Florence And The Machine
Jede Musik ist irrational
12.10.2011, 12:13, Text:
Mario Lasar
Anlässlich der Veröffentlichung des zweiten Florence+The-Machine-Albums »Ceremonials« traf Mario Lasar Sängerin Florence Welch in London, um mit ihr über ihre Lieblingsthemen Liebe, Verlangen und Tod zu sprechen. Dabei verschwieg er, dass ihn die neue Platte an Kate Bush erinnert.
Als Florence Welch mich zum Interview empfängt, trägt sie ein weißes Spitzenkleid, das sich farblich mit ihrem kultiviert blassen Teint deckt. Ihren Anblick nicht ätherisch zu nennen erfordert viel Fantasie. Dieser Eindruck wird allerdings zugleich entkräftet, als sie mich mit einem festen Händedruck begrüßt. Soeben hat ihre Band Florence + The Machine das zweite Album »Ceremonials« veröffentlicht. »Lungs«, das Debüt, war vor zwei Jahren der Überraschungserfolg der Saison und verweilte über Wochen in den Top Ten der britischen Charts. Dabei ist Florence Welch der Popstarberuf nicht gerade in die Wiege gelegt worden. Ihre Familie hat einen akademischen Hintergrund, und insbesondere die Mutter hofft immer noch, dass ihre abtrünnige Tochter irgendwann den Weg zurück zur Uni finde. Was gar nicht so unwahrscheinlich ist – Welch sagt, sie könne sich ein Studium englischer Literatur durchaus vorstellen, aber erst in ein paar Jahren.
Aber ist denn Musik nicht das Gegenteil von Wissenschaft, wie es Jean-Luc Godards schöner Ausspruch besagt, dass jede Musik irrational sei? Ein herrliches Zitat, findet Florence Welch und stimmt zu: »Da ist was dran, denn Musik basiert ja auf Instinkten und Gefühlen, die irrational sind. Ich halte mich nicht für die rationalste Person. Es kommt eher selten vor, dass ich Situationen analysiere.«
Ihr Zugang zum Gesang wird auch beeinflusst von ihrer mangelhaft ausgebildeten analytischen Begabung: »Als Kind schon konnte ich mir keine Daten oder Namen merken und war immer schlecht in Mathematik. Aber ich hatte nie Probleme, Musik zu speichern. Wenn ich ein Lied im Radio hörte, konnte ich sofort den Text auswendig. Irgendwann fühlte ich mich selbst wie ein Radio, weil ich ständig einen Song in meinem Kopf hörte, der zu den unpassendsten Gelegenheiten aus mir heraus musste«, berichtet sie lachend. Als es darum ging, Textmotive für das Album zu sammeln, schwebte ihr zunächst die Idee vor, Begriffe aus der Naturwissenschaft als Metaphern für emotionale Zuneigung zu verwenden. Letztlich sei von diesem Vorhaben lediglich das Stück »Spectrum« geblieben, das von der Farbenlehre inspiriert wurde. Der Songtext beschreibe die Entwicklung des Menschen von farbloser, amorpher Masse (»no colours, no skin«), die in Gelee treibe, zu farbenprächtigen Wesen. Der Großteil des Albums basiert aber auf allgemeingültigeren Themen, die ihren festen Platz im Innenleben der Sängerin haben. Nicht von ungefähr ruft Florence Welch in ihren Texten gern allgegenwärtige, aber dennoch abstrakte Begriffe wie »light«, »mind« oder »colour« auf. Das seien Wörter, die sie zur Musik assoziiere, gibt sie zu verstehen: »Die Texte drücken auf einer Wortebene aus, was Akkordfolgen oder Rhythmen auf der musikalischen Ebene vermitteln. Am Anfang improvisiere ich zur Musik oft Fantasiewörter. Danach versuche ich, bestimmte Vokale oder Konsonantenabfolgen herauszuhören, und forme daraus letztlich wirkliche Wörter.« Welch spricht im Interview und ihren Songs außerdem viel von Liebe, Verlangen und Tod. Dazu passt, dass es in ihren Texten meistens dunkel ist, aber natürlich besteht Hoffnung, denn »it’s always darkest before the dawn« (»Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten«, sangen schon Ton Steine Scherben), wie es in der ersten Singleauskopplung »Shake It Out« heißt.
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