Justice
Krawall klingt anders
12.10.2011, 12:52, Text:
Sebastian Ingenhoff, Foto: Kate Bellm
Mit ihrer Coverversion des Simian-Hits »We Are Your Friends«, eingereicht bei einem Remix-Wettbewerb, sind Gaspard Augé und Xavier de Rosnay 2007 schlagartig bekannt geworden. Das darauf folgende Debütalbum »†« hievte die brachiale Rockdisco auf den Hypezenit. Sebastian Ingenhoff traf anlässlich des neuen Albums »Audio Video Disco« zwei Franzosen, die ihren Frieden mit den Krawallen gemacht haben.
Vier Jahre ist es her, seit Justice mit ihrem Debütalbum »†« all die großen Rockgesten, die Techno eigentlich begraben wissen wollte, mit viel Stilsicherheit, Filter und Effekt in die Clubs trugen. Eine lange Zeit. Doch seitdem hat es keine wirkliche Atempause gegeben. Justice verbreiten die Idee von Clubmusik als permanentem Orgasmus durch unermüdliches Touren in der ganzen Welt. Nebenher provozierten die Franzosen durch ihre Zusammenarbeit mit Regisseur Romain Gavras zum Video »Stress« noch ein kleines Skandälchen, Gaspard Augé arbeitete mit Mr. Oizo am Soundtrack zu dessen B-Movie-Hommage »Rubber«, und Xavier de Rosnay produzierte das Debütalbum von Jamaica.
Auf dem Nachfolger mit dem flapsigen Titel »Audio Video Disco« treten die beiden nun aufs Bremspedal und servieren statt brüllendem In-yer-face-Theater ein Album, das vom Geist des Siebzigerjahre-Prog-Rock geprägt ist. Doch auch wenn Gaspard Augé und Xavier de Rosnay im aktuellen Video zum Titelstück in klassischer Bandmanier an Gitarre und Schlagzeug zu sehen sind, ist die Herangehensweise immer noch die gleiche: Gearbeitet wird ausschließlich mit elektronischem Equipment. Anders ginge es eben nicht, dafür seien sie zu schlechte Musiker, grinst Xavier im Hamburger Büro seiner Plattenfirma. Sofern sie überhaupt Musiker seien, ergänzt Gaspard und rollt seine Zigarette zwischen den Fingern, die während des Interviews unangezündet bleiben wird. Denn in den Räumlichkeiten herrscht Rauchverbot, und man halte sich eben an die Regeln. Von wegen rebellischer Rockstargestus. Die beiden Franzosen sind zurückhaltend und höflich, von Stress keine Spur. Wie sich auch im Gespräch zeigt.
»Audio Video Disco« ist auf den ersten Blick etwas weniger krawallig als der Vorgänger »†«. Inwieweit hat sich eure Produktionsweise in den letzten Jahren verändert?
X: Ich glaube, vom Grundsatz her hat sich gar nicht so viel getan. Unsere Stücke behandeln ja relativ simple Themen und evozieren eben bestimmte Gefühle. Wir schreiben keine besonders tiefgründigen Songs, aber es geht trotzdem um Emotionen. Manche sind happy, manche traurig, bei einigen anderen hat man wiederum das Gefühl, man befände sich gerade in einer Prügelei. Die Produktion ist diesmal vielleicht etwas trockener und softer, nicht mehr ganz so überladen mit Effekten. »†« war etwas urbaner und ein Album für die Nacht. Funktionale Musik für den Club. »Audio Video Disco« kann man sich dagegen auch tagsüber im Auto anhören, wenn man übers Land fährt.
Das Album ist in dem Sinne etwas rockiger, als dass es offenkundige Referenzen an Bands wie Yes oder Led Zeppelin gibt.
X: Das liegt aber daran, dass diese Bands immer schon außerordentlich wichtig für uns waren. Wir haben vielleicht neue Wege gefunden, diese Einflüsse sichtbar zu machen. Die Rezeption ist aber sehr interessant, denn als »†« damals erschienen ist, wurde es von vielen Leuten ja als die Heavy-Metal-Version von Techno wahrgenommen. Mittlerweile nennen es die Leute unser »Discoalbum«, wohingegen wir jetzt angeblich unsere Rockphase eingeläutet haben.
Einige Stücke auf dem Album sind sehr langsam. Eine Entwicklung, die man in der elektronischen Musik über Genres wie »Chillwave« oder »Cosmic Disco« seit Längerem beobachten kann.
G: Langsame Stücke haben eine eigene Intensität, sie fordern die Tänzer eben ganz anders. Man muss nicht immer Gas geben, um Euphorie erzeugen zu können. Wir mögen Discomusik, die emotional ist und auch melancholische Seiten hat, gerade viele der alten Sachen aus den Siebzigern haben ja diese Doppeldeutigkeit. Auch in der Rockmusik gibt es unglaublich langsame Sachen, die gerade dadurch eine gewisse Heaviness entwickeln. Nimm T.Rex zum Beispiel, diese schweren Gitarren. Das vermittelt fast etwas Leidendes, ist aber trotzdem extrem tanzbare Musik.
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