I Break Horses
Der letzte Pulsschlag
10.10.2011, 12:31, Text:
Martin Riemann, Foto: Kai von Rabenau
Angst ist in den meisten Lebenslagen nicht der beste Berater. Anders in der Kunst: Hier liefern Phobie, Schock und Panik regelmäßig Topergebnisse. Wie bei I Break Horses, deren lärmig-süßes Debüt sich komplett auf Furcht gründet. Mastermind Maria Lindén erklärte Martin Riemann, was sie an ihrem eigenen Herzschlag so erschreckend findet.
Es fing an, als sie acht war. Beim Sportunterricht. Die Klasse musste Runden laufen. Dann wurde der Reihe nach vom Lehrer der Puls jedes Einzelnen überprüft. Als er Maria Lindéns Handgelenk ergriff, spürte sie, wie ihr Puls heftig gegen seinen kalten Daumen hämmerte, ohne dass sie auch nur den geringsten Einfluss darauf hatte. Dieses Pochen in ihrem Körper beunruhigte sie zutiefst; und dass ein Fremder sich herausnahm, zu beurteilen, was in ihrem Körper vorging, empfand sie als Zumutung. Es war nicht auszuhalten: Sie fiel sofort in Ohnmacht. Es folgte eine zermürbende Besessenheit vom eigenen Pulsgeräusch – bei der es galt, jegliche Wahrnehmung der eigenen Herzfunktion zu verhindern. Sonst hatte sie das Gefühl, in ihrem Körper arbeite eine Maschine, etwas Fremdes, das möglicherweise genauso ungefragt, wie es seine Arbeit verrichtete, auch von einer Sekunde auf die andere damit aufhören würde. Schlafen konnte Lindén nur mit einem ausgeklügelten Schalldämpfungskokon aus Kissen und Decken. Aber wenn sie lange genug horchte, konnte sie ihn natürlich trotzdem hören. Den Herzschlag.
Krank vor Angst
Den Herzschlag kann man auch auf dem Debütalbum der Schwedin zwischen Bergen verträumter Soundwände pochen hören. Und zwar im Titeltrack, der selbstverständlich »Hearts« heißt. Ein Song namens »Pulse« findet sich ebenfalls auf dem Album. Und warum trägt einer den verheißungsvollen Titel »Cancer«? Ach ja, natürlich, Lindén leidet nicht nur unter Pulsphobie, sie ist auch noch ausgeprägte Hypochonderin. Eine Neigung, die sie übrigens mit ihrem Bandkollegen Fredrik Balck teilt. Eigentlich suchte Lindén für die Aufnahmen der größtenteils fertigen Songs nur einen Drummer, mit Balck fand sie aber einen Menschen, der ihrer Leidenschaft für lebensgefährliche Krankheiten ebenfalls mit Begeisterung nachging. Angeblich kannten die beiden sich unabhängig von ihrer Musikerkarriere vorher schon aus medizinischen Internetforen. Im World Wide Web findet schließlich jeder eine Krankheit, die zu ihm passt. Als zusätzlichen Skill brachte der neue Mann noch einen abgeschlossenen Kurs in kreativem Schreiben mit ins Boot und war so maßgeblich an den Songtexten beteiligt, denn die hatten bis dahin lediglich aus einem leisen Summen als Platzhalter bestanden. So konnte das Album, an dessen Schichten von Synthie- und Gitarrenlärm Lindén bereits seit vier Jahre alleine in ihrem Schlafzimmer rumgebastelt hatte, auch erheblich schneller fertig werden. »Wir waren gerade beide von allen möglichen Körperfunktionen besessen, als wir die Texte schrieben, nur konnte Fredrik diese Dinge viel besser auf den Punkt bringen als ich. Ohne ihn hätte ich wegen der Texte wahrscheinlich noch drei Jahre länger gebraucht«, sagt Lindén kichernd. Sie lacht sowieso gerne, vor allem über ihre ernsten Probleme, mit denen sie, seitdem das Album fertig ist, auch etwas besser klarkommt. Lindén, dunkelhaarig, leicht hohlwangig, extrem lange Wimpern, macht sowieso entgegen all der Krankheitsgeschichten einen eher lebendigen, ausgeglichenen Eindruck. Während der Arbeit war sie allerdings ein nervöses Wrack, erzählt sie, das es in keinem professionellen Studio lange ausgehalten habe, zu sehr war sie mit plötzlichem Herzstillstand und zahlreichen anderen Todesarten beschäftigt.
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