S.C.U.M / Daniel Miller
Das Mute-Label sendet wieder laut
09.08.2011, 13:52, Text:
arno raffeiner, Foto: Matthew Stone
Die Zeichen der Zeit stehen auf Aufbruch für Daniel Miller. 31 Jahre, nachdem er Depeche Mode für Mute Records gesignt hat, gründet er das krisengeschüttelte Label neu. Die Londoner Band S.C.U.M ist einer davon und will Apokalypse und Urknall zugleich vertonen. Arno Raffeiner hat beide Seiten übereinander ausgefragt.
Sie glauben an das Blitzlicht und an zugeknöpfte Hemden in der Sommerhitze. Sie glauben an lange und an halblange Haare, an zeitlose bis altertümliche Style-Signale. Und dieser Nick-Cave'hafte Typ da am Mikrofon glaubt tatsächlich an seinen breitkrempigen schwarzen Hut, den er auch in den bewegtesten Momenten seiner Performance nicht vom Kopf schüttelt. Die Schlagzeugerin glaubt an Bandlogos auf der Bassdrum – S.C.U.M steht in stolzen Versalien an der Stelle, von der die einzige Frau in dieser Band ihre Kicks in den Raum tritt; die Buchstaben stehen für Society For Cutting Up Men, den Titel eines radikalfeministischen Manifests von Valerie Solanas (die es später als die Andy-Warhol-Attentäterin zu zweifelhaftem Weltruhm schaffen sollte) aus dem Jahr 1968, das die Abschaffung aller Träger des verkümmerten Y-Chromosoms sowie generell die Revolution fordert. Im Zeichen dieses Logos fackeln fünf LondonerInnen um die zwanzig ein finsteres Klanggewitter ab.
Bei ihrem Auftritt in Berlin Ende Juni geben sie alles, um ihr Publikum akustisch und optisch zu blenden. Mehrere Blitzlichtmaschinen unter ihren Synthesizern und auf ihren Orange-Verstärkern sind ins Publikum gerichtet. Immer mehr Lampen flashen zum sonischen Gewitter, das die Band losbrechen lässt. Die Speicher der Smartphones im Publikum werden am nächsten Morgen voll sein mit Gegenlichtfotos, auf YouTube werden unzählige Pixelflecken explodieren. Die Uhr im Konzertsaal, einer ehemaligen Kantine, ist starr vor Schreck und zeigt immerzu fünf vor zwölf. Ist denn schon wieder Apokalypse? Diesmal so richtig endgültig?
Der implosive Hedonismus der Kaputten und Ausgezehrten
S.C.U.M sind fasziniert vom Untergang. »Manche unserer Songs klingen wie der Ursprung und das Ende der Zeit zugleich«, erklärt der 19-jährige Samuel Kilcoyne, S.C.U.Ms Keyboarder, der bisher als Initiator der englischen Underage-Szene, einer Bewegung, die explizit nur einem jüngeren Publikum mit Nachmittagsauftritten Bands zugänglich machen will, von sich reden machte. »Wir lieben diesen Gegensatz zwischen Schönheit und totaler Zerstörung.« Kilcoynes Band hat die eigene Abschaffung in ihren Bandnamen eingeschrieben, aber sie wird, wie es sich für Popmusik speziell englischer Provenienz gehört, als der pure Aufbruch beschrieben. Mit dieser Widersprüchlichkeit passen S.C.U.M bestens in eine Zeit, in der bis auf die Margen der Spekulationsgewinnler alles den Bach runtergeht, in der Entertainment häufig komplett humorfrei zu haben ist.
Für den Alltagsexorzismus werden aktuell oft düstere, quasi-sakrale Räume bevorzugt: Wu Lyf etwa rufen mit großem Nachhall zur Vereinigung der gottverlorenen Jugend auf, The Hundred In The Hands singen (zu beinahe ketzerisch beschwingten Beats) von »our times, the end times« und von Teenies, die in den Trümmern des kaputtgebombten Dresden Sex hatten. Es ist dieser implosive Hedonismus der Kaputten und Ausgezehrten, nach dem auch die Musik von S.C.U.M klingt. Die Band erzählt, Daniel Miller, der Gründer von Mute Records, habe es mit der Angst oder zumindest einem wohligen Gänsehautschauer zu tun bekommen, als er sie zum ersten Mal live erlebte.
