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Little Boots

Von eins bis vier

31.01.2012, 14:02, Text: Sebastian Ingenhoff, Foto: Jonnie Craig

Auf ihrem zweiten Album, das im Spätsommer erscheinen wird, lässt Victoria Christina Hesketh (alias Little Boots) mithilfe von Simon Reynolds und Hercules-&-Love-Affair-Chef Andy Butler die Hochzeiten von Warehouse und Paradise Garage wieder aufleben. Sebastian Ingenhoff schaute anlässlich der Releaseparty zur ersten Single »Shake« in London vorbei und wurde in ein pompös dekoriertes Lagerhaus gebeten.

»Das Schöne an Dancemusik ist ja, dass sie von der persönlichen auf eine kollektive Ebene führt. Ich wollte einfach keine Songs mehr schreiben, die sich nur mehr um mich drehen«, fasst Victoria Christina Hesketh alias Little Boots ihre Bemühungen in Worte, den Popsong mithilfe des guten alten Four-to-the-floor-Beats und ein wenig Acid-Gezwitschers in eine universelle Sprache zu kleiden. Wo andere die Northern-Soul-Suppe neu aufkochen oder sich am amerikanischen White Trash berauschen, führt die Nostalgie der siebenundzwanzigjährigen Britin nun also ins Chicago, Detroit und New York der späten Achtzigerjahre. Jene häufig romantisch verklärte Zeit, die in den letzten Jahren über Bands wie Hercules & Love Affair oder Azari & III eine erstaunliche Renaissance erfahren hat und ein jüngeres Publikum zu begeistern vermochte, das zu den Hochzeiten von Paradise Garage, Warehouse und Music Box vermutlich nicht mal geboren war.


Hesketh, die 2009 im Zuge ihres Debütalbums »Hands« noch in einem Atemzug mit Künstlerinnen wie La Roux oder Florence + The Machine genannt wurde, nennt als wichtige Inspirationsquelle für das neue Album jedoch keine obskuren, auf Soundcloud entdeckten Ron-Hardy- oder Frankie-Knuckles-Mixe, sondern zuallererst ein Buch: »Energy Flash« von Simon Reynolds. Also ein Frühwerk ausgerechnet jenes Musikjournalisten, dessen Retromanie-Diagnose das Popfeuilletondorf zuletzt in Aufruhr brachte. Dass sich ein junges It-Girl durch Reynolds’ 98er-Ravebibel nun zu großen Taten inspiriert fühlt, dürfte dem Ganzen natürlich die Krone aufsetzen. »In ›Energy Flash‹ geht es um den Ursprung der Housemusik in der schwarzen Gay-Szene in Chicago, aber auch um Ecstasy und diese ganze UK-Warehouse-Kultur. Ich fand es faszinierend, weil das ja erst einmal totale Undergroundmusik war. Gleichzeitig gab es auch damals schon House-Produktionen mit Popappeal, die es in die Charts geschafft haben. Ich glaube, es wird wieder Zeit für warme Sounds und gute Popsongs, zu denen man im Club ekstatisch tanzen kann.«


Jene Zeiten lässt sie auch auf ihrer Releaseparty zu »Shake« wieder aufleben, die in einem Warehouse in London-Shoreditch stattfindet. Wo die originalen, meist illegalen Partys noch häufig von der Polizei aufgelöst worden sind und dank Maggie Thatcher sogar zum Politikum wurden, muss man sich hier nur wenig Sorgen um staatliche Schlagstockbelästigung machen. Dekoriert wurde üppig, der Titel der Single prangt in überdimensionalen goldenen Lettern am Eingang, und als Tanzfläche dient ein riesiges aufblasbares Iglu. Durch den Abend führt die britische Transgender-Ikone Munroe Bergdorf. Alles wirkt ein bisschen kitschig, oder vielmehr campy, und das soll natürlich so sein. »Ich liebe Kitsch und Opulenz. Das hat man doch früher schon bei mir gesehen, oder? Gerade durch solche Gegensätze wird es ja erst interessant. Ein ranziges Warehouse, das aussieht wie eine schillernde Disco. Ein catchy Popsong, dessen Beat von einer ratternden 80er-Drummachine stammt. Genau so soll meine Welt aussehen. Ich finde es überhaupt nicht verwerflich, sich von der Vergangenheit inspirieren zu lassen, man muss eben nur kreativ damit umgehen können.« Dieser kreative Umgang erfordert natürlich auch kreatives Personal, und so passt es, dass sie sich mit Andy Butler von Hercules & Love Affair einen Produzenten ins Boot geholt hat, der mit mr. intl nicht nur ein Label gegründet hat, welches sich ausschließlich dem Phänomen Retrohouse widmet, sondern schon den Radiopop von Lady Gaga durch seine Maschinen jagen durfte. Ihr Wunschkandidat für dieses hehre Projekt, denn Hercules & Love Affair seien so ziemlich das Größte, was die Nullerjahre musikalisch hervorgebracht hätten. »Dieser Typ ist völlig irre. Er ist ja ein absolutes Partytier, aber, wenn es drauf ankommt, eben auch wahnsinnig effizient und hochkonzentriert. Bei ihm sprudeln die Ideen nur so. Das ging alles in Rekordzeit, nach ein paar Tagen war er schon wieder in San Francisco und hat an anderen Sachen gearbeitet.«

Der erste Vorbote des neuen Albums, die Single »Shake«, ist hingegen von Simian Mobile Discos James Ford produziert worden, der sich in dieser Nacht zusammen mit Horse Meat Disco und Crazy P hinter den Turntables einfinden wird. Butler ist leider verhindert. Dafür gibt es ein sehr Edit-lastiges Set von Little Boots selbst zu hören, die sich in jüngster Zeit schon des Öfteren als DJ versucht hat und gerade erst von Clubtouren aus Japan, China und Australien zurückgekehrt ist. Viel glamouröser kann so ein Auftritt als Plattenunterhalter kaum zelebriert werden: Im schwarzen Paillettenkleid feuert sie die Menge an und dreht an den Equalizern, nicht ohne zwischendurch immer wieder für die Fotografen zu posieren, die zahlreich erschienen sind. Natürlich kein leichter Job, Fotoobjekt zu sein und gleichzeitig den Dancefloor in Schach zu halten, zumal das Blitzlichtgewitter der Kameras und des Stroboskops kaum auseinanderzuhalten sind. So fällt der eine oder andere Übergang auch mal ein bisschen ruppiger aus, aber das tut der Stimmung keinen Abbruch. Den Text zu »Shake« kann ohnehin schon die ganze Lagerhalle mitsingen. Ist ja auch gar nicht so schwer: »Everybody shake / Lalalalalala / Until your heart break«. Viel mehr Text gibt es nicht. Und von eins bis vier zählen kann jedes Kind. Schließlich haben sich die Regeln der Dancemusik im Laufe ihrer Geschichte nie grundlegend geändert, Retromanie hin oder her.

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