben.

 

 

Bis zu diesem Moment, in dem ich Mount die gekürzte Fassung meines Trips schildere. Kaum sage ich die Worte »exchange program« und »Totnes«, lacht er laut und herzlich auf:

 

Ist nicht dein Ernst! Bist du etwa aus Bad Essen?
Aus der Nähe, ich bin da zur Schule gegangen.


Oh Gott. Meine Schwester war da auch mal mit diesem Austausch. Das waren die beschissensten Wochen ihres Lebens.
Mir ging es in Totnes nicht anders.


Wer war denn deine Gastfamilie?
Ich weiß den Nachnamen nicht mehr, aber mein Gastschüler hieß Benjamin, und alle haben ihn Benji genannt.


Ich glaub, ich weiß, wen du meinst: recht smarter Typ, lange Haare?
Ja, und seine Schwester war eine ziemliche Schönheit.


Ja, Livvy. Das sind die beiden. Verrückt. Die haben mit ihrer Mutter direkt neben uns gewohnt. Nette Leute. Aber ich kann dich verstehen: Wenn man es nicht kennt, kann Totnes ziemlich scheiße sein. Es passiert eben nicht viel.

 

Warum ich diesen Exkurs hier so ausbreite? Ich konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen, Bad Essen ein einziges Mal in den Kontext von gutem Pop zu setzen – auch wenn die »Perle des Wiehengebirges« keinen direkten Einfluss auf die Musik von Joseph Mount und seiner Band gehabt haben dürfte. Zumal es keine schlechte Idee ist, Mount, der seit einigen Jahren in Paris lebt, auf diese spezielle Region im Südwesten Englands anzusprechen. Immerhin hat er dort nicht nur seine Kindheit verbracht, er zeigte mit ihrer Hilfe auf dem letzten Metronomy-Album auch, wie cool Pop als Eskapismus inszeniert werden kann. Er sezierte sie nicht sozialkritisch, feierte nicht ihre Wahrzeichen, vertonte nicht den Stolz der dort lebenden Menschen. Sondern machte das, was schon Pipi Langstrumpf so vergnügt tat: Er malte sich die Welt, wie sie ihm gefällt. Die Küste von Torquay, Paignton und Brixham wurde konsequent zur »English Riviera«, das Leben dort zur britischen Version des Savoir-vivre in Cannes oder Monaco. Der eher augenzwinkernde Spitzname war zwar schon länger verbreitet, aber Mount malte die manchmal doch eher triste Welt drum rum in den schillerndsten Farben aus – was wiederum die ganze Region entzückte. Auf der Website der »English Riviera Tourism Company« dauert es nur einen Klick auf den »Press & PR«-Bereich, und man sieht Joseph Mount und seine Metronomy-Bandmitglieder Anna Prior, Olugbenga Adelekan, Oscar Cash und Gabriel Stebbing neben einer grinsenden Tourismusbeauftragten.

 

 



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