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First Aid Kit

Raus aus dem Kinderzimmer

03.01.2012, 13:05, Text: Verena Reygers, Foto: Jan Kapitän

Sie kommen aus Schweden, ihr Appalachian Folk aber hat seine Ursprünge in der Hausmusik des Vereinigten britischen Königreichs und deren amerikanischen Adaption. Für die Aufnahmen zu ihrem zweiten Album »The Lion’s Roar« konnten Johanna und Klara Söderberg mit Conor Oberst und Jack White hochkarätige Gäste gewinnen, von denen es einer trotzdem nicht auf das Endprodukt geschafft hat. Verena Reygers berichtet, welcher.

Knisterndes Kaminfeuer und der Berliner Technotempel Berghain, ja, das geht zusammen. Zumindest dann, wenn First Aid Kit mit Akustikgitarre und Autoharp ihren Countryfolk ausgerechnet in der Berghain-Kantine auf die Bühne bringen. Dort stellten die Schwestern Johanna und Klara Söderberg Anfang Dezember die Songs ihres neuen Albums »The Lion’s Roar« vor, und das gestaltete sich äußerst behaglich, nicht nur, weil im Vorraum tatsächlich ein gemütliches Feuerchen fackelte.


Knapp drei Jahre ist es her, da sorgten die beiden Schwedinnen mit ihren ins Internet gestellten Coverversionen von Fleet Foxes und Johnny Cash für Furore. Ihre selbst geschriebenen Songs des kurz darauf veröffentlichten Debüts »The Big Black And The Blue« standen den Interpretationen in nichts nach. Dabei überraschte einerseits ihr junges Alter – Klara war 16, Johanna 19 Jahre alt –, andererseits die stilsichere Umsetzung eines Genres, das seinen Ursprung in der im 19. Jahrhundert in die USA importierten Hausmusik europäischer Einwanderer hat. Traditionelles Liedgut, das man in den Appalachen verorten würde, aber kaum in einem Stockholmer Jugendzimmer. Dem Overkill an Gestrigkeit steuerten First Aid Kit mit modernem Pragmatismus entgegen und pushten ihre Do-it-yourself-Wald-und-Wiesen-Videos über YouTube.

Backstage mit Bright Eyes

Die Autoharp, die das Debütalbum prägte, ist auch auf »The Lion’s Roar« wieder mit dabei. Genauso, wie sich die beiden natürlich nicht vom melancholischen Folk vergangener Zeiten verabschiedet haben, sondern ihn weiterhin mit nostalgischer Überzeugung beatmen. Referenzen an June Carter, Johnny Cash, Gram Parsons und Emmylou Harris klingen genauso an wie der Einfluss der modernen Folker wie Bright Eyes, insbesondere deren trübsinniges Mastermind Conor Oberst. »Diese Art von Musik spricht in uns einfach so viel an wie keine andere Musik«, erzählte Klara bei meiner ersten Interview-Begegnung mit dem Duo im Jahr 2010. Damals noch als Posterboy im Kinderzimmer verehrt, wurden Conor Oberst und Bright-Eyes-Produzent Mike Mogis beim neuen Album unmittelbarer Bestandteil des Produktionsprozesses. »Wir wollten dieses Mal auf jeden Fall mit einem Produzenten arbeiten, auch, um eine andere Perspektive für unsere Musik zu gewinnen und die Möglichkeit, mit mehr Instrumenten zu arbeiten, zu bekommen«, berichtet Klara vom Aufnahmeprozess.

»Wir waren auf der Suche nach Abenteuer.« Und was macht man, wenn man seine Idole als Produzenten gewinnen will? Man geht zu ihren Konzerten, drückt ihnen Backstage die eigene Platte in die Hand und hofft, dass sie sie mögen. »Durch unser Label in England, Wichita, wo das erste Album von Bright Eyes erschien, hatten wir die Möglichkeit, die Jungs beim Konzert von Monsters Of Folk, Conors anderer Band, zu treffen und ihnen unser Debüt zu geben. Einige Zeit später spielten wir auf demselben Festival in Austin, und sie kamen zu unserer Show, wo Mike uns direkt nach unserem Auftritt sagte, sie wollten das Album produzieren.« Selbstverständlich waren daraufhin zwei junge Frauen »völlig verrückt vor Freude«.

