»Ich bin als Lügner bekannt«
dEUS: Tom Barman im Interview
28.11.2011, 12:23, Text:
Philipp Jedicke
Unser Autor Philipp Jedicke sprach mit dEUS-Frontmann Tom Barman über Kontrolle, Rastlosigkeit und das schwierige Image Belgiens...
Bei eurem Auftritt beim Berlin-Festival habt ihr gerade bei den neuen Songs sehr überzeugt und sicher gewirkt, man hat euch den Spaß an der Sache angesehen. Es fühlt sich wohl gut an, die »Keep You Close«-Songs endlich live zu spielen?
Es ist großartig, die neuen Songs machen live tatsächlich jede Menge Spaß. Der Festivalsommer war für uns wie ein Geschenk an uns selbst. Davor waren wir lange im Studio, im Mai war das Album dann fertig. Den ganzen Sommer lang haben wir pro Festival zwei, drei neue Songs gespielt. Jetzt, bei der »Keep You Close«-Tour, kommt natürlich die neue Setlist zum Tragen.
Du wurdest einmal als Kontrollfreak beschrieben. Wie viel Einfluss hatte der Rest der Band bei »Keep You Close«?
Kontrollfreak? Das ist mir neu. Ich arbeite gerne an Details und experimentiere mit Sounds herum, das ist richtig. Wir haben ja unser eigenes Studio und können alles Mögliche ausprobieren. Zum Beispiel haben wir während der Aufnahmen oft die Instrumente gewechselt. Alan, unser Bassist, hat viel Gitarre und Mandoline gespielt, Drummer Stéphane viel Klavier. Durch den Instrumententausch können wir uns selbst überraschen. Um Kontrolle geht es mir gar nicht.
Jede Band braucht doch ein Mitglied, das eine Vorstellung davon hat, in welche Richtung die Songs gehen sollen. Und bei dEUS bin ich das, weil es meine Band ist. Ich mag das Wort Kontrollfreak nicht. Der Rest der Band ist zufrieden mit der Rolle, die ich spiele, so wie jeder mit seiner eigenen Rolle auch. Alle bringen sich ein, alle singen, Alan singt live »Constant Now«, die anderen eine Menge Backing Vocals. Dieses Album ist ein Gemeinschaftswerk. Aber jedes Schiff braucht einen Kapitän, sonst fährt es ins Nichts.
Im Laufe der Zeit seid ihr vom ausufernden Avantgarde-Ansatz der Anfangstage bei einem kompakteren, aber zugleich detailverliebteren Sound angekommen - sowohl bei der Produktion als auch beim Songwriting . Ist das die Zukunft des dEUS-Sounds?
Es ist definitiv eine toller Status quo und ich hoffe, dass es so bleibt. Die Idee zu »Keep You Close« kam uns, als wir »Slow« und »When She Comes Down« für das Vorgängeralbum »Vantage Point« aufnahmen. Beides Songs, die wir gemeinsam geschrieben hatten. »Slow« war für mich wie eine Epiphanie: Ich wusste sofort, dass das die Zukunft von dEUS ist. Der Song ist sehr Groove-basiert, die Melodie spielt eine zentrale Rolle, und es ist eine ordentliche Prise Drama mit im Spiel, was ich schon immer mochte.
Insofern hast du Recht, und mir ist es natürlich lieber, wenn du sagst, dass wir uns in den knapp zwanzig Jahren unseres Bestehens weiter entwickelt haben, anstatt auf der Stelle zu treten. Unser jeweiliges Line-Up war auch immer ausschlaggebend. Jede dEUS-Formation hat eine andere Energie. Die aktuelle besteht jetzt schon seit sieben Jahren, und es war an der Zeit, sie zu konsolidieren. Deshalb haben wir diesmal im Vorfeld auch keine Platten von anderen Künstlern gehört, wir haben nicht gesagt: »Machen wir ein Rockalbum!«, oder: »Lasst uns ein melancholisches Album machen«. Wir haben einfach nur gespielt und uns zugehört, ohne konkreten Plan. Dabei kam eine Menge Material heraus, darunter auch sehr rohe, experimentellere Songs, die nicht unbedingt einen Refrain haben. Die bringen wir Anfang 2012 raus.
