Neue Bands für's Jetzt
Wilhelm Tell Me
03.06.2011, 13:55, Text:
Verena Reygers, Foto: Verena Knemeyer
Im Schweizer Internet-Fernsehen mussten sie sich schon Äpfel vom Kopf schießen lassen. Gefährliche Angelegenheit, denn so, wie sich das Hamburger Wave-Indie-Quartett Wilhelm Tell Me energetisch-elektrisch verausgabt, sollte es das Obst besser essen. Oder in die Lunchbox fürs Melt! packen.
Ein putziger Knabenchor sind die vier von Wilhelm Tell Me: der kurzsichtige Frederik Deluweit als Gitarren-Hero, Matthias Kranz am Bass und im Karohemd mit folktauglicher Gesichtsbehaarung, der komplett überdrehte Henning Sommer als Sänger/Keyboarder und dann noch Jan Ostendorf, der Schlagzeuger, der sich eigentlich für zu alt hält für eine Band, die des Hipster-Indies verdächtigt wird. Zu Unrecht verdächtigt. Okay, ihr zappelnder Electrosound samt Nerd-Brillen-Auftritt im Video zu »Oh My God« ließe sich gut in die Delphic-und-Kaiser-Chiefs-Ecke der nächsten Flatrate-Indieparty einfügen. Aber wäre das der Maßstab, müsste dieser Tage die Hälfte der Neu-Bandgründungen wieder dichtmachen. Henning sieht das alles nicht so eng: »Ich denke schon, dass wir Teil sind von diesem Konglomerat. Aber wo wir da musikalisch andocken, das können wir selbst am allerwenigsten beurteilen.« Müssen sie auch nicht, Hauptsache, Melodie und Tanzbarkeit bringen dich an die Decke. In diesem Moment gerade ist alles drin – und das wiederum die Gunst der Stunde für Bands wie Wilhelm Tell Me.
Und die Stunde dieser Indiedisco-Player ist gerade erst angebrochen: Seit März 2010 gibt es die Band – kennengelernt hat man sich per Anzeige im Netz. »Ich bin gerade von Münster nach Hamburg gezogen und kannte hier niemanden, also habe ich via bandnet nach anderen Musikern gesucht«, erzählt Henning. Jan ergänzt: »Am geilsten war sein letzter Satz: ›Ihr solltet gutes Equipment haben.‹« Das bereits kursierende Gerücht, man habe sich bei einem Seminar mit dem haarsträubenden Titel »Der Rütlischwur und seine Bedeutung für die Konstitution des europäischen Nationalstaates« kennengelernt, spart sich Henning für uns zum Glück. »Nee, die Story möchte ich nicht bringen. Denn wir sind ja auch total froh, dass wir durchs Intro aufs Melt! kommen.«
Genau! Als Gewinner des kleinen Intro-Heimspiel-Wettbewerbs dürfen die Hamburger am Melt!-Freitag die Party im Intro-Zelt eröffnen. Nicht alle freut das. Prompt hinterließ ein erboster User auf intro.de einen Kommentar, Wilhelm Tell Me seien »konstruierter Hipness-Scheiß mit extrem erhöhtem Nerv-Faktor«. Die Band kratzt das eher wenig. »Hat halt jemand einen extrem anderen Musikgeschmack«, bemerkt Frederik schulterzuckend. Aber Fans und Bedenkenträger werden sich ohnehin erst so richtig munitionieren können, wenn das Debütalbum rauskommt, das dieser Tage aufgenommen wird und im Herbst erscheinen soll. Bis dahin ist die Band indes noch vogelfrei und im Intro-Zelt auf dem Melt! zu besichtigen.
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