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Bondage Fairies

Rövolution in Moskau

10.01.2012, 17:11, Text: Wolfgang Frömberg, Foto: Valeriy Belobeev

Die schwedischen Bondage Fairies sind mit dem dritten Album nicht nur bei Audiolith gelandet, im Dezember 2011 stiegen sie auch in Moskau aus dem Flieger, um die russische Hauptstadt zu erobern.

Es ist eine gute Frage, ob die Kunst nach der Revolution abgeschafft gehört, weil sie dann keiner mehr braucht, um sich gegen die Verhältnisse zu positionieren. Am Samstag, den 10. Dezember 2011, in Moskau wird die Frage nicht gestellt, sie schwingt aber im Hintergrund mit. Die Stockholmer Electropunks Bondage Fairies, deren Sound in die Richtung »›Super Mario Bros.‹-Score trifft auf Atari Teenage Riot und die Buzzcocks« geht, befinden sich

auf dem Weg vom Apartment, in dem die vier Jungs am Freitagabend eingetroffen sind, zur Autogrammstunde in einem schnuckeligen Pop-Devotionalienladen. Dort wartet schon eine Schar von Anhängern.

»Tragt ihr die Mützen auch im Bett?« möchte man mit Vader Abraham fragen – die Älteren werden sich an dessen putziges »Lied der Schlümpfe« erinnern. Die Bondage Fairies laufen nämlich maskiert – ein bisschen sehen sie aus wie wild gewordene B-Film-Helden – durch die für Moskauer Verhältnisse frühlingshaften Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt: Songwriter Elvis Creep verbirgt etwa das Gesicht unter einer Helmkreation, die aussieht, als spiele Darth Vader damit Eishockey; Deus Deceptor wirkt dagegen wie ein derangierter Kampfflugzeug-Pilot, Bee Bee Prime mimt die durchgeknallte Fastnachtshexe, Drummer Boy den entstellten Elefantenmenschen. Aber die Bondage Fairies tragen ihre Masken nur deshalb mitten am Tag durch Moskau, weil sie von einem Ein-Mann-Kamerateam von »Arte Tracks« mit der Lizenz zum Dauerstalken begleitet werden. Erst sobald die Kamera läuft, erwachen die schrägen Alter Egos zum Leben. Und natürlich während der Autogrammsession.


Vor dem Laden verwandeln sich die Anfangdreißiger, die im wahren Leben schwedische Bilderbuchnamen wie Karlsson vom Dach oder Pippi Langstrumpf tragen, wieder in die Band-Charaktere. Gefährlich wirkt diese Metamorphose angesichts der politisch angespannten Lage aber nicht. Erstens, weil die Zeugen der Filmaufnahmen höchst amüsiert reagieren. Zweitens, weil nichts von den Unruhen zu spüren ist, die sich in Russland seit Tagen ankündigen. Und dass, obwohl gleichzeitig auf dem Bolotnaja-Platz die bis dato größte Demonstration gegen Ministerpräsident Wladimir Putin stattfindet. Ihr momentan dringlichstes Problem haben sich die Bondage Fairies selbst eingebrockt: Beim Basteln der Helme und Masken haben weder die Gründungsmitglieder Elvis Creep und Deus Deceptor noch die neuen Bandkollegen Bee Bee Prime und Drummer Boy daran gedacht, dass der gewöhnliche Rock’n’Roller regelmäßig viel Flüssigkeit zu sich nehmen muss. So verschwindet etwa Gitarrist Bee Bee Prime andauernd im stillen Eckchen des Geschäfts, um sich einen hinter die Binde, Verzeihung, Maske zu kippen. Zusätzlicher Grund für den Durst mag eine gewisse Nervosität sein, weil sie hier verehrt werden wie die John, Paul, George und Ringo der Nintendo-Deathpunk-Szene. Der fesche Hut sei für ihn auch ein Schutz, erklärt Elvis Creep. Für die Fans hat er was Magisches.



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aus Intro #199 (Februar 2012)
 
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