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Modeselektor

Die Techno-Atzen

01.09.2011, 14:27, Text: arno raffeiner, Foto: Ramon Haindl

Unser Autor Arno Raffeiner stattete Modeselektor anlässlich ihres neuen Albums einen Besuch im Studio ab.

Thom Yorke bemüht mittlerweile Kraftwerk-Vergleiche. Keine Kategorie scheint zu hoch gegriffen, um die Klangvielfalt seiner Freunde von Modeselektor greifbar zu machen. Die fühlen sich geschmeichelt. Mit ihrem dritten Album »Monkeytown« wollen die Berliner Produzenten Gernot Bronsert und Sebastian Szary aber vor allem beweisen, dass sie mit ihrer singulären Stellung im Dance-Zirkus immer noch sie selbst geblieben sind - und sie wollen endlich wieder live spielen. Arno Raffeiner hat sich in ihrem Studio auf die anstehenden Auftritte einstimmen lassen, Ramon Haindl hat sie vor ihrem Label-Büro fotografiert.


Noch hängen die Kabel, fein säuberlich getrennt und geordnet, an der Wand des Modeselektor-Studios in der zwölften Etage eines Hochhauses mitten in Berlin. Hier, hoch über den Dächern der Stadt, wirkt überhaupt alles erstaunlich nüchtern und aufgeräumt. Erster Eindruck: Zufriedenheit, Es-ist-vollbracht-Atmo. Schließlich ist gerade die schwierige, zehn Wochen lange Produktionsphase des dritten Modeselektor-Albums überstanden. Aber es vibriert auch eine gewisse Ungeduld in der Luft. Selbst eine kurze Verschnaufpause im Interview-Marathon nutzen Sebastian Szary und Gernot Bronsert, um sofort die neueste Bassproduktion noch mal abzuhören. Man merkt ihnen diesen Kucktmawiekrass!-Stolz an, wenn der noch unveröffentlichte Track, der eigens für die anstehenden Konzerte produziert wurde, den Raum erfüllt. Es gibt gleich eine ganze Reihe davon. Denn Modeselektor können es kaum erwarten, sich endlich wieder live über ihre Drumcomputer und Synthesizer zu krümmen. Dabei waren sie viel unterwegs in letzter Zeit. Zum Zeitpunkt des Treffens sind sie gerade erst von einer US-Festival-Tour zurückgekommen - »richtig Stadionrock, Zirkus und Kindergarten«, lautet ihr knapper Kommentar. Die Tour haben sie kaum mit eigener Musik bestritten, sondern mit DJ-Sets, aufgefettet von einer Roland-909-Drummachine. So wie bei fast allen Auftritten des letzten Jahres. Davor waren sie erfolgreich mit Moderat unterwegs, ihrem gemeinsamen Projekt mit Apparat. Im Trio mit ihrem alten Freund Sascha Ring konnten beide Acts ungewohntes Terrain erforschen - für Modeselektor hieß das vor allem: die eigene deepe, verschmuste Seite kennenlernen -, neue Hörerschichten erobern und eine weitere Sprosse auf der Karriereleiter nehmen. Was aber in den letzten Jahren viel zu selten ausgelebt wurde, war ihre Live-Dynamik im Duo. Die ist nun endlich wieder an der Reihe. Und dafür brauchen Modelselektor neue Musik. Die Produktion ihres dritten Albums »Monkeytown« habe sie allerdings fast in den Wahnsinn getrieben, erzählen die beiden.

Nach Moderat kam die Leere. Absolute Schreibblockade. Gernot Bronsert, der traditionell den nicht gerade leisen, extrovertierten Wortführer gibt, kam monatelang gar nicht ins Studio, Sebastian Szary, der Ruhepol des Duos, hockte allein vor blanken Arrangements - schlimmer als vor einem weißen Blatt Papier. Das klingt zumindest nach irgendwas, wenn man es wütend zusammenknüllt und in die Ecke pfeffert. Die andauernde Ladehemmung schob man zunächst auf ungünstige Rahmenbedingungen. Modeselektor stellten das Studio mehrmals auf den Kopf, ließen im Eifer der Arbeitsvermeidung den Raum akustisch vermessen, um festzustellen, dass es in einem für die Modeselektor-Bässe grundlegenden, gerade mal 5 Hertz breiten Bereich ein Frequenzloch gab, das eben diese Frequenzen schluckte. Doch selbst, als dieses Problem technisch gelöst war, indem sie jede Menge Glaswolle aus den Absorbern entsorgt hatten, wollte sich der Produktionsflow noch nicht einstellen: Man stopfte, klopfte Beats aus den Geräten, probierte rum. Aber lange Zeit wollte so gar nichts passieren. »Wir konnten keine Musik machen, das war total anstrengend. Wir wussten nicht, was wir wollen«, fasst Bronsert die Lage zusammen. »Da haste nach links und rechts geguckt, und dann haut dir wieder irgend so ein zwölfjähriger Londoner einen Beat um die Ohren, wo du denkst: ›Wah, ist das krass!‹«