Dagegen wirken Samuel Kilcoyne und Bradley Baker, wenn man ihnen, umweht von Grillgeruch und sommerabendlicher Entspanntheit, in einem Berliner Biergarten gegenübersitzt, unerwartet fidel. Wie »fucking great« es für sie wäre, gemeinsam mit anderen Mute-Bands zum ersten Mal im Nightliner unterwegs zu sein, erzählen die für Synthesizer und Maschinenpark zuständigen S.C.U.M-Mitglieder. Oder wie »insane« es gewesen sei, sich auf den eigenen Auftritt vorzubereiten, während man von der Bühne nebenan Erasure spielen hörte, wie im Mai beim von Mute veranstalteten Short Circuit Festival in London, mit dem die Plattenfirma ihre Wiederauferstehung offiziell feierte, geschehen.
Die Kontaktaufnahme mit dem Label begann schon vor Jahren, da waren S.C.U.M noch eine rein männliche Teenager-Band. Als die ersten Konzerte im Ausland anstanden, nutzte man die Gelegenheit für Studiobesuche in Warschau, Berlin und Paris, bannte in wenigen Stunden Momentaufnahmen auf Band und brachte sie digital unters Volk: als »Signals« statt als Singles. Das Rohe, Unfertige macht den Reiz der Reihe aus, vielleicht auch das Gefühl, womöglich etwas Großem bei seiner Entwicklung zusehen zu dürfen. Ähnlich beschreibt auch Daniel Miller seine Fan-Werdung: »S.C.U.M habe ich sehr früh gesehen. Sie waren zwar schon eine Band, hatten aber noch nicht wirklich Songs geschrieben, sondern spielten eine Form von purem Krach. Ich habe in den letzten 30 Jahren viele Bands gehört, die so was machen, es gibt verschiedene Qualitäten von purem Krach. Aber das fand ich fantastisch. Es war ein sehr formloses Etwas, aber mit einer Unmenge an Potenzial.«
1978 / 2010
2011 dürfen S.C.U.M behaupten, eines der ersten Signings des altehrwürdigen Labels Mute Records zu sein. Absurderweise stimmt das, obwohl der heute 60-jährige Miller seine erste Platte (die 7-Inch »Warm Leatherette / T.V.O.D.« von The Normal) schon im Jahr 1978 veröffentlichte. Aber Daniel Miller hat Mute Ende 2010 neu gegründet. Nach einer 2002 vollzogenen Integration in den Major EMI ist Miller mit seinem einflussreichen Label erst seit ein paar Monaten wieder Indie. Der Weg zurück in die Unabhängigkeit war steinig, aber Miller hatte nie gezweifelt, dass er ans gewünschte Ziel führen würde: »Es war eine frustrierende Phase. Aber ich wusste, dass wir da durchmussten, um ans andere Ende zu gelangen.«
Seine eigene Firma neu zu gründen kann mit kuriosen Begleiterscheinungen einhergehen. So muss Miller den Namen der Marke, die er selbst erfunden hat, heute von EMI lizenzieren, ebenso den umfangreichen Katalog, der ihm seit dem Zusammenschluss nicht mehr gehört. Vertriebsdeals im Heimatland UK und in den USA binden auch den Neo-Indie Mute weiterhin an das seit Jahren schwerfällig havarierende Schiff EMI, das von einem Investment-Hafen zum nächsten weitergeschleppt wird. Der aktuelle Besitzer, die Citigroup, sucht gerade einen neuen Käufer.
Die wiedererlangte Freiheit sorgt aber auch für andere erstaunliche Phänomene: Innerhalb kürzester Zeit wurden auf Mute so viele neue Acts gesignt wie bis dahin in über 30 Jahren nicht. Aufbruchstimmung eben. Allerdings bremst Miller die Begeisterung selbst und schiebt die neue Hyperaktivität vor allem auf die Rahmenbedingungen. Er habe eben immer weiter nach Acts gesucht, auch wenn er sich am Ende der EMI-Phase rund zwei Jahre lang wie gelähmt gefühlt habe und keine neuen Künstler vertraglich binden wollte.
