Atari Teenage Riot & DAF - »Wir wollten die alte Welt zerstören.« Artikelbild (groß)

Atari Teenage Riot & DAF

»Wir wollten die alte Welt zerstören.«

16.06.2011, 15:04, Text: Martin Riemann, Foto: Lars Borges

Robert Görl und Alec Empire blicken zurück auf drei Jahrzehnte Zerstörung durch Musik

Der Rang eines Künstlers misst sich nicht an dem, was er schafft, sondern an dem, was er abschafft. Diese Worte des Musiktheoretikers Heinz-Klaus Metzger haben sowohl für DAF-Mitglied Robert Görl als auch für Atari-Teenage-Riot-Mitgründer Alec Empire einen hohen Stellenwert. Görl empfahl mit DAF den Punks, sich endlich ihrer Gitarren zu entledigen, und brachte damit Techno auf den Weg. Alec Empire verhinderte gemeinsam mit Hanin Elias und Carl Crack als Atari Teenage Riot, dass sich Techno zum weichgespülten Feierabendsound entwickelte. Nicht nur Martin Riemann dachte, es sei höchste Zeit, dass sich die beiden mal treffen. Im Berliner Ritz Carlton Hotel war es dann im Mai so weit.

Robert, dein DAF-Partner Gabi Delgado war ja ziemlich empört über das Buch »Verschwende deine Jugend« von Jürgen Teipel, mit dem dieser die deutsche Punkbewegung dokumentiert hat. Ging es dir ähnlich?
RG: Nein, mir ging es nicht so. Was der Gabi in dem Buch erzählt, das wollte er gar nicht, dass das da reinkommt. Der hat was abgelabert von wegen Drogen und so.

So was kommt dann natürlich gerade rein.
RG: Gabi hat das eigentlich alles als Verarsche gemeint, und der Autor hat das dann alles in das Buch reingebracht. Das war Gabi dann nachher doch nicht recht.

Dafür sind am Ende mit die besten Geschichten in dem Buch die über euch. Vor allem wird dieser Kampf zwischen Künstler und Publikum ganz gut widergespiegelt. Das kann man sich heute ja kaum noch vorstellen, dass ein Publikum kommt, weil es einen hasst.
RG: Unsere Feinde wollen uns eben teilweise auch sehen.

Ihr hattet eine Mischung gefunden, die ganz verschiedene Gesellschaftsgruppen vor den Kopf stieß.
RG: Wir wären garantiert nie so groß geworden, wenn wir nicht auch tabubrechende Storys erzählt hätten wie »Mussolini« oder die Gay-Hymne »Der Räuber und der Prinz«. Zur damaligen Zeit fielen einige unserer Sachen extrem auf. Da gab es richtige Aufrufe zur Zensur.

Wie bewusst war denn diese Provokation?
RG: Wir wollten schon provozieren, das war Absicht. Wir hatten Ende der 70er-Jahre viele Kontakte zu Performance-Künstlern. Da gab es im Ratinger Hof so Aktionen, wo irgendwelche Typen nur mit Blut und Innereien um sich schmissen. Punk ist ja auch Provokation – und wir kamen mit dem Punk daher. Zur selben Zeit gab es die Neuen Wilden von der Düsseldorfer Kunstakademie, Beuys war sehr oft im Ratinger Hof. Auch Immendorf, der ein persönlicher Freund von mir war. Das hing alles zusammen. Man wollte die Leute bewusst so richtig herausfordern. Unsere Haltung war: »Wir lassen uns von niemandem was sagen« – politisch gesehen hast du dann natürlich keinen auf deiner Seite. Wir hatten eigentlich nur in der Kunstszene richtige Freunde. Da gab es dann welche, die haben Wettficken auf der Bühne gemacht. Nach dem Motto: Wer ist der beste Ficker? Und das öffentlich. Was ich damit sagen will: Es war alles extrem provokant in dieser Szene. Und da kamen wir auch her.

Und dieser konzeptionelle Kunstbezug gehörte explizit auch zum Konzept von DAF?
RG: Es steckte viel an Idee dahinter. Wir haben immer ausführlich überlegt, viel geplant. Aber das Intuitive war bei DAF auch immer extrem wichtig. Der Gabi ist ja so ein Stand-up-Texter. Der stand total drauf zu improvisieren, während ich an den Maschinen schraubte.

Arbeitest du heute immer noch mit denselben Geräten?
RG: Ja, ich habe immer noch die original Korg-Synthesizer von damals. Die funktionieren immer noch. Das sind unglaubliche Dinger.

Welche Synthesizer sind das genau?
RG: Das sind der MS 20 und der SQ 10. Das sind zwei schwarze Kisten, Synthesizer und Sequenzer getrennt. Die haben heute noch Style.

Das Faszinierende daran ist, dass die Hersteller dieser Geräte damals nicht im Traum daran gedacht haben, was Bands wie DAF damit anstellen würden.
RG: Wir haben damit echt was erfunden. Wie du schon sagst, die waren gar nicht dafür gedacht. Aber dadurch, dass wir zum Beispiel entdeckt haben, dass man den Sequenzer als das Hauptmusikgebäude einsetzen kann, allein durch diese Idee änderte sich ja alles. Ab dem Moment machst du auf Loops basierende Musik, machst du totale Maschinenmusik, die sich dauernd wiederholt.




1 | 2 | 3 | 4 | ... weiterlesen »



Artikel kommentieren
aus Intro #194 (Jul/Aug 2011)
 
  • Mehr Infos

  •  
 
 

Social Network Login




Logge dich schnell und einfach mit deinen Social-Network-Zugangsdaten bei uns ein.
 
  • MEIST GEKLICKT

  •  
 
Anzeige
 

INTRO-TV

K.I.Z. schauen fern - Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang

K.I.Z. schauen fern

Videocheck beim splash: Von Klaus Kinski bis Fritz Lang
... mehr

 

Platten in einem Satz

Platten in einem Satz

Neu bei Intro: Plattenkritiken in SMS-Länge! Die besten "Oneliner" gibt's hier.