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Björk

Ein Haus aus den Knochen von Mutter Natur

10.10.2011, 11:50, Text: Sebastian Ingenhoff

Björks achtes Album »Biophilia« ist ein multimediales Spektakel zwischen Musik, Show und digitaler Technik geworden. Ebenso wichtig wie die Songs sind die anachronistisch-futuristischen Instrumente und die flankierenden Multimedia-Apps zum Album. Sebastian Ingenhoff erforscht die esoterischen Galaxien von »Biophilia«.

Alle reden wieder über Björk. Die Isländerin habe mit ihrem achten Album nicht nur das Albumformat, sondern auch den Begriff »virales Marketing« neu definiert, heißt es beispielsweise im britischen Wired-Magazin. Die Geschichte zu »Biophilia« fing an mit ein paar Videoclips, in denen obskure Naturphänomene zu sehen waren, die für die einzelnen Songs Pate stehen. Ausgerechnet ein Song namens »Virus« trieb als einer der ersten Vorboten seine Blüten im Netz. Und zwar nicht in Form irgendwelcher Snippets, sondern eines YouTube-Videos über die sogenannte Zombieschnecke, die als Inspirationsquelle für das Stück diente.


Das Phänomen des Untoten beschränkt sich also nicht auf die Leinwand, sondern hat längst ins Reale rübergemacht: Als Zombieschnecken bezeichnet man von einem seltsamen Virus befallene Schnecken, deren Gehirn von dem Eindringling fremd gesteuert wird. Das Virus entwickelt die perfidesten Strategien, um weitere Lebewesen affizieren zu können. Und vom Tier zum Menschen ist es bekanntermaßen nur ein Katzensprung. Man hat es immer schon geahnt: Die Filme George A. Romeros sind alles andere als Fantasiekonstrukte. In dem Song »Virus« modelt die Isländerin die Geschichte zur Lovestory um. Hier wird der Eindringling zum Liebhaber der befallenen Zelle: »I feast inside you, my host is you / The perfect match, you and I / You fail to resist / My crystalline charm.« Die emotional überwältigte Zelle wird gnadenlos ausgelöscht – Liebe ist eben kälter als der Tod. »Love feels like a great misfortune, a monstrous parasite, a permanent state of emergency that ruins all small pleasures«, hieß es schon beim slowenischen Popphilosophen Slavoj Žižek. Die Revolution erfolgt in kleinen Schritten »Biophilia« bedeutet so viel wie »die Liebe zu allem Lebenden«.

Die Stücke des Albums widmen sich naturwissenschaftlichen Phänomenen wie der Sonnenwende, dem Blitzstrahl oder dem Kristallwachstum. Musikalisch, visuell, marketingtechnisch und in jeder anderen Hinsicht auch soll alles möglichst innovativ umgesetzt werden. Die Isländerin habe mit dem App-Album sogar ein völlig neues musikalisches Format geschaffen, schrieb das Magazin The Wired. Für diese Apps arbeite Björk mit bekannten Multimediakünstlern wie Max Weisel oder Scott Snibbe zusammen. Natürlich war der kalifornische Apple-Konzern sofort Feuer und Flamme, als Björk erklärte, sie habe erste Songskizzen mit dem iPad komponiert und halte das Tablet-System für die wichtigste technische Errungenschaft der letzten Jahre. Trotzdem wird das Album auch in den klassischen Formaten erhältlich sein, denn noch nennt nicht jeder eins der leuchtenden Schneidebretter sein Eigen. Um die Gemüter ihrer Plattenfirma zu beruhigen, hat Björk angekündigt, die Zusammenarbeit auch in Zukunft fortführen zu wollen. Kein Grund also zur Aufregung, die Revolution erfolgt in kleinen Schritten. Wenig Grund zur Aufregung bieten leider auch die bisher erhältlichen »Biophilia«-Apps, die alles andere als spektakulär sind. Die App zu »Virus« besteht aus einem Spiel, in dessen Verlauf man eine Zelle vor dem Virusbefall retten soll. Man kann den Song per Handbewegung beschleunigen, verlangsamen oder anhalten, natürlich untermalt von visuellen Effekten. Gewinnt man das Spiel, stoppt der Song. Das Virus muss also siegen, um den vollen Hörgenuss erfahren zu können. Dazu gibt es den Songtext, ein Video und noch ein paar Backgroundinfos. Nach drei Minuten legt man das Ding wieder aus der Hand. In den folgenden Apps, die erst peu à peu auf den Markt kommen werden, soll der Hörer jedoch die Möglichkeit bekommen, den jeweiligen Song live zu remixen; andere Apps wiederum stellen die virtuelle Entsprechung der eigens für das Album gebauten Instrumente dar. Der Konsument ist also nicht mehr die passive Couchkartoffel, sondern wird zum aktiven Prosumenten, der die multimedialen Galaxien mit seinen eigenen Händen verändern und intensiv erleben kann. Wie genau das aussehen wird, bleibt abzuwarten.


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aus Intro #197 (November 2011)
 
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