Das Lenkrad hatte Miller zwar nie ganz aus der Hand gegeben (in »Warm Leatherette« reimte er »Feel the steering wheel« auf »Hear the crushing steel«), aber er fuhr huckepack auf einem größeren Truck mit, anfangs noch mit Begeisterung über die erhöhte Leistung, zunehmend aber außerstande, selbst die Richtung mitzubestimmen. »EMI wollte Mute, weil sie sich etwas anderes innerhalb ihrer Firma wünschten, eine Gruppe von Personen, die Dinge anders anging als der Rest des EMI-Mainstreams. Das fühlte sich gut an. Aber mit dem Verstreichen der Zeit wurde verlangt, dass wir mehr und mehr wie jede andere beliebige EMI-Marke sein sollten. Das hätte Mute nie sein können. Daher ist das jetzt sehr befreiend, aufregend, nervenaufreibend. Wir bringen mehr Platten raus, als ich geplant hatte. Aber das ist okay. Es sind großartige Platten.«
Eine davon ist »Again Into Eyes«, das Debütalbum von S.C.U.M. Samuel Kilcoyne entschuldigt sich, dass er sich bei der Beschreibung von dessen Sound so häufig mit Gebärdensprache behelfe. Die explosionsartige Wucht, die er als Klangideal im Kopf hat, vermag er mit Worten nicht einzufangen. Also schleudert er die Arme von sich, hämmert sich gegen die Rippen. »Ich will etwas erschaffen, das dich – [gestikuliert] – bei dem du nicht weißt, was passiert. Du spürst einen Schlag hier in deiner Brust, kannst dich nicht konzentrieren, da ist einfach diese Wand!« Keine Frage, diese Musik braucht Platz. Dass die Band nach zwei Gigs in einer Kapelle in Shoreditch von manchen auf ein Kirchenbeschaller-Image festgelegt wurde, kommt nicht von ungefähr. Da ist dieses Tonnengewölbe-Echo auf allen Instrumenten, die ins Kolossale strebende Vertikalarchitektur der Songs, der große Wumms mit noch längerem Nachhall – und über allem das etwas pastorale Timbre von Sänger Thomas Cohen, das zu Stücktiteln wie »Faith Unfolds« oder »Requiem« predigt. Mit englischer Gotik als Referenz kann man da kaum falschliegen. Shoe-Goth könnte man witzeln, wenn die Musik nicht geböte, alle Späßchen an der Pforte der Kathedrale abzugeben.
Dieser eine Begriff muss aber mit rein ins Gewölbe: Shoegaze. Kilcoyne und Baker reagieren darauf ziemlich genau so wie Daniel Miller auf das Stichwort Retro (siehe Interview-Kasten): nicht gerade allergisch, aber betont desinteressiert. Dabei hätten sie es leicht – »Wir benutzen ja kaum Gitarren«, könnten sie sagen. Auf der Bühne bemühen sie nur bei ein, zwei Songs die umgeschnallte Feedback-Schleuder und klotzen trotzdem eine massive Klangwand hin. Gerade Kilcoyne und Baker haben dabei Batterien von Effekttretminen vor ihren Korgs und Moogs auf dem Boden liegen. Sie heben kaum den Blick, um in die geblendeten Augen des Publikums zu schauen, starren hinab auf Keyboards und Pedale. Auf die offensichtlichen Verbindungslinien angesprochen, kontert Bradley Baker geschickt, indem er diese einfach noch weiter in die Vergangenheit zieht: »Man sagt immer, dass die 90er-Szene vollgesogen war von 60s-Psychedelia. Darauf stehe ich irgendwie. Aber ich würde nie etwas nachstellen wollen, das schon mal da war.« Und Kilcoyne ergänzt: »Wir spielen unsere Instrumente so, wie wir uns fühlen. Wie Musiker mit Aggression, mit Ungestüm, Hunger. Solche Bands hörten wir, und wir dachten: ›Zur Hölle, so werden wir auch spielen!‹«
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