Auch wenn sich die Musikerinnen an die professionelle Hand von Mogis nehmen ließen, ihre Songs haben sie nach wie vor alleine auf ihren ausgedehnten Touren und zu Hause in Schweden geschrieben – aber immer schon mit der Vision vor Augen, den Sound nicht bloß auf die zwei, drei Instrumente aus ihrem heimischen Schrank zu begrenzen. »Wir wollten den Sound nicht zwingend druckvoller anlegen, aber wir haben uns gewünscht, das Arrangement zu erweitern. Es war großartig, in Omaha auf so viele Musiker zurückgreifen zu können. Plötzlich spielte es keine Rolle, ob man ein paar Streicher oder Blasinstrumente brauchte.« Hinzu kommen noch Überraschungsgäste wie The Felice Brothers, die beim letzten Stück des Albums, »King Of The World«, im Hintergrund aufspielen, während Conor Oberst und Mariachi-Trompeten im Vordergrund mit den beiden Schwestern toben. Das Folk-Quartett sei für ein Konzert in der Stadt gewesen und habe das mit einem Besuch bei seinen Freunden Bright Eyes verbinden wollen. So ergab es sich spontan, für First Aid Kit mit ins Studio zu kommen.

Ähnlich unprätentiös lief es mit Jack White: Er war neugierig auf First Aid Kit und nutzte ihr Nashville-Gastspiel zur Zusammenarbeit. »Wir spielten auf unserer zweiten US-Tour in seiner Stadt, da lud er uns ins Studio ein«, erinnert sich Klara an seine überraschende Kontaktaufnahme. »Wir wussten nicht mal, dass er uns kennt.« Jack White, dessen unerschöpfliche Kreativität als Songschreiber und Produzent schon legendär ist, nahm mit den Schwestern ihr schon seit Längerem im Netz schwirrendes Cover von Buffy Saint Maries »Universal Soldier« sowie den Bluesklassiker »It Hurts Me Too« auf. Allerdings schaffte es keiner der beiden Songs aufs Album. Das sagt mehr als genug über den Stellenwert zwei junger Musikerinnen aus, die ihre Kinderzimmer verlassen haben, um sich erfolgreich in der Erbengemeinschaft des US-Folk zu etablieren.

Termine First Aid Kit
04.02.2012 Stockholm, Debaser » Details | Merken | Anreise
11.02.2012 Kopenhagen, Vega » Details | Merken | Anreise
13.02.2012 Hamburg, Indra » Details | Merken | Anreise
14.02.2012 Köln, Gebäude 9 » Details | Merken | Anreise
15.02.2012 Rotterdam, Paradijskerk » Details | Merken | Anreise
16.02.2012 Brüssel, » Details | Merken | Anreise
18.02.2012 Frankfurt / Main, Brotfabrik » Details | Merken | Anreise
19.02.2012 Berlin, Postbahnhof » Details | Merken | Anreise
20.02.2012 Zürich, Mascotte » Details | Merken | Anreise
26.06.2012 Berlin, Tempodrom » Details | Merken | Tickets | Anreise
27.06.2012 Köln, E-Werk » Details | Merken | Tickets | Anreise
05.07.2012 Hamburg, Docks Club » Details | Merken | Tickets | Anreise
08.09.2012 Berlin, » Details | Merken | Tickets | Anreise
13.11.2012 Hamburg, Grünspan » Details | Merken | Tickets | Anreise
15.11.2012 Düsseldorf, Zakk » Details | Merken | Tickets | Anreise
03.12.2012 München, Hansa 39 » Details | Merken | Tickets | Anreise

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aus Intro #199 (Februar 2012)
 
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