Kettcar
Reset für einen Abend
03.02.2012, 17:28, Text:
Henrik Drüner, Foto: Kathrin Spirk
Kettcar drehen das Rad zehn Jahre zurück und kehren an die Spielstätte ihrer 2001er-Live-Premiere zurück. Aus Anlass des zwanzigsten Geburtstages von Intro feiern sie mit uns im ausverkauften Gleis 22. Und spielen erstmals Songs des neuen Albums »Zwischen den Runden«. Henrik Drüner war die ganze Zeit an der Seite der Hamburger.
Ein grauer Adventssonntag in Münster. Laut Grand-Hotel-Van-Cleef-Newsletter wollen Kettcar nicht weniger als »voller Demut eintauchen in das Stahlbad der Erinnerungen, um vielleicht festzustellen, ob die Wünsche, Hoffnungen, Projektionen sich immer noch durch die Spalten und Ritzen des Gemäuers ihren Weg nach draußen suchen«. Also alle Zeichen auf null? Nicht ganz. Der Plan, mit dem gleichen Bus wie 2001 nach Münster zu kommen und dort im Rahmen der »20 Jahre Intro«-Feierlichkeiten das damalige Konzert Song für Song nachzuspielen, wird schnell zerschlagen. Das mit dem Vehikel sei nicht praktikabel, heißt es von Band-Seite mit Verweis auf das gewachsene Bandteam, und mit dem gleichen Set wären die Fans sicher auch nicht einverstanden – als Vorband von Tomte hatte das damalige Konzert eine Länge von gerade einmal 30 Minuten. Die historischen Abweichungen stören nicht im Geringsten: Man brauche ja nicht so zu tun, als sei in den zehn Jahren bei und durch Kettcar nichts passiert. Immerhin haben sie es geschafft, mit vier Alben eine eingeschworene Anhängerschaft für sich zu gewinnen. Charts-Platzierungen bei gleichzeitiger Indie-Credibility, diese Kombination muss ihnen hierzulande erst mal jemand nachmachen. Das Konzert im Gleis 22 ist entsprechend bereits Wochen im Voraus ausverkauft.
Während uns Fahrer und GHVC-Auszubildender Malek durch Schneestürme auf der A1 manövriert, tüftelt Bandmanager Rainer G. Ott auf dem Beifahrersitz an der Angebotspalette der kommenden Veröffentlichung und muss dabei den Überblick zwischen De-luxe-Edition, Doppelvinyl und iTunes-Countdown behalten. Bassist Reimer Bustorff rutschen währenddessen Bandintimitäten wie diese heraus: »Damals haben wir uns noch extra Kassetten für die Fahrten zusammengestellt – jetzt hören wir NDR2 ...« Zumindest wird auf der Hinfahrt keine Rock’n’Roll-Show inszeniert. Stattdessen Anschnallen, Fachsimpeln über die besten Kita-Plätze, »HSV oder Pauli«-Positionierung, Nussschokolade-Kauf an der Raste. Das normale Programm. Man merkt sofort, was Marcus Wiebusch meint, wenn er sagt, man ergänze sich sehr gut. Auch wenn die Trennung von Frank Tirado-Rosales hart war, habe man jetzt mit Christian »Fieten« Hake einen tollen neuen Schlagzeuger. Die Band lässt Außenstehende nah an sich heran, bei den Texten ebenso wie im Tourbus. Da ist nichts Kalkuliertes, nichts Affektiertes. Die sind nichts Besonderes, ich bin nichts Besonderes, du bist Milliarden, du bist zwei Öltanks. »Willkommen im allergrößten Club der Welt«, heißt es bei »Im Club«, das gut als Occupy-Hymne durchgehen könnte.
