»Dann hat er unser ganzes Bier ausgetrunken«
Wir hören Musik. Vorspiel mit The Rapture
27.07.2011, 12:57, Text:
Martin Riemann, Foto: Marc Trompetter
The Rapture gehörten Anfang der Nullerjahre zu jenen Bands, die Postpunk zur Tanzmusik erklärten. Auf dem aktuellen Album erweitern sie ihren Ansatz nun noch mal – und rammen so ziemlich jedes Genre außer Tejano. Grund genug, den dreien völlig unterschiedliche Songs vorzuspielen...
Sun Ra & The Cosmic Rays »Daddy’s Gonna Tell You No Lie«
Gabriel: [sofort] Sun Ra! Sun Ra!
Luke: Hat er nicht mal eine »Batman«-Platte aufgenommen?
Gabriel: Er und sein Orchester lebten in einem Haus zusammen. Das war eher wie ein Kult, und es gibt diese Geschichten darüber, dass, wenn einer Mist baute, er in der Ecke stehen musste oder in einen Schrank gesperrt wurde. Und alle hatten zölibatär zu leben.
Vito: Stimmt, es gab ein Zölibat!
Gabriel: Aber er kam aus dem Weltraum, und er war großartig, ich liebe Sun-Ra-Platten. Auch dieses Stück. Ich mag Doo Wop sowieso gerne. Wir haben viel Doo Wop gehört, als wir das neue Album aufnahmen.
Lil Wayne »Fireman«
Gabriel: Nicht gerade sein bestes Stück.
Vito: Das Tolle an HipHop ist, wie gut man ihn regional verorten kann. Grade diesen Southern-Style. Ich mag Manny Fresh, er hat viel für Lil Wayne produziert, aber nicht diesen Song. Früher haben wir uns viel mit dieser Musik beschäftigt. T.I. hat ein paar großartige Sachen gemacht zu dieser Zeit.
Gabriel: T.I. war eines meiner heimlichen Vergnügen.
Vito: Seine Rhythmen waren echt cool.
Happy Mondays »Kinky Afro«
Gabriel: [summt die Gitarre mit]
Luke: Ein Klassiker.
Vito: Das hat uns wirklich beeinflusst, als wir »Echoes« aufnahmen. »Echoes« zitierte zwar viele Postpunkbands, aber als wir es machten, hörten wir Sachen wie Happy Mondays oder Stone Roses. Als wir das erste Mal in Glastonbury spielten, lud unser Label Bez von den Mondays ein, mit uns zu spielen. Der verlangte sofort einen bezahlten Fahrer, sehr verantwortungsbewusst. Sie fuhren also den ganzen Tag zum Festival und parkten dann quasi direkt vor der Bühne. Als sie ausstiegen, war der Chauffeur wesentlich zugeknallter als Bez. Der hielt uns sofort einen ganzen Sack voll MDMA unter die Nase.
Gabriel: Dann hat er unser ganzes Bier ausgetrunken.
Vito: Dann gab er uns eine Glastonbury-Tour und kam später bei unserem Song »House Of Jealous Lovers« auf die Bühne und spielte einfach mit. Ich konnte ihn allerdings die meiste Zeit nicht verstehen. Es gibt ein großartiges Buch über die Happy Mondays, wie heißt es noch ...?
Gabriel: »Freaky Dancin’«.
Vito: Genau. Das muss man jedem empfehlen!
Black Devil Disco Club »Timing, Forget The Timing«
Vito: Ich kenne diesen Song. Wir kommen selbst von Disco und House – das sind viel mehr unsere Basis als das Postpunk-Zeug.
Luke: Postpunk war für viele Punk-Kids so etwas wie die Schnittstelle zu Dancemusic. Public Image Ltd und so was. Aber um sich die ganze Bandbreite drauf zu schaffen, muss man sich einfach mit Dancemusic auseinandersetzen.
Vito: Wir mögen zwar wie eine Postpunkband klingen, aber unser Ansatz ist eher, dass wir eine Punkband sind, die Dancemusic liebt. Das ergab bislang unser Sound. Eine erweiterte Version von Chicago House mit den Mitteln, die uns zur Verfügung standen.
Luke: Ich denke, das Attraktive an »House Of Jealous Lovers« war, dass wir gar nicht so gut spielen konnten. Es ist irgendwie naiv. Heute sind wir viel versierter und benutzen Drum Machines und Synthesizer. Wir spielen jetzt nicht mehr einfach Disco wie Punks.
Vito: Ja, das kann man auch bei LCD Soundsystem beobachten. Manche Bands werden allerdings zu slick, und dann wird’s gefährlich. Wir haben noch Spielraum, wir können’s noch mehr ausreizen.
Gabriel: Wir versuchen uns immer noch einen kindlich-naiven Ansatz zu bewahren – allein, damit es spannend bleibt. Dieser Song hier ist auch naiv, er ist nicht produziert wie ein üblicher Discotrack. Dadurch klingt er immer noch so frisch.
New Order »Ecstasy«
Vito: Ich liebe New Order. Diese Band war für mich sehr wichtig als Zuweg zu Postpunk. Zuerst habe ich Joy Division gehört, weil das mehr Sinn für mich ergab. Aber dann fing ich mit New Order an.
Luke: Klar, Joy Division sind legendärer, weil da auf gewisse Weise alles stimmte, aber ich finde, New Order haben einen viel bedeutenderen Einfluss, auch wenn man ihnen diesen selten in dem Maße zugestand.
Vito: Musikalisch und stilistisch stimmten Joy Division vollkommen mit unserer damaligen Szene überein, also der kalifornischen Post-Hardcore-Szene um Gravity Records und solches Zeug. New Order galten damals als zu links, etwas zu »dancy« und zu fröhlich. Man kann sagen, dass New Order damals in etwa die Foo Fighters waren, mit Joy Division als Nirvana.
Gabriel: Total! New Order hatten viele Facetten. Sie waren fröhlich, aber gleichzeitig düster. Sie haben viel zusammengewürfelt. Auch aus diesem Song höre ich zehn verschiedene Sachen raus. Sie haben so einen riesigen Referenzrahmen. Ich finde allerdings die Vorstellung, dass wir in 20 Jahren so über die Foo Fighters reden, ziemlich beängstigend.
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