Wir haben auch eine EP am Start, die erschreckend poppig ist, unfassbar poppig sogar! Sie wird ebenfalls nächstes Jahr erscheinen. Die letzten beiden Jahre waren sehr produktiv, wir haben viel geschrieben, aber wir wollten es nicht alles auf einmal herausbringen als Doppelalbum, sondern besser dosieren. »Keep You Close« ist der erste Output geworden, weil diese zwölf Songs gut zusammenpassen. Nächstes Jahr folgt dann der Rest.
2012 wird es also zwei weitere EPs geben?
Ja, aber dreh’ mir bitte keinen Strick daraus, wenn es nicht so ist. Ich bin als Lügner bekannt. Nicht, weil ich einen schlechten Charakter habe, sondern weil ich es in dem Moment, in dem ich es sage, wirklich glaube. Aber das ist die Idee: zwei EPs mit je vier, fünf Songs drauf.
In einem Interview hast du mal gesagt, dass du auf »Vantage Point« eher wie ein Beobachter geschrieben hast, nicht aus einer persönlichen Perspektive. Auf »Keep You Close« sind die Texte wieder sehr persönlich. Fällt dir das leichter?
Ich fürchte, ja. Zudem hatte ich eine sehr introspektive Phase. Mit der Band wollte ich ein wärmeres Album aufnehmen, eins, das unter die Haut geht und eher ein Dialog als ein Statement ist. Dann läuft einfach alles auf dieses Ziel zu: die Wahl der Instrumente, der Gitarrensounds, der Produktion. Und natürlich sind dann auch die Texte introspektiver, in diesem Fall sogar retrospektiv, denn sie handeln auch von Reue. Es fällt mir schwer, über sie zu reden. Das klingt jetzt wie ein Klischee, aber sie sprechen tatsächlich für sich selbst.
Gestern machte ein Journalist eine sehr gute Bemerkung: Er sagte, dass der letzte Albumtitel »Vantage Point« für einen Beobachtungspunkt steht, für Distanz, einen hohen Punkt und eine weite Sicht, und »Keep You Close« ist das Gegenteil. Mir war das selbst gar nicht aufgefallen. Das macht Sinn, und ich bin froh, dass wir unterbewusst die richtige Entscheidung beim Namen getroffen haben. Wie ich schon sagte: Alles lief auf diesen einen Punkt raus. Und es hat geklappt, was uns sehr freut, denn dabei kann so viel schief gehen.
Du kannst einen Song aufnehmen, den du liebst und es funktioniert einfach nicht, du kriegst die Magie nicht hin. Platten aufnehmen ist wie blind Dart spielen: Du zielst in die Richtung und hoffst, dass du ab und an mal triffst. Es ist alles sehr zufällig und flüchtig. Tom Waits sagte einmal, es sei wie zu versuchen, ein Foto von Geistern zu machen. Wir sind sehr froh, dass wir unser eigenes Studio haben.
dEUS - Keep You Close (2011) by dEUSbe
1 | 2 | ... weiterlesen »
Artikel kommentieren
Mehr Infos
Kommentare
Artikel kommentieren - Mehr Forumsdiskussionen
Social Network Login

Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
MEIST GEKLICKT
- 01 Wes Anderson / Moonrise Kingdom...
- 02 Light Asylum - im South by Southwe...
- 03 The Hives - Größenwahn als Inszenierung
- 04 Woodkid / Yoann Lemoine - Vom Kind...
- 05 Best Coast - Coverstory
- 06 Damon Albarn - Ich habe immer das ...
- 07 Friends - Live is life
- 08 Im Koffer der... - Scissor Sisters
- 09 Auf Reisen mit... - Ladyhawke
- 10 Hot Chip - Auf dem Laufsteg
- ... mehr
INTRO-TV
- » ESC 2011: Unsere Favoriten...
- » SXSW / South By Southwest 2011...
- » In Bed With Kreator - Videobl...
- » So wars bei der Gamescom - In...




