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Apparat

Im Zweifel für den Teufel

01.09.2011, 15:40, Text: Sebastian Ingenhoff, Foto: Tobias Vollmer

Das neue Apparat-Album »The Devil's Walk« ist eine Hommage an den Romantiker Percy Bysshe Shelley. Apparat alias Sascha Ring hat damit die sich seit Längerem andeutende Entwicklung vom Elektronikmusiker zum Songwriter abgeschlossen. Doch die Arbeiten an dem epischen Werk waren alles andere als ein Spaziergang. Sebastian Ingenhoff erfuhr von so manchen Quälereien.

In der Kölner Philharmonie darf weder getrunken noch gegessen werden. Sprechen ist während der musikalischen Darbietung natürlich auch untersagt. Die Raumakustik in dem kreisförmigen Hochkulturpalast soll durch nichts gestört werden, weshalb der sich oberhalb des Konzertsaals befindende Heinrich-Böll-Platz während der Aufführungen sogar abgesperrt wird. Damit weder rollende Skateboards noch klackernde Absätze den Spaß an der ernsten Musik kaputt machen. Aufpasser in orangefarbenen Westen müssen das Areal um den Platz bewachen und die Passanten mit dem Vermerk umleiten, dass unten gerade gefiedelt werde.


Inwieweit der Aufwand den Protagonisten des heutigen Abends zu begeistern vermag, sei dahingestellt. Der wusste Störgeräusche bisher nämlich bravourös in seine Arbeiten zu integrieren. Das von Sascha Ring alias Apparat vor gut einem Jahrzehnt mit gegründete Label hört folgerichtig auf den Namen Shitkatapult – Krach und Dissonanzen sind bei der Berliner Technofirma eher Teil der Lösung und stellen selten ein Problem dar. Doch in den letzten zehn Jahren hat sich viel getan. Die musikalische Entwicklung von Apparat ging eigentlich nur noch in eine Richtung – weg aus der Technoecke, wie er sagt. Zwar ist er mit allen Beteiligten nach wie vor gut befreundet, doch aus dem Tagesgeschäft des Labels hat er sich längst zurückgezogen, und als »Elektroniktüftler« mag er auch nicht mehr etikettiert werden. Bereits im April postete Ring auf Facebook: »Goodbye Apparat-Rave – Hello Apparat-Band! Played my last raveshow for a very long time yesterday. It was fun but I'm really looking forward to explore new territory. I was starting to get a little bored with myself.«
 
Bitterkeit und heiße Tränen

»The Devil's Walk« ist ein orchestrales Bombastwerk geworden, das auf Gesang und akustische Klangerzeuger setzt und auf Daniel Millers wieder gegründetem Label Mute erscheint. Den Computer will Ring in absehbarer Zeit sogar ganz aus dem Studio verbannt haben. Damit steht er derzeit nicht alleine da. Den Verheißungen der digitalen Techniken zum Trotz scheint bei vielen Elektronikproduzenten eine Rückbesinnung auf klassische Instrumente stattzufinden. Man denke an Projekte wie Brandt Brauer Frick oder das aktuelle Album von Ada. Mouse On Mars haben ein ganzes Orchesterwerk komponiert, welches computergenerierte Klänge korrespondierenden akustischen Instrumenten zuzuordnen versucht.
In Zeiten der Überfülle belangloser Musik angesichts von idiotensicheren Digitaltools seien neue Wege nötig, um sich aus dem Einheitsbrei noch irgendwie herauszuheben, sagt auch Ring. Statt Technoclub heißt es nun also Philharmonie, wo die Apparat-Band im Zuge der c/o pop erste Auszüge aus »The Devil's Walk« präsentiert. Alles steht noch auf wackligen Beinen, bis zum offiziellen Albumrelease sind es fast drei Monate. Das Quartett besteht aus Keyboarder Ben Lauber, Schlagzeuger Jörg Wähner und einem Multiinstrumentalisten namens Nackt, der für Klavier und Bass zuständig ist. Ring selbst spielt Gitarre und singt. Wer von den Partys der letzten Nacht noch zerschossen ist, kann sich jetzt also in die samtrot gepolsterten Sitze schmiegen und in die brachiale, emotional überladene wall of sound eintauchen. Die neuen Songs seien das Düsterste, was er je im Leben geschrieben habe, sagt Ring. Eine notwendige Therapie, gewissermaßen der Rückzug in die Innerlichkeit nach den Moderat-Partys der letzten Jahre. Die Stücke erscheinen wie gemacht für jenen eigenartigen Zustand, den man Seelenkater nennt und der sich häufig nach dem Exzess einstellt. Die Endorphine sind erst mal weg, und der Körper fährt langsam runter. Alles wiegt plötzlich so schwer.

Ring hat die Augen auf der Bühne geschlossen, was manche Konzertbesucher anschließend arg pathetisch finden, und trägt seine tieftraurigen Lieder mit zerbrechlicher Stimme vor. Die sonische Wucht von »The Devil's Walk« kann sich an einem Ort wie diesem mit seiner perfekt ausbalancierten Akustik natürlich optimal entfalten. Der von der Popkritik gerne überstrapazierte Begriff »wall of sound« macht in Bezug auf dieses Album tatsächlich Sinn, die vielen Flächen und Klänge sind jedoch so kunstvoll übereinander geschichtet, dass Atmosphäre und kein Brei entsteht. »Ambientpop« könnte man fast dazu sagen. Der Titel »The Devil's Walk« bezieht sich auf einegesellschaftskritische Ballade des britischen Romantik-Schriftstellers Percy Bysshe Shelley, Gatte der Frankenstein-Erfinderin Mary Shelley. In dem Gedicht flaniert der Teufel in Menschengestalt durch die Straßen Londons und trifft auf die politischen und gesellschaftlichen Oberen des Königreichs, die in Folge wüst von ihm attackiert werden. So ist von einem »brainless king« die Rede, doch auch die Bischöfe, Landlords und überhaupt alle Reichen kommen nicht sonderlich gut weg. Man kann sich vorstellen, dass der Hofstaat darüber 1812 nicht sonderlich amüsiert war. Bis zu den Sex Pistols und »God Save The Queen« sind es wohlgemerkt noch knapp zwei Jahrhunderte hin. Das Stück richtet sich gegen die Plutokratie, Kriegswut und soziale Ungerechtigkeit nach der Verschmelzung der Königreiche Großbritannien und Irland im Jahr 1801. Es zeichnet ein düsteres Bild einer sozial rückständigen Welt. Und ist wohl immer noch aktuell, wenn man mal aus dem Fenster schaut.


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aus Intro #196 (Oktober 2011)
 
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