Kraftklub
Wie Karl-Marx-Stadt dein komisches Leben rettet
05.01.2012, 14:31, Text:
linus volkmann, Foto: Tanja Kernweiss
Vor den Türen zu ihren Auftritten lecken sich die Ausgeh-Kids den Schnapsbart wund. Denn mit Kraftklub zieht die derzeit aufregendste Gang durch die Städte. Im Intro wurden die fünf Chemnitzer bis dato allerdings als Party-Stullen für Atzen mit Abitur bezeichnet. Was verdammt noch mal ist denn nun Sache? Linus Volkmann bemüht sich um Klärung, Tanja Kernweiss hat fotografiert.
Der Club Uebel & Gefährlich in Hamburg residiert in einem eindrucksvollen Bunkerbau, der das gesamte Schanzenviertel unter sich lässt. Das Nadelöhr sind dabei die Fahrstühle, die es benötigt, um die Konzerträume im Turmzimmer zu erreichen. Literarisch kam der Ort unlängst zu Ehren, als Tino Hanekamp seinen Debütroman »So was von da« in einem nur unwesentlich fiktionalen Uebel & Gefährlich spielen ließ. Die dort verhandelte Geschichte von einer neuen Generation, die vor Selbstzweifel, Ausgehbock und Power fast explodiert, findet heute Abend eine spontane Aufführung. Kraftklub sind in der Stadt, sind im Laden, Tore und Fahrstühle noch geschlossen. Vor dem Eingang daher eine Schlange bis zur Straße. Kraftklubs erstes Album ist noch nicht mal erschienen, trotzdem wissen alle hier: Sie liegen mit diesem Konzertbesuch so was von richtig – und zeigen sich für die Wartezeit sogar einigermaßen dankbar. Schließlich müssen die mitgebrachten 1,5-Liter-Flaschen der Penny-Energy-Eigenmarke Bullit, gepanscht mit Wodka, oder das Wegbier vom Späti geleert werden, bevor man durch die Schleuse kommt. Die Stimmung ist euphorisch. Einige machen Reiterkampf, manche hauen sich ihre iPads über den Kopf, alle aber haben sich längst auf einen vulgär-hedonistischen Lifestyle und diese Band hier geeinigt. Eine Band, die zunächst einmal über eine sprachliche Figur funktioniert, auf die schon vor einem Jahrtausend Jugendliche abgeilten. Als es noch keine Spätis, iPads, Energy-Drinks oder Lidl gab, ja, nicht mal Lana Del Rey – höchstens vielleicht Wege und Pferde. Die Rede ist von der Alliteration, dem Stabreim. Kraftklub. Die Band legt selbst Wert darauf, heißt ihr Debütalbum doch »Mit K«. Und erweist damit auch dem großen Alliterations-Ultra der Popular-Kultur die Ehre: Walt Disney. Kater Karlo, Klaas Klever, Klarabella Kuh und Kraftklub. Wie gut das von den Lippen geht.
Jetzt ist Einlass, paar Flaschen klirren, die Menge singt sich warm. Alle zufrieden – und Schluss? Von wegen, da hat Intro noch einen Absatz mitzureden: »Was soll denn an diesem Party-Stullen-Programm groß zu kapieren sein? Das ist anstrengend clevere Atzenmusik für Besoffene. Vorsicht aber: Für einige der Gags braucht man einen Schulabschluss.«
So vernichtend urteilte die Plattenkritik in Intro #196 über die selbst verlegte Mini-LP, die Kraftklub dem aktuellen Album letzten Sommer vorausschickten. Die Wahrheit, eine Zumutung, Ansichtssache? Sänger Felix Kummer kann sich zumindest sehr gut an diese Rezension erinnern: »Es hat mich schon gestört. Nicht mal, dass wir darin offensichtlich für scheiße befunden wurden, sondern dass es für Magazine wie Intro hier [legt die Latte mit der Hand über seinen Kopf] Tocotronic gibt und hier [deutet weit unter die Gürtellinie] dann die Atzen. Und Casper ordnet man dann beim hohen Level ein, nur eben auf die Rap-Seite – aber sobald sich die Musik nicht gleich intellektuell gibt, werden keine Zwischenstufen gemacht, sondern es rutscht sofort nach unten ab.« Die Hand liegt damit nun bei beiden Seiten in der Wunde. Wo fängt sinnstiftende Qualitätssicherung an, wo einfach nur Checker-Arroganz, die sich selbst nicht mehr hinterfragt?
Der Abend jedenfalls straft die Besprechung Lügen, Kraftklub sind weder der Soundtrack zum juvenilen Suffkopptum noch bemühte Nerdkasper. Ihr Sound beschreibt vielmehr einen im kontemporären Pop vollzogenen Wandel, der sich wohl erst noch in die alten Meinungsmacher-Königreiche rumsprechen muss: Die Generation Kraftklub entscheidet sich nicht mehr für Rock oder Beat, für Indie oder Rap, für Splash oder Hurricane. Der viel beschworene Mash-up der Stile ist für sie kein geniales Konstrukt, sondern schlicht Realität. Die Trennlinien sind ausradiert, und die Musik, die sich daraus ergibt, nennt auch niemand mehr Crossover. Weil allein schon das Bild der gekreuzten Genres nur eine Reminiszenz an Opas Indie-Kriege ist. Und die kennen Kraftklub nur vom Hörensagen – und überhaupt: »Es tut mir leid, MTV ist nicht meine Religion / Und wenn doch, dann ist Gott ein Klingelton / Ich langweile mich, wo zum Teufel bleibt die Action? Bei euch starb Kurt Cobain, bei uns nur ein bleicher Michael Jackson / Unsere Eltern kiffen mehr als wir / Wie soll man rebellier’n / Egal, wo wir hinkomm’n, unsere Eltern waren schon vorher hier« (aus dem Song: »Zu jung«).
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