Für die Verlassenen, Verliebten, Zweifelnden
Im Vergleich zum 2008er-Album »Sylt« ist der Sound der neuen Veröffentlichung ruhiger geworden, die Songs bieten ungewohnte Strukturen: weniger lärmende Gitarren, dafür umso mehr Bläser und Streicher, die Keyboardtasten rücken ins Zentrum. Bei den Arrangements zeigen sich Kettcar variabler, und auch die Texte wagen in ihrer Grundstimmung den Spagat zwischen Dunkel und Hell. Dennoch klingt »Zwischen den Runden« durch und durch nach Kettcar. Für die Verlassenen, Verliebten, Zweifelnden, für jeden ist etwas in den konkreten Metaphern dabei. Nach »Landungsbrücken raus« widmen sie sich mit »Schrilles, buntes Hamburg« erneut der Hansestadt. Angesichts der desaströsen Kulturpolitik ist lokalpatriotisches Abfeiern aber nicht (mehr) angesagt. So verbinden Kettcar das Politische mit dem Persönlichen, zoomen von der großen Metaebene hinein in den Ego-Zirkus, filmen das Hamsterrad, in dem sie selbst täglich ihre Runden ziehen, in Zeitlupe. Viele Songs beruhen auf dem Donald-Duck-Prinzip: Scheitern als Chance für ein neues Leben, eine neue Runde. Hier schlägt das Boxerherz: Luft holen, trinken, Zahn ausspucken, weitermachen. Neu ist, dass Sänger Marcus Wiebusch Protagonisten einsetzt und ihnen Geschichten auf den Leib schreibt: »Das haben wir schon bei ›Balkon gegenüber‹ oder ›Am Tisch‹ so gemacht, aber diesmal bestimmt bei acht von zwölf Songs. Dieses Storytelling ist ein Markenzeichen und ein neuer Aspekt bei Kettcar.«
Showtime
Die Prognosen für den Abend: Das Konzert werde speziell, dazu »ein Potpourri der guten Laune« – Münster liegt bei der Band ohnehin hoch im Kurs: 2001 hatte man die Möglichkeit gehabt, mit Tomte auf einer 4-Tage-Tour zusammen zu spielen. Es gebe warme Erinnerungen an den ersten Auftritt trotz der Grundnervosität, zumal das Tomte-Publikum sehr wohlwollend gewesen sei. Und dann noch der starke Auftritt im vergangenen Sommer beim Schloss Open Air, wo bereits zwei Songs von »Zwischen den Runden« gespielt worden sind. Insofern keine Frage, ob Kettcar und Intro hier gemeinsam ihr Jubiläum begehen wollen: »Wir sind dem Intro wohlgelitten, und Intro findet uns auch nicht total schlecht«, so Wiebusch. »Die Wege haben sich immer wieder gekreuzt. Wir sind froh, vier erfolgreiche Platten machen zu können. Mal sehen, wohin uns die Reise führt?! Auf jeden Fall ein gutes Gefühl, wieder hierher zurückzukommen.«
Im kleinen Backstageraum gibt es eine Wodka-Stärkung, auf der Bühne kreist später der Jubiläumssekt, Marcus Wiebusch ist in Plauderlaune: Zum ersten Mal in den zehn Jahren stellt er während des Konzerts die Band vor. Dazu das ganze Repertoire zum Zeile-für-Zeile-Mitsingen: »An den Landungsbrücken raus«, »Money Left To Burn« oder den »Mädchen-Song« »Balu«. Und statt Ü30-Party-Körper mit kleinen Rucksäcken samt Diddl-Maus-Accessoires strahlen reflektierte junge Menschen im Publikum. Die jubeln auch über den Zugabenblock: drei Lieder vom neuen Album, und dann auch noch die ruhigsten. Ein gutes Zeichen.
Termine Kettcar
23.02.2012 Saarbrücken, Garage » Details | Merken | Anreise
24.02.2012 Essen, Grugahalle » Details | Merken | Anreise
25.02.2012 Neu-Isenburg, Hugenottenhalle » Details | Merken | Anreise
26.02.2012 Stuttgart, LKA-Longhorn » Details | Merken | Anreise
28.02.2012 Bremen, Schlachthof » Details | Merken | Anreise
29.02.2012 Kiel, Max » Details | Merken | Anreise
01.03.2012 Dresden, Alter Schlachthof » Details | Merken | Anreise
02.03.2012 Leipzig, Haus Auensee » Details | Merken | Anreise
03.03.2012 München, Kesselhaus » Details | Merken | Anreise
04.03.2012 Köln, E-Werk » Details | Merken | Anreise
06.03.2012 Hamburg, Große Freiheit 36 » Details | Merken | Anreise
07.03.2012 Hamburg, Große Freiheit 36 » Details | Merken | Anreise
08.03.2012 Hannover, Capitol » Details | Merken | Anreise
09.03.2012 Magdeburg, AMO » Details | Merken | Anreise
10.03.2012 Bielefeld, Ringlokschuppen » Details | Merken | Anreise
11.03.2012 Berlin, Columbiahalle » Details | Merken | Anreise
12.03.2012 Hamburg, Kampnagel » Details | Merken | Anreise
12.03.2012 Hamburg, Kampnagel » Details | Merken | Anreise
21.04.2012 Wolfsburg, Hallenbad » Details | Merken | Anreise
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