Biomarkt-Beats

Schließlich entstand das Album in einer dann doch überraschend kurzen Phase von zehn Wochen. Und zwar, indem man sich zunächst auf die Urzelle konzentrierte: das Duo »Szary und Gernot« - nur um dann zu bemerken, dass zufällig jede Menge befreundeter Musiker den Weg zum fertigen Album kreuzten. Ach, du auch unterwegs nach »Monkeytown«? So ist aus dem geplanten Rückzug die Platte mit den bisher meisten Features entstanden. »Das ist halt so passiert«, heißt es hinterher. Alles selbstverständlich und wie von alleine abgelaufen, meint Bronsert. »Das ist ein natürliches Produkt, kannste im Biomarkt kaufen, die Scheiße.« Zehn Acts sind nun auf den elf Stücken zu Gast, darunter das Antipop Consortium, Apparat, Otto von Schirach oder PVT sowie als einzige Frau in der Liste Ruth-Maria Renner alias Miss Platnum. »Pretentious Friends«, das von Busdriver gerappte Ständchen für das eigene VIP-Adressbuch, ist da auch augenzwinkernde Warnung an sich selbst. Besonders auf einen Namen wird in dieser Liste wohl immer wieder gestarrt, weswegen Modeselektor mehrmals ungefragt auf ihn zu sprechen kommen, auf die genaue Stelle des Studiosofas zeigen, wo er gesessen habe, wie locker es war, mit ihm in dieser und jener Altberliner Kneipe Bierchen zu zwitschern, dass er immer zwanzig Minuten lang im Handstand Yoga-Gesänge anstimme und zugleich Akustikgitarre spiele, bevor er im Studio einen Finger krumm mache, und so weiter. »Er«, das ist »dieser englische, äh, Produzent«, der sich vor beinahe zehn Jahren im deutschen Musikfernsehen als Modeselektor-Fan zu erkennen gab: Thom Yorke.

Inzwischen waren die Jungs mehrmals mit ihm und seiner Band Radiohead auf Tour, haben Remixe für ihn gefertigt und mit ihm aufgenommen. In einem seiner seltenen öffentlichen Statements behauptet Yorke nun, Modeselektor seien schuld daran, dass er so sehr auf aktuelle Dance-Musik stehe und wieder vermehrt auflege. »Ich liebe Modeselektor, weil sie so tief in dieser Sache drin sind, aber immer wieder darüber hinaus gehen. So wie Kraftwerk zu Krautrock-Zeiten. Eine neue Modeselektor-Platte ist ein großes Ereignis für mich! Egal, ob ich selbst mit dabei bin oder nicht. Von Anfang an liebte ich, dass sie nicht todernst und trotzdem verdammte Experten sind. Das verleiht ihrer Musik diese Energie.«

Vor Thom Yorkes Namen steht in der Tracklist von »Monkeytown« nun nicht »featuring«, sondern schlicht ein »&«. Yorke ist damit die Ausnahme in der Gästeliste. Mit ihm wurden nicht nur online Ideen und Musikdateien hin und her geschoben, er hat für die zwei gemeinsamen Stücke auch im Studio über Berlins Dächern gesessen, hat nicht einfach nur gesungen, sondern auch mitproduziert. An der Ghost-Dance-Music von »This« etwa: Seltsam verstümmelte, gänzlich unverständliche Hilferufe dringen aus einem dichten, wabernden Klangnebel. Es klingt ziemlich gespenstisch. Und eigen.


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aus Intro #196 (Oktober 2011)
 
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