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Wer zum Teufel ist eigentlich?

Nicolas Winding Refn

05.01.2012, 15:49, Text: Martin Riemann

Ob in der »Pusher«-Trilogie, im Spielfilm über Englands gefährlichsten Strafgefangenen »Bronson« oder im Wikinger-Epos »Valhalla Rising«: Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn setzt gerne gewalttätige Außenseiter in Szene. Für seinen Action-Thriller »Drive« mit Ryan Gosling erhielt er 2011 den Regie-Preis in Cannes.

Die Hauptfigur von »Drive« neigt zu extremer Brutalität. Was interessiert dich an diesem Charakter?
Im Grunde bin ich ein Pornograf. Ich mache Filme über Dinge, die mich erregen. Ich verstehe oft nicht ganz, warum ich etwas sehen will, aber es ist wirklich ein Fetisch: Ich mag Charaktere, deren Vergangenheit nicht genau definierbar ist, weil es dann für mich interessanter wird, mich mit ihrer psychologischen Entwicklung auseinanderzusetzen. Die Figur von Ryan Gosling ähnelt diesbezüglich der des Bronson und der des One-Eye in »Valhalla Rising«. Alle drei Protagonisten erleben eine Transformation.

In »Drive« verwandelt sich die Hauptfigur ganz überraschenderweise in einen Psychopathen.
Er ist kein Psychopath! Er ist psychotisch.

Wo liegt der Unterschied?
Darin, dass sein psychotisches Verhalten auf Liebe zu einer Frau begründet ist – und nicht auf Eigennutz. Er realisiert, dass er nicht länger ein Mensch in ihrem Leben sein kann, sondern ihr Held sein muss, der sie beschützt. Und das ist nicht psychopatisch, sondern psychotisch. Er steckt in einem Konflikt: Am Tag ist er menschlich, in der Nacht muss er ein Held sein.


Wird die Nacht in deinem Film zu einer mystischen Welt?
Der namenlose Fahrer ist ein Held in einer imaginären Welt. In dieser Hinsicht waren Grimms Märchen die wichtigste Inspiration für den Aufbau des Films.

»Drive« ist in seiner Stimmung sehr traumartig. Wie wichtig ist die Story? In Märchen spielen die Figuren und die Moral eine weitaus wichtigere Rolle.
Da stimme ich zu: Märchen sind sehr simpel, aber dadurch sind sie für jedermann verständlich. Genauso ist es mit meinem Film: Ein Mann, der sich in eine Frau verliebt und feststellt, dass er sich in einen Held verwandeln muss, um sie zu beschützen. Nur darum geht es.

Wie wichtig sind die spektakulären Autoverfolgungsjagden?
Sie sind als emotionale Porträts angelegt, die die Psyche der Hauptfigur widerspiegeln sollen: Bei der ersten Verfolgungsjagd hat der Fahrer die volle Kontrolle, bei der zweiten verliert er sie, bei der dritten ist er psychotisch und will töten. Aber aus Liebe.

Du hegst offenbar eine Art Liebe zu einem ganz bestimmten Typus des Kriminellen. Schlampig gekleidete Unterschichtsgangster bevölkern deine Filme.
Ich habe drei Filme über diese Typen gemacht – meine »Pusher«-Trilogie. Wenn Shakespeare heute lebte, würde er auch über Verbrecher schreiben, weil sie dieselbe gesellschaftliche Position besetzen, die zu seiner Zeit die königliche Familie innehatte.

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