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Neue Bands fürs Jetzt

Tannhäuser Sterben & Das Tod

29.07.2011, 16:43, Text: Felix Klopotek

Thomas Mahmoud zerlegte im letzten Jahrzehnt mit der Band Von Spar den musikalischen Zeitgeist der Post-Wave-Disco. Bei Tannhäuser Sterben & Das Tod hält er sich mit solchen Kinkerlitzchen nicht mehr auf. Er produziert mit Gerald Mandl (Mediengruppe Telekommander) Wahn, Verstörung, Avantgarde und die ewige Sexiness von Anti.

Wäre »Eigengift«, die erste LP (ausschließlich Vinyl!) des Berliner Duos Tannhäuser Sterben & Das Tod, ein Film, man wäre fasziniert von asynchron montierten Ton- und Bild-Spuren. Über dem Betrachter würde ein Bildersturm hereinstürzen, der vom Überleben in der Großstadt, von Widerstand als Coolness, von Glamour und Scheitern erzählt und der diese Erzählung nicht kontinuierlich entwickelt, sondern als Schichtung von Farben und Story-Fragmenten, als Montage aus Brüchen und harten Schnitten.Trotz dieser Komplexität handelt es sich hier aber eben nicht um einen Film, sondern immer noch um: Musik. Musik, die Grenzen sprengt, Postrock im vielleicht wortwörtlichsten Sinn: Stellen wir uns einen Zeitpunkt x nach nicht weniger als der Apokalypse vor. Aus den kaum noch dechiffrierbaren Resten früherer popmusikalischer und jugendkultureller, nun ja, Errungenschaften rekonstruieren zwei S-Bahn-Surfer verblichene Gefühle und vergessene Aufstände. Fahren denn überhaupt noch S-Bahnen in Berlin? Streichen wir das.

Aus der Vielzahl der Projekte, die Thomas Mahmoud seit seinem Ausstieg bei Von Spar vor vier Jahren verfolgt, hat sich Tannhäuser Sterben & Das Tod als das beständigste, ausgereifteste erwiesen. Seit 2008 gibt es kleinere Online-, DVD- und Kassetten(!)-Editionen, neben Mahmoud ist hier Gerald Mandl (Mediengruppe Telekommander) federführend.

Oberflächlich kann man Tannhäuser Sterben & Das Tod in der Nachfolge von Von Spars zweitem, immer noch atemberaubendem Grind-Kraut-Disco-Ruinen-Album »Xaxapoya / Dead Voices In The Temple Of Error« verorten. »Eigengift« besticht aber vor allem durch hypersensible Zeitgenossenschaft, es ist gegenwärtige Musik: unübersichtlich, zerfranst, aber im nächsten Moment schon wieder laut aufstampfend. Mindestens so experimentell wie eingängig rockend. Mandl und Mahmoud orientieren sich durchaus an dem, was (in Berlin) hip ist: ihren früheren Projekten, den Liars, den ewig jungen Einstürzenden Neubauten, einer Clubszene jenseits von Techno- und Indie-Disco. Tannhäuser Sterben & Das Tod bleiben aber nicht stehen, sondern pushen ihr musikalisches Material gnadenlos nach vorne. Und als roter Faden: Mahmouds hochgejazzte Stimme – atemlos, aufgewühlt, supernervös. Die Pointe besteht darin, dass sich hier keiner authentisch in Pathoskrämpfen windet, sondern Gesang und das grelle Electrogeflirre drum herum vielmehr cool-abgefuckt inszeniert erscheinen.

Anfang und Ende der Stücke scheinen willkürlich gesetzt, was für angenehm verwirrende Unübersichtlichkeit sorgt. Dass nach 35 Minuten dieses Fest der Selbstvergiftung schon vorüber ist, fällt gar nicht auf. Chaotisch ist hier nichts, man hat den Eindruck, Mahmoud und Mandl wüssten schon, was als Nächstes kommt. Und machen dann trotzdem etwas ganz anderes.


Diese Bands sind nun überflüssig: Anal Cunt, Einstürzende Neubauten

Hört man am besten: In Lebenskrisen, auf die man total Bock hat.


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aus Intro #195 (September 2011)
 
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---HIGHHOLYDISCOMASS comes to town--- Dass Punk und Disco weit mehr verbindet, als nur der Zeitpunkt ihres Entstehens, steht außer Frage. Wem Punk mehr bedeutet als tote Hose und für wen Disco alles andere als ein Schimpfwort ist, der weiß um die Schnittmenge dieser beiden Musikstile, die gleichzeitig beide auch Lebensgefühl waren und sind. Wunderbar beschrieben hat das gerade der englische „NME“ in einer Rezension zu Gossips neuem Album „Music for Men“. “Teenage Jesus and the Jerks crashing Studio 54“, so der Rezensent, vor dessen geistigem Auge beim Genuss von „Music for Men“ die genialen New Yorker No Wave-Dilettanten die wohl bekannteste Disco der Welt aufmischen. Und auch Gossips dralle Gallionsfigur Beth Ditto selbst, eine Punk-Ikone des 21. Jahrhunderts, bringt es auf den Punkt sprich auf die Tanzfläche, wenn sie „For Keeps“ so erklärt: „I wanted it to be the ‚Don’t You Want Me’ of this record“. „Don’t You Want Me“ war bekanntlich der größte Dancefloor-Filler der Electro-Pioniere Human League. Auch Arte erinnert sich gerade an die Zeit, als „Don’t You Want Me’ aus jeden Punkschuppen schallte und zu Nummer 25 der meistverkauften Singles aller Zeiten im UK wurde. So propagiert der TV-Sender den „Summer of the 80s“ und unternimmt eine Zeitreise in das Jahrzehnt, das uns Joy Division und New Order bescherte, Style Council und Prince, Duran Duran und Chic. Grund genug für „HighHolyDiscoMass“. „HighHolyDiscoMass“ (übrigens ein Songtitel der ebenso wie Human League aus Sheffield stammenden Industrial-Avantgardisten Clock DVA) bittet nun mit Bands wie Cabaret Voltaire, Heaven 17, Shriekback, 400 Blows oder Gang of Four (just to name a few) einerseits die Creme de la Creme der 80er Jahre und der damaligen Post-Punk-Ära zum Tanz und schlägt andererseits mit neuen Helden wie Junior Boys, MGMT, Hercules and Love Affair oder White Lies (again just to name a few) die Brücke auf den Tanzboden des dritten Jahrtausends. Da bleibt dann mit David Bowie nur noch eins zu sagen: „Let’s dance!“

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