Zwischen den Künsten
Dagobert
13.01.2012, 17:11, Text:
Thomas Venker, Foto: Kai von Rabenau
In Berlin-Mitte sind seit dem Hochschnellen der Mieten und der Renovierung der alten Ost-Kneipen die schrägen Typen selten geworden. Da kommt der Schweizer Dagobert gerade recht mit seiner unironischen Schlagermusik und Auftritten in Filmen von Klaus Lemke.
Es gibt Lebensgeschichten, die glaubt einem keiner. Der Künstler, der mit Vornamen Dagobert heißt und sich keines Nachnamens mehr erinnern mag, erzählt solch eine gleich zu Beginn unseres Treffens. Nach der Schule, die ihn schwer depressiv gemacht habe, sei er ordentlich abgeschmiert. Zwei Jahre lebte er als Obdachloser in einem Keller in Bern und wusch sich auf Bahnhoftoiletten. Aufgerappelt habe er sich mit einem halbjährigen Ausflug zum Musikmachen nach Berlin. Erschöpft und mit gebrochenem Herzen zog er sich anschließend allerdings für fünf Jahre wieder zurück, auf eine Berghütte. Um nun plötzlich, mit 29 Jahren, abermals in Berlin-Mitte als neue Hoffnung am unironischen Schlagerhimmel aufzutauchen.
»Als ich zum zweiten Mal hierherkam, hatte ich keinen Cent in der Tasche«, führt er seine Lebensgeschichte fort. »Ich hatte nur die Adresse von dem schwäbischen Cafe Ribo, das der Schwester einer Freundin von mir gehört.« Von dieser speziellen Homebase aus erscheint nun selbst verlegt seine Debütsingle »Morgens um halb vier«, eine wunderschöne Ode an die Liebe, langsam und getragen, eindringlich und ohne doppelten Boden: »Stell mir schon wieder vor, wie es jetzt wär’ mit dir / Durch kalte Straßen geistern, morgens um halb vier / Ich will dich bei mir haben und flüster dir ins Ohr / Bleib doch ein Leben lang, ich hab mit dir viel vor.« Das Stück ist wie alle Songs während der Alm-Jahre entstanden und der unsterblichen Liebe zu dem einen Berliner Mädchen gewidmet. Überhaupt könne er nur Liebeslieder schreiben, sagt er. Die Liste der Einflüsse beginnt stilbewusst mit Leonard Cohen und Hank Williams (»der Größte«) und endet verstörend mit den Scorpions und den Flippers.
Wie so oft im Leben passieren die Dinge immer zusammen, im Schlechten wie im Guten. Für Dagobert gilt derzeit Letzteres: Der berühmte Münchner Autorenfilmer Klaus Lemke hat ihn in ebenjenem Cafe Ribo gecastet. »Es war Liebe auf den ersten Blick zwischen uns«, erinnert sich Dagobert. Und dank dieser hat er plötzlich eine kleine Rolle in »Berlin für Helden«, der auf der kommenden Berlinale Premiere feiert – und gleich auch noch die Hauptrolle im kommenden Film von Lemke. Wobei er sofort betont, dass er kein Schauspieler sei und sich ja »wie alle bei Lemke nur selbst spiele und durch den Film stolpere«. In Zukunft will er sich freilich auf die Musik konzentrieren, denn nach all den Jahren der »Asozialität« habe er »mal Lust, viel Geld zu verdienen«. Die Songs dafür seien fertig, er müsse nur die Hörgewohnheiten der Leute knacken, dann stehe den großen Stadien nichts mehr im Weg, ist er sich sicher. Spricht es, schaut kokett und legt mit tiefem Blick nach: »Wenn man das Berühmtsein mal nicht mehr will, dann kann man es auch schnell abstellen und zurück auf die Alm.«
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