Neue Bands fürs Jetzt
Vierkanttretlager
04.01.2012, 17:10, Text:
Michael Weiland, Foto: Kathrin Spirk
Vertrackt, verkopft und dann auch noch aus Husum? Vierkanttretlager kann das alles nicht schocken. Im Gegenteil, die vier smarten Post-Abitur-Boys gestalten sich aus ihrem eigenwilligen Indierock unverschämt umarmende Hits.
Das geht ja gut los! Max Leßmann besitzt ein Buch und plant, es auch zu benutzen. Darin stünden »schöne Wörter«, sagt er, kramt allerdings erst mal erfolglos in seiner Jackentasche. Seine drei Bandkollegen – Leif Boe, Momme Friedrichsen und Christian Topf – feixen: »Duden, oder was?« Und liegen richtig, der Sänger und Texter der Band Vierkanttretlager hortet seine eigenen Worte in seinem ganz privaten Lexikon. »Drei Mühlen«, die erste Single aus dem Debütalbum »Die Natur greift an«, wartet beispielsweise mit einer Zeile wie »Nebenan auf der Windparkeinweihungsparty, da wird nicht geraucht« auf und stellt Worte wie »Porzellanglockenspiel« und »Einbauküchenmonteur« vor. Aber der Song bietet nicht nur sperrige Textkompositionen, sondern auch vorauspreschenden Indierock der 90er-Jahre und tanzbaren Gitarrenpop. »Das neue Gold« etwa ist auch für Grobmotoriker gut tanzbar. Zentral für das Album ist aber seine Coda, das dreiteilige Songepos »Die Natur greift an«, das, unterbrochen von dem Spoken-Word-Track »In jedem seiner milden Blicke«, das gesamte Album in sich zusammenfasst. »Die Texte dafür habe ich zeitnah geschrieben. Mir war sofort klar, dass die drei Songideen zusammengehören, noch bevor das ganze Lied stand. Es geht darum, wie man mit Anfang zwanzig aufbricht in den nächsten Lebensabschnitt: was man an Begehrlichkeiten aufgibt, welche materiellen Dinge man braucht.« Den Gedanken, der hinter dem Sprechtext steht, erzählt Max Leßmann ganz beiläufig: Die Menschheit betrachtet die Geburt eines neuen Menschen. So weit gingen nicht einmal Jochen Distelmeyers Spoken-Word-Ungetüme auf den Blumfeld-Alben »L’Etat Et Moi« und »Old Nobody«, die man als Referenz sehen könnte.
Dass ein Teil der Band während der Aufnahmen noch zur Schule ging, merkt man nicht: Vierkanttretlager wirken älter. »Wir sind uns dessen schon bewusst, aber ich kann dir auch nicht sagen, woher das kommt«, sagt Max. »Vielleicht daran, dass wir nicht die neuesten Hitplatten hören«, bietet Schlagzeuger Leif eine Erklärung an. Nun, es könnte aber auch an der besonderen Erfahrung ihrer Sozialisation in Husum liegen. Außer ein paar Punks, die am Hafen Bier trinken, kann die Stadt nicht mit Jugendkultur punkten. Indie-Zusammenhänge: Fehlanzeige. Gitarrist Christian erzählt, dass die Stadt nur einen Club habe, und man wolle lieber nicht wissen, was da für Musik liefe. Aber wie sagt man so schön: Das Stigma zur Stärke machen – die Absenz der Szene als Motor für frühe Selbstständigkeit, einen facettenreichen Musikgeschmack und somit Bandsound.
Dass dieser Sound viele Menschen interessieren könnte, sehen sie selbst nach einer erfolgreichen Tour im Vorprogramm von Casper vor ausverkauften Hallen nicht. »Wo sitzen wohl die Leute in Münster, die unsere Musik hören wollen?« fragt Christian. Und Max pflichtet nickend bei: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich in einer Stadt 3000 Leute hinstellen und sagen: ›Windparkeinweihungsparty‹ ist ein echt schönes Wort.« Womöglich nicht. Aber vielleicht ja »Einbauküchenmonteur«.
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