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Noel Gallagher

Die neue Bescheidenheit

29.08.2011, 13:34, Text: Thomas Venker

Der Name seines ersten Soloalbums, »Noel Gallagher's High Flying Birds«, lässt noch auf gewohnte Großmäuligkeit schließen. Im Gespräch mit Thomas Venker gibt sich der ehemalige Hauptsongschreiber von Oasis am Tag nach den schlimmsten Ausschreitungen, die England seit Margaret Thatcher gesehen hat, aber überraschend bescheiden. Der Respekt vor den Reaktionen der Fans ist groß, nicht zuletzt, da diese seinem Bruder Liam mit dessen neuer Band Beady Eye einen ziemlichen Flop beschert haben.

Noel, nach den Vorkommnissen der letzten Tage und nachdem letzte Nacht die Ausschreitungen auf deine Heimatstadt Manchester übergesprungen sind: Wie siehst du die aktuellen Ausschreitungen in England?
Es ist eine Zumutung. Mit der französischen Revolution hat das doch nichts zu tun, wenn Vermummte die Läden ausrauben. Diese Kids sind wie Tiere, die nichts Besseres zu tun haben, als alles zu zerstören. Mit Politik hat das nichts zu tun.

Zur Hochzeit des Britpop galtest du als Freund von Tony Blair. Stehst du dem Politikbetrieb noch immer nah?
Ich wäre zwar ein hervorragender Prime Minister, wenn mich jemand fragen würde, aber unserer Politik, egal, ob sie von rechts oder links kommt, geht es ja nicht mehr um die Gesellschaft, sondern um die Wirtschaft. Denn wenn das anders wäre, dann hätten wir nicht solche Idioten auf der Straße, die die letzten drei Tage randaliert haben – und damit meine ich nicht, dass sie bei Geburt getötet, sondern besser ausgebildet worden wären; und sie würden angemessener bestraft. So, wie die Dinge laufen, gibt es keine weiteren Riots, in einem Monat sind sie vergessen und die Leute bald wieder alle frei. Das ist Bullshit.


Vielleicht solltest du doch in die Politik gehen. In Island sitzt seit der Wirtschaftskrise ein Punk als Bürgermeister im Rathaus – und macht das wohl sehr gut.
Ich mache lieber Musik.

Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern – durchaus auch welche mit weniger Erfolg, als du ihn hast – gibst du regelmäßig Interviews. Schätzt du sie gar?
Es ist nicht so, dass ich sie nicht mag. Aber ich frag auch nicht danach. Sie können Spaß machen – für mich und dich. Ich habe viel zu sagen, über vieles.

Deswegen bist du ja auch Künstler geworden. Schätzt du denn das Feedback, das bei den Interviews rüberkommt?
Lass es mich so sagen: Ich lege es in eine Box mit der Markierung »interessant«. Es bedeutet aber nichts. Wenn ich einen Song schreibe und ihn für gut halte, dann ändert es nichts daran, wenn ihn 100.000 Leute nicht gut finden. Aber es ist interessant, was die Leute in den Songs sehen.

Mark E. Smith von The Fall hat eine interessante Meinung, wie das mit deinem Bruder Liam und dir so weitergeht.
Wer? Aha. Da bin ich ja mal gespannt.

Er sieht Liam als Verkäufer von Obdachlosenzeitungen in London rumstehen, während du im Porsche vorbeifährst.
Nun, ich kann noch immer nicht Auto fahren, insofern kann das so nicht kommen. Aber das ist lustig, muss ich zugeben.

Wie fühlt sich das neue Leben allein an? Freier?
Nicht wirklich. Ich habe sehr viel Arbeit zu bewältigen, vor allem, was die Live-Performances betrifft, die Tour. Ansonsten fühle ich mich nicht anders, weder besser noch schlechter, und auch nicht mehr oder weniger speziell. Ich habe das Album gemacht, jetzt geht es weiter, es gilt das Album zu verkaufen.

Es gibt also keine Gedanken, dass du dich schon früher hättest trennen sollen?
Nein, ich wollte nie ein Solokünstler sein, ich will es noch immer nicht. Aber was sollte ich sonst tun? Ich könnte mich zur Ruhe setzen, aber ich würde mich langweilen. Wenn ich schon früher Solosachen hätte machen wollen, dann wäre das auch drin gewesen. Ich habe es immer geliebt, in Oasis zu sein: Ich mochte die Größe der Band, das, was es so vielen Leuten bedeutet. Die Stadionshows. Die Kameradschaft in der Band – wir waren alle im gleichen Alter, kamen aus und lebten in den gleichen Verhältnissen, hatten Kinder. Es fühlte sich alles so leicht an – aber es hat nicht sein sollen. Jetzt machen wir eben unsere eigenen Sachen. Aber ich sitze hier nicht und denke: »Ich zeige der Welt, was bislang gefehlt hat.« So bin ich nicht. Ich mache das, weil ich an die Songs glaube. So einfach ist das.




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aus Intro #196 (Oktober 2011)
 
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